Ein Leben lang

Auf einem anderen Blog las ich gestern den Satz, dass Partner kommen und gehen, Freunde aber ein Leben lang bleiben würden. Früher habe ich das auch mal geglaubt. Mit fortschreitendem Alter und einigen Erfahrungen mehr würde dieser Satz trotz Bindungslosigkeit und mindestens einer beständigen Freundschaft nicht mehr von meinen Lippen kommen.

Beziehungen geht man in der Regel mit dem „das ist für immer“-Gefühl ein. Auch wenn man nicht wissen kann, ob es für immer ist, die rosarote Brille trügt und die Statistik eindeutig gegen das „für immer“ spricht, steht zumindest die Attitüde dahinter.

Es ist durchaus richtig, dass viele Freundschaften einige Beziehungen überdauern. Das heißt aber nicht, dass die Freundschaft mehr wert ist als eine Beziehung. Sie findet auf einer anderen Ebene statt. In einer Freundschaft treten deutlich weniger und oftmals andere Konflikte auf. Freunde sind nicht so streng miteinander, wie es Partner manchmal sind. Von Freunden kann ich mich auch gut und gerne mal einige Wochen fernhalten. Beim Partner wird das schwieriger. Beziehungen leben unter ganz anderen Umständen als Freundschaften.

Freunde bekommen auch nicht jede Macke des anderen mit. Und selbst wenn sie die Macken kennen, können sie womöglich einfacher darüber hinwegsehen als es so mancher Partner kann. Dem Freund kann es egal sein, ob man die Zahnpastatube nicht wieder verschließt. Den Partner kann es aber mitunter jeden Morgen stören, eine unverschlossene Zahnpastatube vorzufinden. Partner sind in der Regel mit jeder Facette des Anderen konfrontiert, Freunde nicht unbedingt.

Freunde finden sich auch aus anderen Gründen zusammen als Beziehungen. Es gibt Zweck-Freundschaften, die sich einfach durch ein bestimmtes, gleiches Interesse ergeben. Natürlich sind die Freundschaften ziemlich beständig, solange dasselbe Interesse besteht. Man muss sich ja auch nicht unbedingt näher mit dem anderen Menschen auseinandersetzen. Und selbst die Freundschaften, in denen tiefe Gefühle vorherrschen folgen anderen Ansprüchen als Beziehungen.

Freundschaften fällt es daher deutlich leichter, Beziehungen zu überleben. Das heißt aber trotzdem nicht, dass Freunde unbedingt ein Leben lang bleiben. Auch wenn es hier und da Freundschaften bei Menschen gibt, die in der Kindheit begonnen haben und bis zum Ende des Lebens bestehen bleiben, gibt es durchaus bei einzelnen Freunden oder auch bei ganzen Freundeskreisen Fluktuationen.

Das Leben verändert sich, Interessen verändern sich und der Mensch selbst verändert sich. Das kann Freundschaften verändern oder zerbrechen lassen. In unterschiedlichen Lebensphasen ist es nicht unbedingt unüblich, unterschiedliche Freunde zu haben. In der Schule hat man einen Freundeskreis, im Studium oder der Ausbildung lernt man Freunde kennen, auf der Arbeit, in der Spielgruppe, im Kindergarten und auch bei allen anderen Stationen, die der Zug des Lebens anfährt. Bleiben diese Freunde tatsächlich alle ein Leben lang? Ist es nicht so, dass Menschen oft in unser Leben treten und nach einer unbestimmten Zeit selbiges auch wieder verlassen?

Freunde sind wertvoll, keine Frage. Beziehungen sind es aber auch. Beides hat seinen Sinn und seine Erfüllung. Das eine über das andere zu stellen, wäre unfair. Die Bedingungen sind nicht gleich. Bei beidem ist die schönste und romantischste Vorstellung, dass die Bindung, die man zum Menschen hat, für immer bleibt. Eine Garantie gibt es dafür aber nicht.

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8 Gedanken zu “Ein Leben lang

  1. Ein Partner ist auf viel mehr Ebenen an deinem Leben beteiligt. Er ist Mitbewohner und irgendwie auch Familie und wenn alles gut geht, bringt er auch viele Eigenschaften eines guten Freundes mit. Kann man also nicht wirklich vergleichen, wie du ja auch schreibst.

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  2. Wunderbar heraus gearbeitete Unterscheidungen! Schön finde ich auch, dass Du dem Gefühl, dass das Neue für immer sein könne und solle, das Wort redest.
    Ja, ich finde das auch: Man verliert etwas, wenn der „Realismus“ so Einzug hält, dass das wegfällt. Ich frage mich nur, wie weit man sich dagegen wehren kann? Lebensabschnitte hinterlassen wie deren Partner Furchen. Und darum ist es wohl eine ganz besondere Art der Lebenskunst, die tiefe Gefühlsliebe mit diesem Anspruch immer wieder zu wagen, sich überhaupt diese Möglichkeit zu erhalten.

    Du hast völlig recht mit den ganz unterschiedlichen Gewichtungen, dem Einfluss von Marotten. Dennoch glaube ich, dass auch und gerade in Partnerschaften der Umgang freier wird, wenn man seine Erwartungen in ganz praktischen Dingen im Zaum halten kann: Mit einem halben gelebten Leben passt man sich niemals mehr völlig einem anderen Menschen an. Nicht auf Dauer. Deswegen halte ich viel davon, dass man sich länger besucht – und nicht gleich zusammenzieht.

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    1. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, Partnerschaften frisch und spannend zu halten. Wenn die rosarote Brille allerdings auf der Nase sitzt, zieht man lieber gestern als morgen mit dem anderen zusammen ;) Rationalität und Emotionalität in Einklang zu bringen, ist kein leichter Balanceakt. Manchmal helfen uns unsere (negativen) Erfahrungen dabei. Schade wäre aber, wenn uns unsere negativen Erfahrungen die Fähigkeit zur schönen Illusion nehmen würden.

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  3. Also Partner müssen nicht immer nach Beendigung der Beziehung gehen. Es gibt auch die Freundschaft danach, das kommt aber immer auf das Gegenüber drauf an. Wem es stört, das man als Ex-Partner die Schwächen kennt und das auch der Grund für die Trennung war, kann auch keine Freundschaft daraus entstehen bzw. als Freundschaft weiter laufen.

    Meine Freundschaften z.B. sind über 10-20 Jahre alt und sie halten trotz Heirat, Kind, Umzug, Krankheit etc. Und damit meine ich enge Freundschaften und nicht die Zweckfreundschaft..
    Und ich finde auch, das gute Freunde so ziemlich alles wissen müssen/sollten, manchmal sogar mehr als die Partner. Denn nur dann kann man ne ganz ehrliche, aufrichtige und liebevolle Freundschaft pflegen! Das kann nicht jeder.
    Negative Erfahrungen bringen uns auch tatsächlich weiter (sieht auch nicht jeder so), so sollte es aber jedenfalls sein. Das sind ja die sogenannten Lebenserfahrungen ;) Die uns prägen und uns leben lassen. (Und lieben).

    Aber ich glaube auch, das ein Partner – sofern man sich gut kennen lernt und gut kennt, Kompromisse mit seinem Gegenüber eingehen kann, was gewisse Umstände betrifft, die man sonst nur aus Freundschaften kennt.
    Also ich kenne solch ein Paar. Es gibt also nichts, was es nicht gibt!
    Ich weiß nicht, ob das jetzt nachvollziehbar von mir erklärt werden konnte :)

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    1. In den meisten Fällen funktioniert eine Freundschaft nach einer Beziehung nicht. Ausschlaggebend ist dafür aber auch, was der Grund der Trennung war und inwieweit noch Gefühle im Spiel sind.

      Ich habe mal den Satz gelesen, dass Beziehungen ein ewiges Ringen um Kompromisse sind. Aber im Endeffekt ist das in jeder Form von Beziehung so, ob Freundschaft oder partnerschaftliche Beziehung. Jeder muss mal dem anderen zuliebe zurückstecken.

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      1. Also bei mir hat es in zwei Fällen funktioniert. Kommt halt immer drauf an, wie man miteinander umgeht, wie reflektiert man die Beziehung gemeinsam sieht, drüber spricht, wie man sich trennt….und gemeinsam beendet – statt von einer Seite aus. Glaub das ist auch der springende Punkt. Wird das einseitig beendet, brauch man darüber – über Freundschaft – auch gar nicht reden, geschweige denn, nachzudenken ;)

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