Dein Schmerz ist auch mein Schmerz

Warum muss man eigentlich gähnen, wenn man eine andere Person gähnen sieht? Warum müssen wir mitlachen, wenn andere Menschen lachen? Und warum fließen bei traurigen Filmszenen die Tränen? Den Grund dafür sieht die Wissenschaft in den Spiegelneuronen, die in etwa dem Motto „dein Schmerz ist auch mein Schmerz“ folgen.

Vor etwa 20 Jahren sind Wissenschaftler in einem Experiment auf die Spiegelneuronen gestoßen. Sie überwachten die Gehirnaktivitäten bei einem Affen, als er nach einer Banane griff und sie aß. Später ließen sie den Affen beobachten, wie ein Mensch nach einer Banane griff und sie aß. Es zeigte sich, dass die Nervenzellen beim Affen in dem gleichen Maße reagierten, als ob er die Handlung selbst ausgeführt hätte. Er konnte die Handlung mitfühlen und nachempfinden. Die sogenannten Spiegelneuronen machten es möglich und waren offiziell geboren. Dass dies auch für Menschen gilt, wurde vor drei Jahren nachgewiesen.

Jeder Mensch wird mit Spiegelneuronen geboren. Allerdings braucht es eine Bezugsperson, die die Spiegelaktionen aktiviert. In den meisten Fällen stellt die Mutter diese Bezugsperson dar. Man geht davon aus, dass sich die Spiegelneuronen bis zum 4. Lebensjahr vollständig entwickelt haben. Sollte man allerdings negative Erfahrungen machen und die Fähigkeit des Spiegelns unterdrückt oder nicht genutzt werden, geht sie nach der Devise „use it or lose it“, die nach Ansicht der Wissenschaftler auf alle Nervenzellen zutrifft, verloren. Wie variabel also das Mitgefühl eines Menschen mit einem anderen ist, hängt von den vergangenen Erfahrungen ab.

In Experimenten hat man herausgefunden, dass die Hirnareale der Spiegelneuronen bei Autisten nur sehr schwach aktiv sind und Psychopathen diese Areale mehr oder weniger nach Belieben aktivieren oder inaktivieren können. Der reine Besitz dieser Nervenzellen reicht somit nicht aus, sich in einen anderen Menschen einzufühlen und Handlungen nachempfinden zu können. Trotzdem erleichtern sie das Leben auch dann, wenn der Grad des Mitgefühls nicht allzu hoch ist. Sie führen Situationen und Handlungen im Kopf schon zu Ende, bevor man realisiert hat, was passiert. Dadurch, dass man z. B. intuitiv weiß, wohin sich Menschen bewegen, läuft man nicht allzu häufig gegen sie.

Interessant ist auch, dass Menschen, die eine Rehabilitation machen, ihre Beweglichkeit schneller wiedererlangen, wenn man ihnen vor der Trainingseinheit Videos von neu zu erlernenden Übungen vorspielt. Die Spiegelneuronen haben in der Regel eine überaus positive Wirkung auf Menschen und kommen vor allem auch in zwischenmenschlichen Beziehungen oft vor. Es ist nicht selten, dass man mitleidet, wenn der Partner leidet. Genauso ehrlich freut man sich aber auch mit dem Partner, wenn er sich freut.

Spiegelneuronen können uns zu Empathie, Mitgefühl und Nachempfinden verhelfen. Sie verbinden uns mit anderen Menschen und lassen uns auch ihr Verhalten unterbewusst verstehen. So manchem Menschen würden auch auf der Beerdigung eines wildfremden Menschen die Tränen über die Wangen rollen. Aber das ist in Ordnung. Wenn wir weinen müssen, weil wir traurige Filmszenen sehen, wenn wir lachen müssen, weil andere lachen oder wenn wir gähnen müssen, weil andere gähnen, dann können wir stolz auf die Fähigkeit sein, mitfühlen und nachempfinden bzw. spiegeln zu können.

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6 Gedanken zu “Dein Schmerz ist auch mein Schmerz

  1. Spiegelneuronen sind eine tolle Sache. Sie zeigen, dass wir nicht dafür gemacht sind, alleine zu sein. Wir reagieren auf unsere Mitmenschen, wir fühlen mit. Außerdem heißt das, dass wir durch unsere Stimmung andere beeinflussen können. Sind wir glücklich, werden andere es auch, wegen uns. Ich finde das großartig :)

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  2. Prinzipiell ist es ja nicht so, dass die Existenz von Mitgefühl/ Empathie oder auch das an und ausschalten von Mitgefühl/ Empathie (ich glaube nicht, dass das nur Psychopathen können) eine bahnbrechende neue Erkenntnis ist. Man versucht jetzt nur wissenschaftliche Erklärungen zu finden. Ich bin immer ein wenig skeptisch bei solchen Screenings etc. Auch bei einem toten Fisch kann man noch Hirnaktivitäten sichtbar machen. Wir können den Quellcode unseres Hirns nicht einfach downloaden und analysieren. Wir versuchen nur die durch technische Mittel möglichen Reaktionen im Hirn sichtbar zu machen und dann stellen wir Theorien auf. … Ok wir nennen das neu entdeckte dann halt Spiegelneuronen weil das irgendwie aus unserer Sicht und den bisherigen Erkenntnissen ein netter Name ist. Aber wie sie wirkliche funktionieren und gesteuert werden, wissen wir nicht. Aber egal, Hauptsache wir haben jetzt eine Erklärung, dass es Mitgefühl/ Empathie doch wohl tatsächlich gibt. Für etwas was wir eigentlich doch schon immer wussten, oder? Der Mensch war Zeit seines Lebens ein Rudeltier und kein einsamer Wolf. Und da braucht es bestimmte Mechanismen um sich gemeinsam durchs Leben zu kämpfen (gehts mir schlecht, hilfst du mir, geht es dir schlecht helfe ich dir). Und nun? … Ich glaube nicht, das wir jemals alles wirklich verstehen und wissenschaftlich erklären können. Und man kann nur hoffen, dass man aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen keine falschen Schlüsse zieht. Es wurde ja mittlerweile auch zum Erstaunen mancher Wissenschaftler nachgewiesen, dass bei Hirnverletzungen andere Regionen des Hirns die Aufgaben der zerstörten Regionen übernehmen können und so weiter. Und man kann sicher auch vieles bewusst oder unbewusst erlernt steuern, sonst könnte wohl niemand über heiße Kohlen laufen oder seinen Herzschlag auf ein Minimum runterschrauben. Es gibt mit Sicherheit auch angeborene Störungen, so dass manche Dinge wie z.B. Schmerzempfinden anders ablaufen als bei den meisten Menschen. Aber ich glaube dass dies schwerer nachzuweisen ist als ein angeborener Herzfehler. Bleibt also zu hoffen, dass man keine falschen Schlüsse zieht, wenn man mal wieder ein Screening bei jemanden macht.

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    1. Für die Wissenschaft ist ja immer erst wahr, was man auch bewiesen hat. Und ein Beweis ist nur solange gültig bis er widerlegt wird – dass das, was man bewiesen hat, unbedingt so ist, ist durch den Nachweis aber auch noch nicht gesagt.
      Ich hoffe sehr, dass die Wissenschaft niemals alles beweisen können wird. Sonst wäre Liebe irgendwann kein Gefühl mehr, sondern irgendein Prozess, den man mit irgendwelchen Tabletten hervorragend in den Griff kriegen kann.

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      1. Ist Liebe wirklich ein Gefühl bzw. wie definiert man Liebe überhaupt? Hat das nicht nur etwas mit subjektivem empfinden zu tun, was jeder selbst als Liebe empfindet. Wo wir wieder bei der Wissenschaft wären :-) Gibt es zur Liebe eine anerkannte wissenschaftliche Definition? .. Jetzt wirds philosophisch :-)

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      2. Ironischerweise lese ich gerade ein philosophisches Buch über Liebe ;) Demnach ist Liebe ein Gefühl (und strikt von der Emotion getrennt). Eine allgemeingültige Definition über Liebe gibt es allerdings nicht. Die Wissenschaft macht um die Liebe gerne einen großen Bogen oder verwechselt sie mit Sex.
        Meiner Meinung nach darf die Wissenschaft aber weiterhin einen großen Bogen um die Liebe machen. Unser Leben wäre nicht mehr das gleiche, wenn es irgendwann Tabletten für oder gegen die Liebe gäbe.

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