Engel der Gelassenheit

Es war Silvester vor vier Jahren, mein bisher schönstes Silvester. Mit meinem damaligen Freund und unserem gemeinsamen Freundeskreis feierten wir Silvester in überschaubarer Runde bei einer Freundin. Wir aßen Raclette, unterhielten uns, lachten aus vollem Herzen und tanzten später, als ob niemand zusähe. Statt typische Silvesterrituale wie Bleigießen zu begehen, schlug eine Freundin kurz vor Mitternacht ein Ritual vor, das sich seitdem nie wiederholt hat.

Jeder von uns sollte einen Engel erwecken. Dazu sollten wir auf einen Zettel den Engel schreiben, den wir erwecken wollten, z. B. den Engel des Glücks oder den Engel der Weisheit. Nachdem ich mich dafür entschied, den Engel der Leidenschaft zu erwecken, wurden unsere Zettel in einen Topf geschmissen. Jeder von uns sollte nun einen Zettel ziehen. Der darauf stehende Engel würde uns das Jahr über begleiten.

Mein damaliger Freund war der erste, der einen Zettel zog. Er zog den Zettel, den ich beschrieben hatte. Der Engel der Leidenschaft sollte ihn also im neuen Jahr begleiten. Ich fand, dass dieser Engel zu ihm passte. Manchmal hatte er tatsächlich das Temperament einer Schlaftablette. Er konnte zwar kindlich-euphorisch sein, war aber nicht besonders leidenschaftlich. Leidenschaft war genau das, was ihm fehlte.

Welche Person auch immer welchen Engel zog, es passte wie die Faust aufs Auge. Als ich in den Topf griff und einen Zettel zog, erwischte ich den Zettel der Freundin, die das Ritual vorgeschlagen hatte. Sie war schon länger die einzige Person, die ich tief in meine Seele blicken ließ. Und sie war die einzige Freundin, mit der ich jemals so etwas wie Seelenverwandtschaft fühlte. Der Engel, der mich das Jahr über begleiten sollte, war der Engel der Gelassenheit.

Gelassenheit – das war etwas, das mir sehr lange fehlte. Vor allem vor vier Jahren. Es war erst drei Monate her, dass ich von zuhause ausgezogen war. Jede Kleinigkeit spannte mich an, weil ich mich schutzlos und allein auf dieser Welt fühlte. Ich wohnte zwar mit meinem Freund zusammen, trug aber jede Verantwortung, weil er nicht lebensfähig war. Ich war nicht gelassen, sondern ließ mich von jeder Kleinigkeit aus der Bahn werfen. Alles strengte und spannte mich an. Es gab nichts, das ich mehr gebrauchen konnte, als Gelassenheit.

Für mich war dieses Ritual sehr emotional, weil jeder Mensch genau den Engel an die Seite bekam, den er für das Jahr wirklich brauchen würde. Deswegen entschied ich mich auch dafür, den Engel immer bei mir zu tragen. Als Erinnerung daran, dass mich der Engel der Gelassenheit begleitet, trug ich den Zettel stets in meinem Portmonee. Ohne Zwischenfall würde ich den Engel wohl heute noch in meinem Portmonee tragen.

Letztes Jahr lief mir allerdings eine Orangensaftfalsche in meiner Handtasche aus. Der Engel überlebte die saftige Flut leider nicht. Vielleicht war es aber auch einfach das Zeichen dafür, dass es Zeit war, den Engel gehen zu lassen. Ich hatte inzwischen gelernt, gelassener zu werden, ließ mich nicht mehr von jeder kleinen Widrigkeit des Lebens aus der Bahn werfen. Das Leben strengte und spannte mich nicht mehr an. Trotzdem hätte ich den Engel freiwillig nicht gehen lassen. Ich hing an diesem Zettel, an diesem Engel. Aber nach weitaus mehr als einem Jahr der Begleitung war es längst Zeit ihn loszulassen, ihn gehen zu lassen.

Dieses Silvesterritual war das schönste, das ich kennenlernen durfte. Ich fand es nicht nur emotional, sondern auch magisch. Seither habe ich dieses Ritual nie wieder vollzogen, würde es aber gerne nochmal machen und mich von einem neuen Engel begleiten lassen. Solange, bis der Engel von alleine wieder geht, weil ich ihn nicht mehr brauche.

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20 Gedanken zu “Engel der Gelassenheit

  1. „Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
    und er verarmte mir in den Armen
    und wurde klein, und ich wurde groß:
    und auf einmal war ich das Erbarmen,
    und er eine zitternde Bitte bloß.

    Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
    und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
    er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
    und wir haben langsam einander erkannt…“
    [Rainer Maria Rilke]

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  2. Damit einen Engel, eine Fee zu beschwören, gibst du lediglich Verantwortung ab. Das ist dir hoffentlich bewusst? Du suchst Schutz bei einem höheren Wesen, das dich durchs Leben geleiten soll. Ist das so richtig, ist das so gewollt?

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    1. Das ist nicht die Perspektive, die ich dabei einnehme. Würde ich Verantwortung abgeben, würde ich davon ausgehen, dass irgendwas anderes meine Sachen für mich regelt. So ist das aber nicht. Für mich war es eher eine ständige Erinnerung und Mahnung für das, was man sein sollte bzw. was man noch lernen muss. Und das war auch das, was ich dabei so magisch fand. Jeder hatte den Engel, der wirklich nützlich für ihn war. Jeder hatte die Erinnerung an das, was ihm noch fehlt und damit die Mahnung, es zu lernen.

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      1. Ich bin ja ohnehin nicht der gläubigste Mensch ;) Außerdem ist es mir deutlich lieber, wenn ich weiß, dass die Dinge in meiner Hand liegen – Verantwortung abgeben, das kann ich noch nicht allzu gut ;)

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  3. Wir haben alle „Engel“, die wir brauchen, bereits in uns. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ [v. Antoine de Saint-Exupéry] Wir müssen nur aufhören zu Denken und unserem Herzen folgen. „[] Wenn du denkst, dann denkst du nur du denkst []“ [v. Punkt] Manchmal bedarf es aber der Symbolik (hier) eines Zettels um diese Tür zu öffnen.

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    1. Man kann ihnen die Lebensfähigkeit bestimmt nicht für immer absprechen. Das wollte ich auch nicht tun.
      Aber wenn man mit einem Menschen zusammenwohnt, dem man die Brote schmieren muss, weil er sonst fast verhungern würde, den man aus dem Bett schubsen muss, weil er sonst jeden Tag verschlafen würde, dem man sagen muss, welche Chips er jetzt einfach kaufen soll, nachdem er 20 Minuten unentschlossen und entscheidungsunfreudig, wie er ist, vor dem Regal gestanden hat, den man dazu zwingen muss, das Telefon in die Hand zu nehmen und einen Termin beim Arzt zu machen, weil man ja unter akuter Telefonphobie leidet, dem man sagen muss, dass man Strom anmelden und sich in der Stadt wohnhaft melden muss, dem man sagen muss, was man zu beachten hat, wenn man die Waschmaschine anschmeißt, dem man einfach jede, wirklich jede, Kleinigkeit des selbstständigen Lebens beibringen muss. Glaub mir, das nervt. Es nervt so dermaßen, dass man ganz schnell den lebensunfähig-Stempel aufdrückt. Nicht für immer, aber für gewisse Zeit. Inzwischen wird er es aber sicher gelernt haben.

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      1. Hast du ihm je eine Chance gegeben, es zu lernen? Oder hat dir die Situation nicht auch irgendwie gefallen? Wie hat er eigentlich vor dir überlebt?

        So eine abhängige Persönlichkeitsstörung ist sicher auch nichts zum Spaßen. Aber jeder nicht nicht an Schläuchen etc. hängt ist lebensfähig. Was du meinst ist ja eher Selbständigkeit. Das ist etwas ganz anderes.

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      2. Sein größtes Problem war seine ständige Unsicherheit und Entscheidungsschwierigkeit gepaar mit permanenten Selbstzweifeln.
        Er konnte nicht mal das Auto abschließen, ohne nach einer Minute wieder zurückzugehen und sich zu vergewissern, dass er das Auto abgeschlossen hat. Immer! Autofahren war sowieso ein Abenteuer. Jedes Mal hatte er schweißnasse Hände, jedes Mal touchierte er den Bordstein, weil er Angst vor den entgegenkommenden Autos hatte. Jedes Mal wurde er unruhig und panisch. Das Auto, das er fuhr, war jedes Mal meins. Ich habe ihn fahren lassen, damit er es lernt, ich habe die Klappe gehalten, meinen Unmut runtergeschluckt und ihn ermutigt. So war es anfangs bei vielen Dingen. Er hat von früh auf in seiner Erziehung gelernt, dass seine Entscheidungen nichts wert sind, weil sie ständig überfahren wurden. Er hat ständig gelernt, dass andere Leute es besser machten als er – nicht, weil die anderen es wirklich besser konnten (er war ein kluger Kopf und ein geschickter Mensch), sondern weil man es ihm suggerierte. Vorher hatte er seine Mutter. Als er auszog, zog er direkt mit mir zusammen. Ich hätte geduldiger sein sollen und auch sein müssen. Aber es ist einfach anstrengend, wenn jede alltägliche Kleinigkeit zum Geduldsspiel wird. So kam es dann, dass ich die meisten Sachen letztlich in die Hand genommen und ihn nur noch relativ selten darum gebeten (und teils auch gezwungen) habe, gewisse Dinge zu machen. Ich weiß im Nachhinein auch, dass ich anders hätte reagieren sollen. Teilweise wusste ich es auch damals schon. Aber ich konnte nicht mehr anders, weil mich das ständige Aufbringen von Geduld fast wahnsinnig machte.
        Ich denke, du hast Recht. Es ist wohl eher die Selbstständigkeit, die ich als Lebensfähigkeit bezeichnet habe.

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  4. Finde ich sehr schön das Ritual! Der Glaube an Glücksbringer und seine Wirkung auf die menschliche Psyche ist parapsychologisch bewiesen und hat meiner Meinung nach rein gar nichts mit Verantwortung abgeben zu tun.
    Dein lebensunfähiger Exfreund hat mich sehr an meine frühere Mitbewohnerin erinnert! Ich musste ihr zeigen, wie man Tomaten schneidet, und dass es tatsächlich möglich ist, sich die Haare zu waschen ohne komplett zu duschen. An die Waschmaschine hat sie sich 2 Jahre nicht herangetraut und lieber ihre Sachen mit der Hand gewaschen :) Manche Menschen brauchen einfach ein bisschen länger, um klarzukommen, wenn sie Hotel Mama verlassen ;)

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    1. Oh, ich sollte mir vielleicht mal einen Glücksbringer zulegen. Ich habe gar nichts mehr. Keinen Glücksbringer, keine Glückszahl, kein Glücksschwein.
      Puh, anstrengend mit jemandem zusammenzuwohnen, dem man die alltäglichsten Dinge zeigen muss, nicht wahr? Ich habe das Meiste irgendwann einfach selbst gemacht. Ich weiß, das ist nicht klug, weil der andere es so nicht lernt, aber auf Dauer wird man sonst wahnsinnig..

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