Bereit zu sterben

Ich glaube, dass viele Menschen diese Welt verlassen, wenn sie bereit dazu sind. Als meine Oma plötzlich und unerwartet starb, war das ein großer Schock für mich. Auf die Frage nach dem Warum habe ich meine ganz eigene Antwort gefunden. Ich glaube, ich weiß, warum sie gegangen ist. Ich glaube, ich weiß, warum sie bereit war zu sterben.

Als mein Opa im Jahr 2004 starb, wurde meine Oma depressiv. Sie hatte sich immer aufgeopfert, war eine gute Hausfrau und hatte über viele Jahrzehnte einen geregelten Alltag mit meinem Opa. Plötzlich war alles anders. Plötzlich war sie allein. Es gab niemanden mehr, der ihr Gesellschaft leistete. Es gab niemanden mehr, der im Sessel saß und Kreuzworträtsel löste, der mit ihr die Tagesschau und anschließend einen Krimi schaute. Es wurde ruhig in ihrem Haus. Sie schaltete den Fernseher ein, damit die Stille nicht zu laut wurde. Sie saß Däumchen drehend auf dem Sofa, verlor ihre Interessen, ihre Freude und ging auch nicht mehr häufig raus. Sie vereinsamte und wurde unglücklich.

Als ich im Jahr 2009 von zuhause auszog, stellte man kurze Zeit später einen Meniskus-Riss bei meiner Oma fest. Kurz vor Weihnachten kam sie ins Krankenhaus und wurde operiert. An Heiligabend wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen. Meine Oma konnte nicht laufen und somit auch nicht zurück in ihr Haus. Sie hätte Treppen steigen müssen, um in ihr Schlafzimmer zu kommen – unmöglich. Und nun? Wo sollte sie hin? Meine Tante wollte sie vorübergehend ins Altenheim verfrachten. Für meine Mutter kam das nicht infrage. Meine Oma hatte sich immer aufgeopfert, für ihren Mann, für ihre Kinder, für ihre Enkelkinder. Es war die Zeit gekommen, meiner Oma etwas zurückzugeben. Und so entschied meine Mutter, meine Oma bei sich aufzunehmen bis sie wieder laufen und Treppen steigen konnte. Dadurch dass ich zwei Monate zuvor ausgezogen war, hatten wir im Erdgeschoss ein freies Zimmer, in dem meine Oma vorerst wohnen konnte. Damit hatte ich zwar über die Weihnachtszeit keinen Schlafplatz mehr, aber ich arrangierte mich mit einer Matratze unter dem Weihnachtsbaum.

Die Zeit, die meine Oma bei uns verbrachte, war sicher nicht leicht für sie. Sie war es nicht mehr gewohnt, in einem Haus zu leben, in dem viele Menschen wohnen. Ständig war irgendwo ein Geräusch, Trubel, ein Kommen und Gehen. Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass es ein Haus mit Leben war, in dem es weder Stille noch Einsamkeit gab. Es war sicherlich hin und wieder anstrengend für meine Oma, aber auf der anderen Seite war es auch schön für sie. Sie wurde mal von uns betüddelt, meine Mutter schmierte ihr Brote, animierte sie zum Essen (meine Oma aß an einem Tag bei uns das, was sie sonst wohl an drei Tagen allein zuhause aß), meine Oma lachte, bedankte sich viel zu oft und war offen für Neues. Eines Abends liehen meine Brüder einen Film aus der Videothek aus. So schauten wir zusammen mit meiner konservativen Oma den Film „Hangover“. Ich fand es toll, mit ihr einen Film zu gucken, den sie wohl niemals freiwillig geschaut hätte. Am schönsten war, dass sie sogar lachte, dass sie sich darauf einließ, diesen Film zu schauen und sichtlich Spaß dabei hatte. Ich habe meine Oma nie so oft lachen sehen, wie in der Zeit, in der sie für einige Wochen bei uns wohnte.

Ende Januar/Anfang Februar konnte meine Oma wieder halbwegs laufen, sodass sie wieder in ihrem Haus wohnen konnte. Auf der einen Seite war es sicher schön für sie, wieder in ihrer gewohnten Umgebung zu sein, in der sie auch mehr Ruhe hatte, aber auf der anderen Seite hat sie die Zeit bei uns ganz bestimmt nicht bereut.

Kurz vor ihrem Tod hat meine Oma nochmal eine sehr intensive Zeit mit ihren Enkelkindern und ihrer Tochter erlebt. Kurz vor ihrem Tod hat meine Oma nochmal eine richtig schöne Zeit gehabt. Das ist für mich der Grund, warum meine Oma bereit war zu sterben. Fast sechs Jahre nach dem Tod von meinem Opa hatte meine Oma nochmal eine Zeit, über die man sagen kann, dass sie glücklich war. Meine Oma war bereit zu sterben, weil sie nach knapp sechs Jahren Depression noch einmal in ihrem Leben glücklich gewesen ist.

Liebe Oma, heute vor vier Jahren hast du dich dazu entschieden, dem Opa in den Himmel zu folgen. Wo auch immer du bist, ich hoffe, du bist immer noch glücklich.

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3 Gedanken zu “Bereit zu sterben

  1. War bei meinem Dad damals ähnlich. Ich beschloss damals für mich, dass es für ihn noch etwas ganz Spezielles gebraucht hat, damit er das Leben „loslassen“ konnte. Mein jüngerer Bruder und ich, wir hielten seine Hände, als er nach langem Krebsleiden friedlich und ohne Schmerzen auf der Palliativstation der Klinik starb.

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