Arbeiten, um zu überleben

Vor gut einem Monat wurde bekannt, dass fast jeder zehnte Deutsche, der einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgeht, einen Zweitjob ausübt. Eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums begründete dies mit gestiegener Konsumlust und schlug damit jedem Menschen ins Gesicht, der seine Existenz nicht mit seinem regulären Job sichern kann.

Statt darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn zahlreiche Menschen einem Zweitjob nachgehen, hakt das Bundesarbeitsministerium dies lieber mit einem Argument ab, das getrost in die Kategorie „selbst Schuld“ geschoben werden kann. Die Linken-Politikerin Zimmerman hingegen sieht die Tatsache als einen Beleg dafür an, dass das Einkommen vieler Menschen zunehmend nicht mehr ausreicht, um das Leben bestreiten zu können.

Vor knapp drei Jahren gab es in Deutschland noch das Lohnabstandsgebot, das vereinfacht besagt, dass jeder, der arbeitet, mehr Geld zur Verfügung haben muss, als jene Menschen, die arbeitslos sind. Ganz nach dem Motto: Leistung muss sich lohnen. Doch wo lohnt sich Leistung? Es gibt zahlreiche Menschen, die trotz Arbeit Zuschüsse vom Staat brauchen, weil ihr Geld vorne und hinten nicht zum Leben reicht. Daher habe ich auch großes Verständnis für Menschen, die nicht jeden Job annehmen, den man ihnen bietet. Es geht nicht darum „Hauptsache Arbeit zu haben“, sondern darum, dass sich die Leistung lohnen muss.

Es geht auch nicht darum, übermäßig viel Geld zu verdienen und im Reichtum zu schwimmen, sondern darum, dass man angemessen entlohnt wird und mit Arbeit spürbar mehr Geld im Portmonee hat als ohne. Jene Menschen, die einem Zweitjob nachgehen, liegen über der Lohngrenze, bei der man noch Zuschüsse vom Staat erhält. Geht man nun von der Notwendigkeit des Zweitjobs aus und nicht von der gestiegenen Konsumlust, bedeutet das, dass sogar der Verdienst, bei dem man nicht mehr zuschussberechtigt ist, nicht adäquat zum Leben ausreicht. Die Preise erhöhen sich, das Leben wird teurer und an private Altersvorsorge ist für viele kaum noch zu denken, weil die Löhne nicht entsprechend an den Preis des Lebens angepasst werden. Es geht zunehmend nur noch darum, die Existenz im Hier und Jetzt zu sichern.

Würde man eine Bundestagsabgeordnetendiät von mehr als 8.000 Euro im Monat bekommen, würde es möglicherweise auch schwer fallen, zu begreifen, wie es sein kann, dass Menschen arbeiten und von ihrem Lohn nicht leben können. Zynisch gesagt schaffen es Hartz IV-Empfänger schließlich von knapp 400 Euro im Monat zu leben. Da wird die Rechnung dann allerdings ohne die finanziellen Notwendigkeiten gemacht, die eine Beschäftigung mit sich bringen kann (Arbeitskleidung, Benzinkosten etc.). Letztlich sollte es aber nicht nur darum gehen, dass man lebt, sondern wie man lebt. Menschen, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, sollten sich finanziell mehr in ihrem Leben leisten können, als jene, die arbeitslos sind. Der Gürtel muss jedoch fast überall immer enger gezogen und die Schnalle bald durch Plastik ersetzt werden – man kann sich ja nichts mehr leisten.

Die meisten Menschen leben nicht, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um leben zu können. Traurig ist allerdings, dass viele nicht den Lohn bekommen, der ihre Leistung widerspiegelt und sie sich trotz harter Arbeit kaum etwas gönnen können. Im Grunde arbeiten die Menschen nicht, um zu leben, sondern um zu überleben. Sie haben zu wenig Geld zum Leben und zu viel zum Sterben. Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass es auch zu wenig zum Sterben sein könnte. Beerdigungen sind schließlich teuer.

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4 Gedanken zu “Arbeiten, um zu überleben

  1. gestiegene konsumlust? diese aussage ist einfach unerhört! man sieht, ja wo alles hinführt. und ein obdachloser bettelt nur, weil er sich ein neues auto kaufen will. lachhaft!

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  2. Fangen wir mal mit den unschönen Dingen an. Ein Zweitjob kann auch etwas sein, was man aus Spaß nebenbei macht. Theoretisch. Wie bei jeder Statistik wäre zu klären, was das alles wieder im Detail bedeutet und was da alles reingeflossen ist.

    Ich würde aber auch davon ausgehen, dass die meisten eine Zweitjob annehmen, um zu überleben. In Estland ist dies teilweise üblich. Da jammert dann aber auch keiner und schreit nach staatlichen Zuschüssen, sondern sie nehmen es hin und arbeiten dann halt 16 Stunden am Tag. Arbeiten um zu überleben. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich das gut heiße. Jede Arbeit hat ihren Sinn, sonst müsste sie ja keiner machen und dafür auch noch jemanden entlohnen. Müssen Tätigkeiten wirklich so unterschiedlich entlohnt werden? Am Ende machen wir doch alle das gleiche, wir tun Dinge, die wir können, zuverlässig und sorgfältig. Ich hab mich auch immer gefragt, warum jemand mit Dr. Titel mehr verdienen muss als einer ohne, auch wenn sie den gleichen Job machen. Werd ich nie begreifen.

    Ist der Mensch wirklich in der Lage, soziale Gerechtigkeit durchzusetzen? Oder sind wir uns alle nicht doch die nächsten und nehmen was wir kriegen können und sollen die anderen doch sehen wie sie überleben.

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    1. Der Lohn ergibt sich ja letztlich auch nur durch Angebot und Nachfrage. In den Ausbildungsberufen, in denen Azubis rar sind, werden sie mit hohen Ausbildungsgehältern gelockt, während z. B. KFZ-Azubis innerhalb der Ausbildung am Hungertuch nagen (und danach oftmals auch noch).
      Viele sind sich selbst die Nächsten – zumindest, wenn es um Geld geht.

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