Ein Schritt nach vorne

Sie ist ohnmächtig geworden. Ohnmächtig vom Leben. Sie hat ihre Kraft verloren und findet keinen Halt mehr auf dem Boden, der schmerzvoll unter ihren Füßen entrissen wurde. Während der Himmel für sie keine Sterne mehr hat, tragen Rosen nur noch Dornen. Sie sieht kein Licht, findet keinen Weg und fühlt sich rastlos in einer Welt, die ihr so fremd geworden ist.
Zitternd steht sie barfuß auf der Klippe, an der sich unzählige Meter tiefer gewaltvoll die Wellen brechen. Es ist nur ein Schritt nach vorne. Ein Schritt, der sie befreien, mit dem Meer vereinen und woanders hintragen würde. Ein Schritt, der ihr die Schmerzen nehmen und der Ausweglosigkeit ihres traurigen Lebens ein Ende bereiten würde. Nur ein einziger Schritt nach vorne. Sie hadert noch mit sich.
Qualvoll rasen die Gedanken durch ihren Kopf, während die Bilder ihres Lebens vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Sie sind eine Aneinanderreihung all dessen, was sie in diese Situation brachte und eine Bestärkung in ihrem Entschluss, dass dieser Ausweg ihr Weg ist.
Während sie zittrig am Rand der Klippe steht, die Augen schließt und bitterliche Tränen weint, die nie einer sah oder hörte, nähert sich ein unbekannter Mann, der sie eine Weile beobachtet hatte. Streichelnd legte er seine warme Hand auf ihre Schulter. „Wenn man vor dem Abgrund steht, dann ist ein Schritt zurück ein Schritt nach vorne“, sagte er und verschwand. Sie nahm sich noch ein wenig Zeit und machte einen Schritt nach vorne.

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16 Gedanken zu “Ein Schritt nach vorne

  1. Ich wollte dich schon schubsen! Dein Glück, dass du nun selbst … ;-)
    Ernsthaft: „Wenn man vor dem Abgrund steht, dann ist ein Schritt zurück ein Schritt nach vorne“, ist ein sehr weiser Satz. Wenn ihn doch nur mehr Menschen beherzigten.

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  2. Sehr gut geschrieben. Wenngleich so ein Suizid am Morgen ist heftige Kost. Nicht das er Abend oder Nachts einen Deut besser wäre. Jetzt gehörst Du auch zu den Autorinnen, wo man bis zum letzten Wort zittern muss, ob es nicht doch noch ein grausames Ende gibt. Zum Glück bietet der Tag „Krankheit“ etwas Hoffnung.

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    1. Ich hatte die Geschichte schon vor einigen Wochen geschrieben. Aber ich bin meist so selbstkritisch, dass sie erst mal rumliegen, bevor ich sie veröffentliche ;)
      Hoffnung ist unglaublich mächtig. Mächtiger als die meisten Krankheiten.

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    1. Oh, danke für das schöne Kompliment :) Mich schreckt die Größe eines solchen Projektes ab. Ich hab es öfter versucht, aber irgendwann immer wieder abgebrochen. Es ist eine große Herausforderung, eine Geschichte ansprechend und durchdacht zu erzählen. Früher oder später werden meine Texte meistens das Opfer meiner Selbstkritik und landen dann schneller im Papierkorb als man mich aufhalten kann ;)

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      1. Warum eine Geschichte für ein Buch? Warum nicht einfach ein Buch für viele Geschichten? Diese hier wäre für mich eine der ersten, die unbedingt dort hinein gehörte. Sie hat so ein herrliches Ende…
        Ich habe sie bereits heute morgen gelesen, und sie hat mich so dermaßen berührt, dass mir die Tränen gekommen sind. Diese Verzweiflung, diese Ausweglosigkeit, diese Ohnmächtigkeit… das ist mir ziemlich vertraut, weil es hin und wieder spürbar ist…, wenn ich auch fast nie bereit war, mein Leben dafür zu geben.

        Und ich vermute, dass es noch so manche andere wunderbare Geschichte für ein solches Geschichtenbuch gibt (und geben wird).

        Aber vor allem … schreibe auch hier weiterhin deine wunderschönen, berührenden, klaren, zauberhaften Texte, Artikel, Geschichten, Kommentare…

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      2. Ich übe mich darin, weniger streng mit meinen Texten zu sein ;) Solange Sachen hier noch stehen, gibt es sie noch. Vom Blog lösche ich keine Einträge.

        Danke für die sehr, sehr schönen Worte, ich wa(ag)e es. Ich weiß, es muss nicht ein großes Ganzes sein, es können auch Bruchstücke sein, die dann zum großen Ganzen werden. Ich fürchte aber, an solchen Bruchstücken ist das Interesse recht mau. Ich lese liebend gerne, besitze aber kein einziges Buch, das kurze Geschichten enthält. Ich kann nicht mal sagen, warum.
        Hier wird aber selbstverständlich alles weiter geschrieben. Alles andere sind schwammige Überlegungen. Noch ;)

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  3. Hat dies auf Red Skies over Paradise rebloggt und kommentierte:
    „„Wenn man vor dem Abgrund steht, dann ist ein Schritt zurück ein Schritt nach vorne“, sagte er und verschwand. Sie nahm sich noch ein wenig Zeit und machte einen Schritt nach vorne.“

    „Hope there’s someone
    Who’ll take care of me
    When I die, will I go

    Hope there’s someone
    Who’ll set my heart free
    Nice to hold when I’m tired

    There’s a ghost on the horizon
    When I go to bed
    How can I fall asleep at night
    How will I rest my head

    Oh I’m scared of the middle place
    Between light and nowhere
    I don’t want to be the one
    Left in there, left in there

    There’s a man on the horizon
    Wish that I’d go to bed
    If I fall to his feet tonight
    Will allow rest my head

    So here’s hoping I will not drown
    Or paralyze in light
    And godsend I don’t want to go
    To the seal’s watershed

    Hope there’s someone
    Who’ll take care of me
    When I die, Will I go

    Hope there’s someone
    Who’ll set my heart free
    Nice to hold when I’m tired“
    [Antony And The Johnsons: Hope there’s someone | http://www.youtube.com/watch?v=loNU4fVpO8E%5D

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