Familienliebe

Sie dachte immer, sie wäre in einer intakten Familie mit viel Harmonie und Fürsorge aufgewachsen. Alle verstanden und liebten sich. Ihre Eltern, Tanten und Onkel kümmerten sich rührend um die Großeltern, die sich wiederum rührend um ihre Kinder und Enkel kümmerten. Es schien, als wäre das Blut in ihrer Familie um ein vielfaches dicker als Wasser.
Weil es für sie keinen Grund gab, irgendetwas infrage zu stellen, zweifelte sie nie an der bedingungslosen Liebe, die in ihrer Familie vorherrschte. Erst recht nicht an der Liebe, die ihr ihre Eltern schenkten und noch weniger an der Liebe, die sie für ihre Eltern empfand. Sie war tief und rein. In ihrer heilen Welt empfand sie die gegenseitige Liebe zwischen Eltern und Kindern als ebenso natürlich wie stark.
Doch dann kam der Tag, an dem in ihrer Welt nichts mehr so sein sollte, wie es einmal war. Dunkle Gewitterwolken zogen über ihrer heilen Familie auf und konfrontierten sie schmerzlich mit dem natürlichen Lauf des Lebens. Genauso überraschend wie tragisch fand das Leben ihrer geliebten Oma ein Ende. Das eigentlich in ihrer Bilderbuchfamilie vorherrschende Lachen wich einer tief betroffenen Stille. Jeder schien ohnmächtig und endlos traurig zu sein.
Wenige Sekunden nach dem ersten Schock war ihre Mutter diejenige, die sich als erste gefangen und ihre Stimme wiedergefunden hatte. Sichtlich erleichtert durchbrach sie die Stille mit den Worten „Gott sei Dank“. In diesem Moment stellte sich für sie nicht mehr die Frage, ob die Liebe zwischen Eltern und Kindern ebenso natürlich wie stark ist. In diesem Moment fragte sie sich, ob sie ihre Mutter überhaupt liebte.

Advertisements

7 Gedanken zu “Familienliebe

    1. Kann er. Bei meinem schwer kranken Opa war er das. Meine Oma war jedoch gesund, da war der Tod sehr überraschend und schwierig für die Hinterbliebenen. Auf gewisse Weise war er aber auch eine Erlösung, denn sie wollte schon lange nicht mehr. Die Geschichte, wie sie da steht, ist in ihren Details allerdings nicht wahr. Es gab eine Person, die nach dem Tod meiner Oma „Gott sei Dank“ dachte, aber nicht aussprach. In dem Fall war das gedachte „Gott sei Dank“ jedoch ein „na, endlich, ich hab schon ewig drauf gewartet“. Sehr traurig. Die Person war allerdings nicht meine Mutter. Die musste in der Geschichte nur für das Drama herhalten ;)

      Gefällt mir

  1. War das wirklich alles so heile Welt damals oder ist das auch der Dramaturgie geschuldet?

    Meine Kindheitserinnerung ging eher so, dass ich mich immer gewundert habe, warum sich nur meine Eltern streiten, während bei meinen Freunden immer gute Stimmung war (Das hat sich irgendwann aufgeklärt, als ich es einmal angesprochen habe und die Eltern der Freunde sich auch dauernd gestritten haben).
    Oder die lauten Streitereien, wenn meine Eltern dachten, dass die Kinder bereits schlafen würden.
    Ich kann mich gut an die Abende bzw. Nächte erinnern, als meine Mutter meine Schwester und mich gefragt hat ob wir im Falle einer Scheidung zu ihr oder zu meinem Vater gehen würden.

    Das ist das Faszinierende an Blogs, dass man durch andere Einträge an die eigene Vergangenheit erinnert wird. Manche Erinnerungen sind sehr schön und freut sich, dass sie wieder hoch kommen. Andere Erinnerungen würde man am liebsten in Sicherungsverwahrung geben. ;)

    BTW, toll geschrieben

    Gefällt mir

    1. Das ist auch der Dramaturgie geschuldet. Meine Familie war schon immer sehr klein und der Kreis auch sehr familiär, als ich noch ein Kind war. Doch mit der Zeit schied zumindest eine Person immer mehr aus. Sie lag mir allerdings nicht besonders am Herzen (und den meisten anderen auch nicht). Es war übrigens auch die Person, die nach dem Tod meiner Oma „Gott sei Dank“ dachte, weil sie die Familie immer als Klotz am Bein empfand. Heute haben wir kaum noch Kontakt zu ihr und das ist in Ordnung so.

      Meine Eltern haben sich sehr wenig gestritten. Als ich ein Kind war, liebten sie sich noch und ich habe viele liebevolle Erinnerungen an sie als Elternpaar. Auch als schon beschlossen war, dass sie sich trennen würde, stritten sie wenig. Hin und wieder kam das natürlich vor, wie in allen anderen Familien auch, aber es hielt sich in meinem Empfinden in Grenzen.

      Ich hoffe, ich habe nicht allzu schlechte Erinnerungen geweckt. Sie für immer in eine Schublade zu stecken und diese nie wieder zu öffnen, ist zwar verlockend, aber auch ebenso einfach wie verdrängend ;)

      Gefällt mir

      1. Die Erinnerungen waren in einer Schublade und ich war mir gar nicht mehr bewusst, dass sie da waren. Es ist wie mit einem Pullover, den man dachte schon aussortiert zu haben und beim nächsten Umzug auf einmal doch wieder findet. Dann fängt man an zu überlegen, ob man ihn wirklich weggeben kann oder doch besser behalten soll. Hier kommt der Vergleich an seine Grenzen, da man eine Erinnerung nicht in den Altkleidercontainer stecken kann, aber ich denke Du weisst was ich meine.

        Keine Sorge, ich sehe diese Erinnerungen eher als Mahnung es besser zu machen.

        Du musst es nicht beantworten bzw. vielleicht kommt es noch, aber was hat Deine Eltern letztlich entzweit?

        Gefällt mir

  2. Durch deinen ehrlich beantworteten Fragenkatalog mischt sich jetzt alles bei mir und ich bekomme die eine Person nicht aus meinem Kopf, die soetwas gesagt haben könnte:(
    Ich hoffe mit dem Aufschreiben, hast du diese Situation ein wenig besser verarbeiten können.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s