Schicksal Trennungskind

Wahrscheinlich kann niemand, der es nicht selbst erlebt hat, nachempfinden, wie es sich anfühlt, ein Trennungskind zu sein. Es ist ein trauriges Schicksal und härter als so mancher glauben mag. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die dasselbe Schicksal mit sich tragen. Manche davon waren traumatisiert, andere kamen besser damit zurecht. Manche bildeten eine Essstörung aus, andere Depressionen und wiederum andere wurden alkoholkrank. Manche bildeten auch „nur“ Verlustängste aus. Jeder dieser Menschen trägt auch Jahre später noch eine Wunde in seinem Herzen und ein Päckchen auf seinem Rücken.

Manchmal fragt man sich, wie sein eigenes Leben verlaufen wäre, wenn die Eltern sich nicht getrennt hätten. Dahinter steht jedoch nicht der Wunsch, dass die eigenen Eltern wieder zusammenfinden, sondern die Frage danach, inwieweit die Trennung das eigene Leben verändert hat. Leider haben die Eltern unserer Generation die Auswirkung unterschätzt, die eine Trennung auf Kinder hat. Von den Auswirkungen viele Jahre später ganz zu schweigen. Man kann ihnen allerdings keinen Vorwurf daraus stricken. Sie wussten es nicht besser. In ihrer Generationen haben sich die Eltern nicht getrennt. Woher hätten sie auch wissen sollen, was nach einer Trennung das Beste für ein Kind ist?

Wie jeder Mensch haben auch Eltern ein Recht darauf, glücklich zu sein und ihr Leben so zu gestalten, wie sie glücklich sind. Wenn sie in ihrer Beziehung oder Ehe auf Dauer unglücklich sind, entscheiden sie sich dafür, getrennte Wege zu gehen. Dass dieses Erlebnis bei so manchem Kind allerdings ein Trauma auslöst, ist den wenigsten bewusst. Außerdem kann sich durch solch starke Lebensveränderungen und schwierige Erlebnisse in der Kindheit der Stoffwechsel im Gehirn der Kinder verändern. Diese Veränderung kann zu psychischen Leiden wie Depressionen führen, die sich unter Umständen erst viele Jahre später zeigen.

Ich habe viele Menschen kennengelernt, bei denen die Trennung der Eltern viele Jahre, manchmal auch über zwei Jahrzehnte, zurückliegt und die noch immer an den psychischen Folgen knabbern. Oftmals haben Eltern versäumt, ihre Kinder nach der Trennung zu einer Therapie zu schicken. Oftmals fällt Eltern auch gar nicht auf, dass sie bedingt durch die Trennung so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass die Kinder emotional allein gelassen werden.

Es leiden aber natürlich nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern unter der Trennung. Trotzdem wird oft angenommen, dass Kinder die Trennung auf irgendeine Art auch selbst verarbeiten können. So, wie Eltern eben eine gescheiterte Beziehung verarbeiten. Mit den neuen Lebensumständen kommt man als Kind irgendwann auch zurecht, weil es die Gewohnheit möglich macht. Die Seele ist aber dennoch nicht geheilt. Kinder sind noch nicht gefestigt und nicht in der Lage, solche Erlebnisse alleine zu verarbeiten. Mit zunehmendem Alter rückt das Erlebnis der Trennung zwar auch zunehmend weiter in die Vergangenheit, aber die Annahme, dass die Verarbeitung deshalb leichter falle, ist nach meinen Erfahrungen und Begegnungen mit anderen Trennungskindern falsch.

Wie gut man in der Zukunft mit der Trennung der Eltern zurechtkommt, entscheidet sich vor allem in der Zeit der Trennung und der Zeit danach. Insbesondere die professionelle Hilfe und der Umgang der Eltern mit den Kindern sind wichtige Faktoren für eine gute Verarbeitung der Trennung. Genau hier liegt aber leider auch oft das Versäumnis der Eltern. Keine therapeutische Hilfe und weniger Liebe, als man sie eigentlich brauchen würde, hinterlassen noch lange ihre Spuren im Sand des Lebens. Bis diese Spuren im Sand verblassen, werden sich Ebbe und Flut noch oft die Hand geben.

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20 Gedanken zu “Schicksal Trennungskind

  1. Du bist ja nun deutlich jünger als ich, aber als ich noch ein Kind war, da gab es keine Therapiestunden, sowas kannte man schlichtweg im Prinzip noch nicht, jedenfalls sagte das mal mein Therapeut zu mir, vor ein paar Jahren. Ich war zwar kein Trennungskind, hätte aber als Kind dennoch eine Therapie gebraucht, gebrauchen können, doch da war sowas bei Otto Normalverbraucher irgendwie nicht vorhanden. :-( Heutzutage ist das anders, und die Eltern sollten auch den Mut haben, sich professionelle Hilfe zu holen, für sich und ihr Kind.

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      1. In der Generation meiner Großeltern hatte man schon Angst, als nicht mehr klar im Kopf zu gelten, wenn man einen Termin beim Neurologen hatte.
        Nach längerer Beschäftigung mit dem Thema weiß ich, dass Depressionen z. B. eine Krankheit sind, die jeden Menschen treffen kann. Ich habe schon Menschen kennen gelernt, die Depressionen für Faulheit gehalten haben und später selbst daran erkrankten.

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  2. Mhmm. Schwieriges Thema. Und wie Linda schon schreibt, früher gab es keine Therapie etc. Ich selbst bin kein Trennungskind, aber bis heute habe ich den Satz in meinen Ohren, das man sich wegen mir nicht geschieden hat….ich weiß ehrlich gesagt nicht, was schlimmer ist, denn bis heute sind genau die Konflikte vorhanden (auch mit mir), wie damals. Oder wird versucht, an mir auszutragen. Etc. Etc.
    Meine Eltern würden mich auslachen, wenn ich ihnen vorschlagen würde, eine Paartherapie zu machen. Naja. Ist halt auch ein Generationsproblem, so denke ich.
    Ich kenne aber auch ehemalige Freunde, die gewartet haben, bis zur Scheidung, weil sie wollten, dass das Kind entscheiden kann, zu wem es gehen möchte.

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    1. Kindern ist auch nicht geholfen, wenn die Eltern nicht mehr miteinander können, dem Kind zuliebe allerdings dennoch zusammenbleiben. Wenn die Beziehung der Eltern nicht mehr funktioniert, merken Kinder das und leiden auch mehr oder weniger bewusst darunter.

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  3. ..bin über Linda auf deinen Blog gelangt ..

    Echt ein schwieriges Thema. Ganz sicher hast du mit all dem Recht, was du hier schreibst. Bei so tiefgreifenden Konflikten in der Familie, die zur Trennung führen, fehlt für ein Kind einfach die stabile, liebevolle Basis und Sicherheit bei den Eltern, die ihre Gemeinsamkeit dem Kind geben könnte ..die aber nun nicht mehr vorhanden ist … Und in den 70ern z. B. war es eben nocht nicht so üblich in Deutschland, sich psychologische Hilfe zu suchen ..das war eher „stigmatisiert“.

    Bestimmt reagiert jedes Kind unterschiedlich auf so eine familiäre Zerrüttung. Und es gibt noch andere Extreme .. z. B. in Fällen, wo keine Trennung stattgefunden hat – das Kind sich dies aber irgendwann sehnlichst gewünscht hat! ER soll gehen und nicht wiederkommen! Das mag sich vielleicht im ersten Moment seltsam anhören, aber ich kenne so ein Beispiel .. leider. Auch das kann tiefe Spuren in der Seele eines Kindes hinterlassen. Eine Trennung hätte in dem Fall höchstwahrscheinlich zur Folge gehabt, dass das Kind stabiler und glücklicher an der Seite allein der Mutter gelebt hätte..und nicht Tag für Tag die unerträgliche Dreier-Konstellation hätte durchstehen müssen. Und auch die Mutter wäre freier gewesen ..aber sie konnte sich eben nicht rechtzeitig befreien.

    Schlimm, was Menschen sich gegenseitig manchmal antun .. Oft findet man Erklärungen dafür, sehr oft in der eigenen Kindheit dieser Menschen, die sie geprägt hat, und aus dieser Prägung konnten sie sich nie lösen und haben einfach weitergegeben, was sie selbst Negatives erfahren haben. Mit dieser Aussage möchte ich aber nichts entschuldigen – denn die betroffenen Kinder können ja auch nichts dafür und müssen umso mehr kämpfen im Leben, um dann selbst doch Liebe fühlen und geben zu können..trotz ihrer schlechten Erfahrungen.

    Liebe Grüße,
    Ocean

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    1. Ich finde, dass der Psyche häufig zu wenig Beachtung geschenkt wird. Es muss nicht unbedingt eine Trennung sein, die psychische Leiden auslöst. Manchmal ist es auch ein plötzlicher Tod eines Angehörigen oder katastrophale Familienverhältnisse. Die Gefahr liegt vor allem darin, dass Kinder nicht gefestigt sind und es in der Zukunft viele Schwierigkeiten bergen kann, wenn der Stoffwechsel des Kindes durch diese Erlebnisse beeinträchtigt wird. Ich habe die Hoffnung, dass die Generation der Trennungskinder sensibler dafür wird, was Kinder alles beeinflussen kann und man seine Scheu davor ablegt, sich professionelle Hilfe zu holen.

      Liebe Grüße zurück.

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    2. Ich glaube daran, dass man nicht sein leben lang geprägt ist. Vielleicht fällt mir das als Informatiker leichter. Aber im Grunde ist unser Hirn auch nur ein großes Computerprogramm. Wenn, dann … sonst .. Nur sitzt da keiner mit ner Tastatur davor und kann unerwünschte Programmblöcke austauschen und neu schreiben. Das ändern/ neu schreiben im Hirn ist komplizierter und bedarf vieler Wiederholungen, um einen neuen Wenn-Dann-Zweig wachsen zu lassen. Vor allem wenn man kein Kind mehr ist. Jemand mit Schlaganfall muss auch vieles neu lernen und es geht. Kein Schicksal muss endgültig sein.

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  4. Die letzten Monate haben mich viel gelehrt. Nicht nur als Trennungskind hat man ein hartes Schicksal. Auch vieles was in der ach so heilen Welt passiert, kann Spuren auf der Seele hinterlassen. Zu viel Liebe kann genauso schädlich sein. Genauso wie es noch andere Einflüsse gibt außerhalb der heilen Fassaden. Ob ein Therapeut immer helfen kann, weiß ich nicht. Dafür laufen zu viele komische Vögel unter den Therapeuten rum. Aber einen Versuch ist es immer wert. Und notfalls eben ein paar Therapeuten ausprobieren. Und zum „Glück“ leben wir in einer Zeit in dem der Gang zum Psychologen kein Stigma mehr ist. Ich glaube das wichtigste ist, dass man irgendwann begreift, dass man selbst für sein Leben verantwortlich ist. Dass man selbst nicht weniger und nicht mehr wert ist wie andere Mensch auch. Dass man Verantwortung für sein eigens Selbst für sein eigenes Leben übernehmen muss. Wenn ich merke, dass ich Wunden auf meiner Seele habe, die mir selbst im Wege stehen, dann liegt es in meiner Verantwortung sie heilen zu lassen. Ob ich den Weg der Therapie gehe oder einen anderen Weg, dass ist jedem überlassen. Egal wie die Vergangenheit war und welches Schicksal man zu tragen hat, am Ende ist es unser Leben. Und wir allein entscheiden, wie es weitergeht.

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    1. Wenn man begriffen hat, dass man selbst für sein Leben verantwortlich ist und wenn man begriffen hat, dass man Päckchen aus der Vergangenheit mit sich rumträgt, die man alleine nicht abwerfen kann, dann ist auch die Erkenntnis da, sich Hilfe zu holen und der unbedingte Wille, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen und es selbst zu gestalten.
      Ich stimme deinem Kommentar vollkommen zu.

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  5. Nachtrag: Irgendwie komm ich immer wieder zu dem Punkt, dass ich es hätte schlimmer erwischen können. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Er hat meine Mutter verlassen bevor ich geboren wurde (entweder ich oder das Kind). Ich hab ihn nie getroffen und mit dem Thema abgeschlossen (ich will ihn nicht treffen. Wozu?). Aber dadurch bin ich in einer konstanten Umgebung aufgewachsen. Behütet von Mutter und Großmutter auf dem Dorf. Immer von den gleichen Leuten/ Freunden umgeben. Nie in den Himmel hoben und nie niedergemacht. Nie ganz unten in der Nahrungskette und nie ganz oben. Es gibt sicher Leute, die behaupte, dass ich nicht normal sein kann, weil ich ohne Vaterfigur aufgewachsen bin. Aber alles in allem, muss ich sagen, ich bin mittlerweile dankbar. Dankbar vor allem dafür, dass ich ein stabile Selbstwertgefühl aufbauen konnte. Und man mir nie Steine in den Weg gelegt hat. Nur so konnte ich zu jemanden heranwachsen werden, den man nicht runter machen kann und nicht in den Himmel heben kann, Ich weiß wer ich bin, Ich Zweifel nicht an mir als Mensch, auch wenn ich für den ein oder anderen komisch erscheinen mag – weil nicht massenkompatibel. Das ist mit Sicherheit schwieriger, wenn du in einem instabilen Umfällt aufwächst.

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    1. Ich glaube nicht, dass man zwangsläufig darunter leiden muss, wenn man anders aufwächst, als es die Psychologen für normal halten. Ich glaube aber schon, dass viel davon abhängt, wie man mit Kindern in solchen Situationen umgeht. Vielleicht würde es dir heute schwerer fallen, wenn du überbehütet worden wärst. Vielleicht würde es dir aber auch heute schwerer fallen, wenn deine Mutter die Wut auf deinen Vater an dir ausgelassen hätte, weil sie ihn in dir vielleicht ein Stück weit sieht. Von deiner Beschreibung her finde ich allerdings, dass deine Mutter einen sehr guten Weg gewählt hat.

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  6. Ein interessanter Artikel. Ich sehe den Aspekt Trennung ein Stück anders. Ich denke, manchmal ist Trennung die beste Lösung und ein ungutes Zusammenbleiben würde mehr Schaden anrichten, da das Kind die Botschaft mitbekommt, an Dingen festzuhalten, die nicht gut tun. Eine positive Trennung ohne Bitterkeit und Krieg, bei der man dennoch in der Lage ist eine Art Beziehung (Elternbeziehung aber keine Paarbeziehung mehr) zu behalten kann für ein Kind eine wichtige und gute Erfahrung sein.
    Andererseits kann eine schlimme Trennung tatsächlich großen Negativeinfluss haben und zu den von dir beschriebenen Folgen führen.
    Ich denke, Trennung sollte gesellschaftlich anders bewertet werden, nämlich nicht als „Scheitern“ sondern als etwas, das auch gut sein kann. Manchmal tut es gut sich von etwas zu lösen – solange es für das Kind nicht bedeutet, nun einen geliebten Menschen völlig zu verlieren.

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    1. Wenn Eltern sich aufgrund des Kindes nicht trennen, ist dem Kind auch nicht geholfen. Die familiären Spannungen und die Sensibilität für die Paarbeziehung der eigenen Eltern hinterlassen dann auch ihre Spuren in der Seele.
      Eine Trennung kann für alle Beteiligten eine neue Chance sein und ist per se auch nicht unbedingt schlecht. Mir geht es nur darum, dass mit Kindern danach entsprechend umgegangen wird und sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass es kein Lebensereignis ist, das man innerhalb von drei Monaten verarbeitet hat.

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      1. Mein eigenes Beispiel zeigt ganz gut wie die gleiche Situation zu völlig anderen Schlußfolgerungen kommen kann. Meine Eltern hatten eine schwierige Beziehung und meine ältere Schwester war immer der Meinung, dass es besser wäre, wenn sich meine Eltern trennen, damit diese leidigen Streitereien aufhören. Ich war immer der Meinung, dass es besser wäre, wenn sie zusammen bleiben. Sie sind zusammen geblieben. Meine Schwester wirft es meinem Vater heute noch vor. Ich bin heute noch dankbar, dass sie sich nicht getrennt haben. Meine Eltern streiten sich immer noch, aber in einem Alter, wo die Wehwehchen nicht mehr weg gehen und einige bereits gestorben sind, merken sie doch wie dankbar sie sein können.
        Mein Eindruck im Bekanntenkreis ist, dass Trennungen heute „besser“ funktionieren. Es gibt einfach so viele Trennungen, dass der „Makel“ der dem früher anheftete nicht mehr gegeben ist. Letztlich hängt es immer vom Einzelfall ab.

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      2. Ich stimme dir zu, dass es immer vom Einzelfall abhängt.
        Dass man sich früher nicht getrennt hat, lag vermutlich auch weniger an den Kindern als mehr an dem „Makel“. Sowas machte man einfach nicht.

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      3. Genau, „so was machte man nicht“. Wenn Du Dir jetzt überlegst wie viele sich damals selbst verleugnet haben und in einer scheiß Ehe geblieben sind, weil man so etwas nicht machte.

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      4. Habe keine Zahlen, aber vom Gefühl würde ich auch sagen, dass es früher eher die Männer waren, die ihre Frau verlassen haben. Heute sind es definitiv die Frauen, die ihre Männer verlassen. Mein Gefühl ist auch, dass Frauen eher den Stecker ziehen wenn etwas nicht läuft und dann lieber alleine weiter leben. Männer „springen“ erst, wenn die nächste bereits da ist. Auch das kann ich nicht mit Zahlen untermauern.

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