Wenn Helden sterben

Für die einen ist Superman oder Batman, für die anderen Robin Hood oder Hercules der Held der Kindheit. Doch nicht von ihr. Ihre Kindheit hat einen anderen Helden.
Ihr Held konnte unvergleichliche Pfannkuchen backen, jagte Verbrecher in Form von Spinnen, ließ das Licht an, damit sie sich beim Einschlafen nicht fürchten musste und pustete auf ihre Wunden, wenn sie wieder zu wild gespielt hatte. Er nahm sie in den Arm, trocknete ihre Tränen und zauberte ein Lächeln auf ihren Kindermund. Der Held ihrer Kindheit war ihr Vater.
Auch viele Jahre später war er noch ihr Held. Sie bewunderte seinen Humor, seine Leichtigkeit und nicht zuletzt seine Lebensfreude. Er zauberte ihr noch immer ein Lächeln auf die rosa Lippen und machte sie in ihren wenigen gemeinsamen Momenten zur glücklichsten jungen Frau auf der Erde.
Im Laufe der Zeit wurde sie immer erwachsener und baute sich ein eigenes Leben auf. Der Held ihrer Kindheit nahm zunehmend weniger Platz ein. Inzwischen selten, doch hin und wieder, gab es sie noch, die heldenhaften gemeinsamen Momente. Er konnte ihre Tränen noch immer trocknen und ein Lächeln zaubern wie kein Zweiter.
Als der letzte heldenhafte Moment fast ein Jahr in der Vergangenheit lag, machte sie sich auf den Weg, um ihre Tränen trocknen und sich ein Lächeln ins Gesicht zaubern zu lassen.
Der Mann, der ihr die Tür öffnete, war alt geworden. Er hat zugenommen und graues Haar bekommen. Das Gesicht war gerötet und die Augen klein. Immer mehr tiefe Falten bahnten sich ihren Weg durch sein Gesicht. Vergeblich suchte sie in diesem traurigen Anblick den Helden ihrer Kindheit. Nun stand sie ohne Lächeln und mit Tränen in den Augen ihrem Vater gegenüber.
Wenn Helden sterben, werden sie wohl zu Menschen, dachte sie und ließ eine Träne über ihre Wange kullern. Vielleicht, überlegte sie, hat er in der letzten Zeit auch einfach zu viele Verbrecher gejagt. Der Gedanken zauberte ihr ein Lächeln auf die rosa Lippen.

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6 Gedanken zu “Wenn Helden sterben

    1. Die Geschichte entspricht zwar nicht exakt der Realität, ist aber durch eine bestimmte Begegnung inspiriert. Ich weiß nicht, ob er mich als kleine Heldin ansieht, aber ich bin auf jeden Fall ein Mensch für ihn, der mit allen Stärken und Schwächen geliebt und glücklicherweise nicht idealisiert wird.

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  1. Ich hatte nie einen Vater. Er hat meine Mutter verlassen, bevor ich geboren wurde. Ich oder das Kind sagte er damals. Wenn man etwas nicht kennt, vermisst man es auch nicht. Und meine Mutter war ganz gut im Spinnen jagen.

    Vielleicht kann dein Held jetzt zwar keine Verbrecher mehr jagen, aber auf deine Wunden pusten kann er immer noch.

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