Self-Tracking

Beim Self-Tracking vermisst man sich selbst. Man zählt seine Schritte, hochgelaufene Stockwerke, die täglich zugenommenen Kalorien, die täglich gelesenen Buchseiten, geschlafene Stunden, die Anzahl der Wachphasen und mehr. Manche betreiben das Self-Tracking so intensiv, dass selbst ihr Stuhlgang eine große Rolle in der Selbstvermessung einnimmt. Mit den gemessenen und ausgewerteten Zahlen sollen wir zu einem zufriedenen, glücklichen, ausgefüllten Leben finden. Das klingt zwar auf der einen Seite anstrengend und trotzdem verlockend, ist auf der anderen Seite aber nicht ungefährlich.

Als ich heute Morgen durch eine Zeitschrift für Studenten blätterte, sprang mir ein Artikel ins Auge, bei dem die entsprechende Journalistin einen Selbstversuch gewagt und ihre Tage des Self-Trackings dokumentiert hat. Zehn Tage lang notierte sie gelaufene Schritte, hochgelaufene Stockwerke, gelesene Buchseiten, geschlafene Stunden, die Anzahl der Aufwachphasen und ab der Mitte des Selbstversuchs auch noch ihre Nahrungszufuhr. Als Hilfestellung gab es nicht nur Schrittzähler, sondern auch zahlreiche Apps und einen speziellen Wecker, den man beim Schlafen am Handgelenk trägt.

Anfangs fiel es ihr schwer, alles zu dokumentieren und die Zahlen schwarz auf weiß zu sehen. Doch der Ehrgeiz kam schnell. 8.000 Schritte reichten nicht, es sollten 10.000 sein. Auch die Zahl der gelaufenen Stockwerke stieg stetig an. Nach einigen Tagen hatte sie schon ordentliche Erfolge vorzuweisen und fühlte sich gut. Sie bewegte sich mehr, las mehr und hatte ihren Schlafrhythmus besser unter Kontrolle. Man könnte meinen, das Self-Tracking führte bei ihr zu einem zufriedenen, glücklicheren Leben. Kurzzeitig war das auch so.

Letztlich wurde die Journalistin aber unzufrieden. Gegen Ende des Projektes ließen die Erfolge wieder nach, weil sie sich wie in einem Zwangskorsett fühlte. Was auch immer sie tat, es wurde irgendwie in gnadenlosen Zahlen ausgedrückt, die nicht nur Ehrgeiz wecken, sondern auch niederschmettern können. Das Leben orientiert sich nicht mehr an eigenem Wünschen und Wollen, sondern an bestimmten Zahlen, die gefälligst am Ende des Tages auf der Liste erscheinen sollen. Weniger gelaufene Schritte fühlen sich an wie ein Misserfolg. Mehr gelaufene Schritte spornen zu einer Steigerung der Schritte an. Höher, schneller, weiter – mit Vollgas durchs Leben, die Welt dreht sich ja noch nicht schnell genug.

Vielleicht macht es zufrieden und glücklich, 10.000 Schritte am Tag zurückzulegen, insgesamt 20 Stockwerke hochzulaufen, 30 Seiten in einem Buch zu lesen und sich gesund zu ernähren. Aber es macht nicht glücklich, wenn man es gerade nicht möchte, wenn die Umstände dafür nicht gegeben sind und man es aus reinem Pflichtbewusstsein tut. Beim Self-Tracking geht es nicht darum, das zu tun, was man möchte, sondern aufzuschreiben, was man tut und anhand seiner Zahlen Besserungen herbeizuführen. Genau das ist der Knackpunkt beim Self-Tracking.

Das Self-Tracking kann irgendwann ähnlich wie bei Magersucht in einen krankhaften Kontrollwahn ausarten, der vermutlich mit ebenso krankhaftem Ehrgeiz einhergeht. Es geht nicht mehr darum, so zu leben, wie man glücklich und zufrieden ist, sondern darum, so zu leben, dass die Zahlen am Ende des Tages stimmen – diese wiederum sollen dann glücklich und zufrieden machen.

Ich bin ein absoluter Zahlenmensch und fände es äußerst interessant zu wissen, wie viele Schritte ich am Tag zurücklege, wie viele Stockwerke ich laufe, welche Kalorienanzahl ich zu mir nehme, wie viele Buchseiten ich lese, wie viele Stunden ich schlafe und wie oft ich aufwache. Ich würde aber nicht nach diesen Zahlen leben wollen. Ich werde nicht dadurch glücklich und zufrieden, wenn ich jeden Tag 10.000 Schritte gehe, 20 Stockwerke laufe, 1.400 Kalorien zu mir nehme, täglich 30 Buchseiten lese, 8 Stunden schlafe und 10 Mal aufwache. Das hat zwar möglicherweise einen positiven Einfluss auf die Psyche, weil es nach viel Ausgleich aussieht, artet aber vermutlich in Stress aus, wenn all diese Aktivitäten nur zum Ziel haben, dass die Zahlen am Ende stimmen. Glücklich und zufrieden bin ich dann, wenn ich tue, wonach mir ist. Wenn ich ein paar Schritte mehr gehe, weil mir danach ist, wenn ich die Stockwerke hochlaufe, weil ich das möchte, wenn ich gut esse, weil ich Hunger habe, wenn ich lese, weil ich das möchte, wenn ich schlafen gehe, wenn ich müde bin und aufwache, wenn mein Wecker mich rausklingelt.

Glücklich und zufrieden machen keine Zahlen, kein Schrittzähler, kein spezieller Wecker, keine Kalorientabellen, keine gezählten Buchseiten. Glücklich und zufrieden machen wir uns nur selbst. Das hat übrigens auch die Journalistin aus dem Artikel an Tag 11, einen Tag nach Beendigung des Self-Tracking-Projektes, festgestellt.

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18 Gedanken zu “Self-Tracking

  1. Das hab ich mir beim lesen auch gerade gedacht das das bestimmt krankhaft werden kann… Wenn nicht sogar auch zur Essstörung führen etc wenn man immer weniger kcal zu sich nehmen will und immer mehr laufen. Nicht gut! Das beste ist man lebt so wie man sich gerade gut fühlt. Wenn man faul sein will ist man faul und wenn man laufen will soll man laufen. Das ganze aber nicht zählen sonst kommt sinnloser weise ein schlechtes Gewissen ;)

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  2. Es gibt also einen Namen dafür?! Ich habe im November 2012 mit einem Schrittzähler und einer Software begonnen meine Schritte, meine Stockwerke, meine aufgenommen und verbrauchte Kalorien zu „zählen“. Viel muss ich dafür nicht tun, das meiste macht das System. Meine täglichen Schritte sind 13.000. Und ich muss sagen ich bin absolut glücklich damit, schließlich habe ich damit 3 Kleidergrößen abgenommen! Aber natürlich kommt es auf die eigene Einstellung an. Ich „zähle“ nicht damit ich glücklich und zufrieden bin weil die Zahlen stimmen, sondern ich nehme damit ab und werde dadurch glüchlicker und zufriedener. Ich glaube jeder Mensch sollte sich seinen eigenen Weg suchen um glücklich und zufrieden zu werden! LG

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    1. Vielleicht kann man sagen, dass bei dir eine andere Motivation dahinter steckt. Hast du denn vor, mit dem Zählen aufzuhören, wenn du dein Wunschgewicht erreicht hast? Ich könnte mir vorstellen, dass du mit der Zeit ein Gefühl dafür bekommst, wie viele Schritte du am Tag gelaufen bist.

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      1. Das bekommt man auf jeden Fall! Es gibt auch Tage, wo ich nicht dazu komme meine Kalorien aufzuschreiben, da schätze ich dann aufgrund der Erfahrungswerte. Ob ich ganz aufhöre weiß ich noch nicht, aber wenn ich mein Wunschgewicht habe, werde ich entweder meinen Kalorienverbrauch reduzieren oder meine Kalorienaufnahme erhöhen. Und wenn ich das eine gewisse Zeit mache, werde ich dann auch dafür ein Gefühl bekommen. Von daher, kann schon sein, dass ich es mir irgendwann ganz erspar! :-)
        LG

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  3. Puh, das habe ich noch nie gehört. Aber ist es nicht irgendwie das, was wir Menschen alle mehr oder weniger irgendwann versuchen, z. B. beim Essen, beim Sport, usw.? Daß wir uns selbst unter Druck setzen und meinen, wir müßten aber dies und das, und so und so? Und irgendwann, meist wenn man älter wird (wie ich, haha), da denkt man: Wozu quäle ich mich? Nein danke, das wöllte ich überhaupt gar nicht mitmachen. Ich bin froh, wenn ich lerne, mich anzunehmen, wie ich bin, auch die Dinge, die heute nicht mehr so sind wie früher. :sad: Ich bin froh, heute, wenn ich abends sagen kann: Okay, dieser Tag war okay.
    Liebe Grüße!

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    1. Wenn man bestimmte Ziele hat, die man erreichen will, kann das sicher förderlich sein. Menschen, die für einen Marathon trainieren, laufen ja auch auf Zeit, messen und werten Zahlen aus. Das Ziel „glücklich und zufrieden werden“ erreicht man aber nicht mit Zahlen, finde ich.
      Quälen? Nein, danke ;)
      Liebe Grüße!

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  4. Schöner Schluss-Satz von dir :) Um überhaupt mal zu sehen, was man so alles den Tag über macht, ist es ganz informativ – aber ich hätte auch eher Angst davor, irgendwann im Mikromanagement zu landen.

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  5. Ich sehe darüber hinaus noch ganz andere Probleme: Wenn Du mit Hilfe irgendwelcher Apps auf dem Smartphone alles dokumentierst, was Du so tust, erzeugst Du einen riesigen Berg an Daten.
    Daten für die sich eine Menge Leute interessieren werden, von denen Du eigentlich nicht willst, dass sie etwas über Dich wissen.
    Ein großer Teil dieser Self-Tracking Apps kommt von großen Firmen. Darunter Sportartikelhersteller wie Nike, die ja entsprechende Technik bereits in ihren Schuhen verbauen.
    Die können sich natürlich ein hübschen Zubrot verdienen, indem sie die Daten verkaufen. Dann werden sich bald z.B. Krankenversicherungen dafür interessieren.
    „Ihr Beitrag steigt dieses Jahr um 20%, sie haben ihr Bewegungssoll nicht erfüllt, und zu viele Schokoriegel gegessen“. Schöne neue Welt.

    Zum aktuellen Stand der Forschung gab es auf dem 28C3 und dem 30C3 ein paar interssante Vorträge, wobei es dabei mehr um die Vermessung der kognitiven Fähigkeiten ging (Achtung: beide auf Englisch!).

    http://media.ccc.de/browse/congress/2011/28c3-4756-en-quantified_self_and_neurofeedback_mind_hacking.html

    http://media.ccc.de/browse/congress/2013/30C3_-_5387_-_en_-_saal_6_-_201312272030_-_toward_a_cognitive_quantified_self_-_kai.html

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    1. Der Datenaspekt wurde in dem Artikel auch angesprochen. Die Daten werden natürlich alle gesammelt, darüber muss man sich bewusst sein. Schreckliche neue Welt. Danke für die Links, die werde ich mir mal ansehen.

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  6. Zu dem Thema fällt mir noch was interessantes ein: Man kann derartige Technik auch verwenden, um seine eigene Wahrnehmung zu erweitern.
    Peter König, von der Universität Osnabrück, hat vor einigen Jahren mal einen Gürtel gebaut, der Dir durch sanftes vibrieren anzeigt wo, relativ zu Deiner Ausrichtung im Raum, Norden ist.

    Sein Bericht ist sehr spannend: Schon nach ein paar Stunden hat er die Vibration nicht mehr bewusst gespürt. Stattdessen wusste er immer, in welche Richtung er gerade schaut.
    Ich wollte immer mal so ein Ding bauen, und das selber ausprobieren. Neben ein paar Motoren aus alten Handies, kommt im Prinzip die gleiche Technik zum Einsatz, wie bei den Selbstvermessungs-Apps.

    Der Künstler Neil Harbisson hat sich ein Gerät gebaut, dass Farben in Töne umwandelt, was es ihm ermöglicht Farben wahrzunehmen, die er eigentlich nicht sieht, weil er Farbenblind ist (Hier sein TED-Talk: http://www.ted.com/talks/neil_harbisson_i_listen_to_color.html).
    Die Technologie hat also auch ihre tollen Seiten. Es liegt nur daran, wie man sie benutzt.

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