Ein Gefühl wie früher

Als ich das Wohnzimmer betrete, fällt mir sofort auf, was sich alles verändert hat. Der Fernseher ist kleiner geworden, die Couch etwas weiter vorgerückt und wird inzwischen durch einen Sessel ergänzt. Der Esstisch steht weiter im Raum, die Gardinen sind neu, richtig modern. Der alte Einbauschrank musste einer neuen Kommode weichen, der alte Schreibtisch einem neuen. Das dunkle Rot, das einst die Wand zierte, wich einem zarten Gelb. „Als ich das letzte Mal hier war, sah es noch anders aus“, sagte ich. Mittlerweile ist es ein Jahr und zehn Monate her, dass ich das letzte Mal hier war. „Mach dir nichts draus, das geht mir auch immer so. Entweder wurde ein Möbelstück ausgetauscht oder verrückt.“ „Trotzdem ist es noch immer vertraut“, lächle ich sie an.

Als wir uns an den reichhaltig gedeckten Frühstückstisch setzten, nahm ich mir die Zeit, sie genau anzuschauen. Sie hat sich nicht verändert. Nur die Haare, die sind wieder lang. Aber ihr Gesicht, das Lächeln, ihre Mimik, die stark getuschten Wimpern, ihre Figur – es ist alles noch wie früher. Und genauso fühle ich mich, wie früher. Es ist schön, wieder hier zu sein. An dem Ort, an dem ich so viele schöne Abende mit einem der tollsten Menschen dieser Welt verbracht habe.

Wir verbrachten vier schöne Stunden zusammen, in denen wir uns erzählten, wie es uns in den letzten 22 Monaten, in denen wir uns nicht gesehen hatten, erging. Wir erzählten Trauriges, Skurriles, Schönes, schwelgten in alten Zeiten, schwärmten von unserem schon Jahre zurückliegenden Wellnessurlaub, an den wir beide noch heute oft denken. Wir sprachen über Menschen, die wir beide kennen, erzählten uns die Neuigkeiten, von denen wir wussten, freuten uns über das Beziehungsglück des Einen und bedauerten die unglückliche Lebensphase eines anderen. Wir redeten über die Zeit, die vergangen ist, seitdem wir die Schule verlassen haben und über Menschen, die sich großartig entwickelt haben und andere, die noch immer nicht vom Fleck kamen.

„Ich habe mich auch nicht verändert“, sagte sie. Sie hatte Recht. Sie hat sich nicht verändert. Sie war noch immer die alte. „Ich finde schön, dass du dich nicht verändert hast. Ich fand dich schon immer super, wie du bist“, sagte ich ihr. Wann immer wir miteinander sprechen, ernstgemeinte Egostreicheleinheiten gehören dazu. Ich bewundere sie. Sie ist eine tolle Frau. Sie bewundert mich. Sie findet, ich bin eine tolle Frau. Wir lieben es, miteinander zu reden. Wir sind ehrlich, beschönigen nichts, erzählen von unseren Fehltritten, von unseren schönen Zeiten, von den Tiefen unserer Seele, von unseren Herzen, die manchmal schwer sind und ein anderes Mal beflügelt.

Verständnis wird in unserer Freundschaft groß geschrieben. Nicht bewusst, aber unbewusst. Wir sind beide sehr verständnisvolle Menschen. Wir sind Menschen, die in fast jeder Hinsicht auf derselben Wellenlänge liegen. Unsere Wesen sind so ähnlich und umgänglich, dass diese Freundschaft die unkomplizierteste ist, die ich habe.

Am Ende unseres Gespräches fragte sie, wie lange wir uns nicht mehr gesehen hätten. „Fast zwei Jahre“, sagte ich. „Puh, lange Zeit.“ „Ja.“ „Und trotzdem, es ist wie früher“, sagte sie. „Richtig. Und genau das ist es, was unsere Freundschaft ausmacht: dass wir uns nach langer Zeit wieder sehen und sich nichts geändert hat. Es ist, als hätten wir uns erst letzte Woche gesehen.“ Wir waren ganz einer Meinung. „Weißt du, das ist es, was ich bei dir so schätze.“, sagte ich. „Wenn ich mich manchmal monatelang nicht bei dir melde und dir dann schreibe, kommt kein Vorwurf, keine Frage, warum ich mich nicht eher gemeldet habe. Du sagst, dass du dich freust, etwas von mir zu hören und meinst es auch so.“ „Ja, das finde ich auch bei dir so wahnsinnig angenehm. Manchmal habe ich zwei Wochen im Kopf, dass ich dir unbedingt noch antworten muss, dann gerät es in Vergessenheit und irgendwann schreibt man dann wieder, ohne befürchten zu müssen, dass du sauer bist, dass ein Vorwurf kommt oder ein Knick in der Freundschaft ist.“ Wir lächelten uns zufrieden an. Unsere Freundschaft ist wirklich besonders. Besonders unkompliziert, besonders schön, besonders angenehm.

Zum Abschied drückten wir uns nochmal fest und machten aus, dass wir uns schon im Februar oder März wieder sehen. Ich wünsche mir von Herzen, dass ich sie bald wieder sehe. Aber ich weiß auch, dass es kein Drama ist, wenn wir uns erst Monate später wieder sehen. Unsere Freundschaft ist beständig, lässt sich nicht leicht aus der Bahn werfen und wird vor allem durch eines gekennzeichnet: das vertraute, geborgene Gefühl, das auch nach einer halben Ewigkeit nicht verloren geht.

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2 Gedanken zu “Ein Gefühl wie früher

  1. Ein wahrer Traum einer Freundschaft! Und das hat Seltenheitswert. Ich habe auch so eine Freundin, die ich gerade ein Mal im Jahr sehe, vielleicht auch mal zwei Mal. Da ist es ganz ähnlich.
    Liebe Grüße!
    Linda

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