Das schielende Huhn und Selbstreflexion

Es war einmal ein Huhn, das stark schielte.
Dieses schielende Huhn sah deshalb die ganze Welt etwas schief und glaubte, sie sei tatsächlich schief.
So sah es z. B. auch seine Mithühner und den Hahn schief. Es lief immer etwas schräg und stieß ziemlich oft gegen die Wände.
An einem windigen Tag ging das schielende Huhn mit seinen Mithühnern am Turm von Pisa vorbei.
“Schaut euch das an”, sagten die Hühner, “der Wind hat diesen Turm schiefgeblasen.”
Auch das schielende Huhn betrachtete den Turm und fand ihn aber völlig gerade. Es sagte nichts, dachte aber bei sich, dass die anderen Hühner womöglich schielten.
Von L. Malerba

Selbstreflexion ist etwas, das von einigen Menschen gerne vermieden wird. Denn Selbstreflexion bedeutet, sich, sein Handeln, sein Denken und alles, was einen ausmacht, oder vielleicht einfach nur Bruchteile seiner selbst, infrage zu stellen. Damit läuft man Gefahr, sein Selbstbild womöglich ins Negative korrigieren zu müssen. Es ist nicht nur leichter zu glauben, dass mit anderen Menschen etwas nicht stimme, sondern es ist auch eine Art von Selbstschutz. Schon Freud war der Ansicht, dass ein überzogen positives Bild des eigenen Egos etwas Natürliches ist, da es dem Schutz der eigenen Persönlichkeit dient.

Manche Menschen laufen jedoch mehr oder weniger bewusst vor Selbstreflexion weg. Sie glauben, ein voller Terminkalender und das Hetzen von Termin zu Termin impliziere ein ausgefülltes Leben. Sie schalten den Fernseher ein, um beim Einschlafen nicht von einem Gedankenkarussel über sich, sein Leben und gegenwärtige Situationen gequält zu werden. Denn immer dann, wenn man zur Ruhe kommt, wenn es still ist und man keiner Verpflichtung nachgehen muss, haben die Gedanken Zeit, sich zu entfalten. Es gibt reichlich Menschen, die das zumindest unterbewusst wissen und entsprechende Situationen so gut es geht vermeiden.

Bei der Selbstreflexion ist es unabdingbar, kritisch mit sich umzugehen und sich Fragen zu stellen, deren Antworten man vielleicht lieber in verschlossenen Schubladen lässt. Dennoch liegt in der Selbstreflexion neben einer gewissen Gefahr vor allem eine enorm große Chance. Man kann die Schwachpunkte in seinem Leben und seiner Persönlichkeit ausmachen und sich dann entscheiden, ob man sich dem Strudel des Selbstmitleids hingibt oder weiterhin lieber wieder die Taktik der Verdrängung wählt und den Terminplan für die nächsten fünf Monate ausfüllt oder aber, ob man die Erkenntnis als Chance nutzt, etwas zu verändern.

Die Selbstreflexion ist eines der nützlichsten Instrumente für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, das z. B. schon bei der Berufswahl zum Tragen kommt. Woran habe ich Spaß? Was passt zu mir? Welcher Beruf würde mich auf Dauer glücklich machen? Das sind durchaus Fragen, mit denen man sich mit seiner eigenen Persönlichkeit beschäftigt. Es sind zwar keine Fragen, die die eigene Persönlichkeit infrage stellen, es ist aber dennoch eine Reflexion seiner selbst. Härter und anstrengender sind jedoch die Fragen, in denen man sich selbst infrage stellt. Warum gerate ich immer an den Typ „Arschloch“? Warum verlaufen meine Beziehungen immer nach demselben Muster? Warum fühle ich mich von Kritik sofort angegriffen und schmettere sie sofort ab? Warum bin ich nicht glücklich mit dem, was ich habe?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht unbedingt leicht herauszufinden, erfordern Anstrengung und Selbstkritik und können das eigene Wohlbefinden erst mal senken. Um einer Verschlechterung des Wohlbefindens zu entgehen, beschäftigen sich viele gar nicht erst mit essentiellen Fragen über die eigene Persönlichkeit. Dabei wird aber dann leider auch vergessen, dass diese Beschäftigung und die womöglich unangenehmen Antworten wichtige Ansatzpunkte dafür darstellen, wie man sich selbst und seinen Umgang mit verschiedenen Dingen verbessern kann. Diese Antworten sind wahrlich eine große Chance, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Denn besser werden nur die Menschen, die an ihren Schwachpunkten arbeiten. Dafür müssen diese jedoch erst einmal erkannt werden.

„Alles verändert sich, sobald man sich selbst verändert.“
Werner Mitsch

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2 Gedanken zu “Das schielende Huhn und Selbstreflexion

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