Identität vs. Image

Bei meiner aktuellen Klausurvorbereitung, die sich unter anderem um Marken dreht, hat mich eins besonders fasziniert: die Markenwahrnehmung. Es gibt viele Definitionen darüber, was eine Marke ist – die Wahrnehmung ist eben unterschiedlich. Prinzipiell stehen sich jedoch zwei Positionen gegenüber, zum einen das Unternehmen, dem die Marke gehört, und zum anderen der Konsument, der mit der Marke in Berührung kommt. Das, was das Unternehmen unter der Marke versteht, wird als Identität der Marke bezeichnet. Das Image hingegen ist all das, was der Konsument unter der Marke versteht bzw. mit ihr assoziiert. Die Identität ist also das Selbstbild der Marke, während das Image das Fremdbild ist. Ein übergeordnetes Ziel des Markenmanagement ist unter anderem, die Distanz zwischen Identität und Image zu verringern. Das für mich Faszinierende dabei ist, dass sich diese Tatsache auch auf das eigene Selbst beziehen lässt.

Jeder Mensch hat eine eigene Wahrnehmung von sich selbst, sein Selbstbild. Es umfasst im Grunde all das, was man selbst unter sich versteht bzw. mit sich verbindet. Gleichzeitig wird man aber auch von anderen Menschen wahrgenommen, die ebenfalls ein Bild, das Fremdbild, haben. Dieses ergibt sich durch all die Dinge, die andere Menschen mit einem selbst assoziieren. Im besten, aber zugleich auch unrealistischen Fall stimmen Selbst- und Fremdbild überein. Im realistischeren Fall stimmen beide nicht überein. In vielen Fällen ist es vielleicht auch noch so, dass keins der beiden Bilder richtig ist, sondern die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen Selbst- und Fremdbild liegt.

Je größer die Distanz zwischen Selbst- und Fremdbild ist, desto schwieriger kann das für das eigene Leben sein. Eine große Distanz schafft Unsicherheit, Ungewissheit, zwingt vielleicht unbewusst dazu, eine größere Maske zu tragen, sich Mühe zu geben, Erwartungen zu erfüllen und Anstrengungen zu unternehmen, um dem Fremdbild zu entsprechen. Aber warum eigentlich? Wahrscheinlich, weil das Fremdbild positiver ist als das Selbstbild. Man möchte das Fremdbild bestätigen – wenn man kein oder nur ein schwach positives Selbstbild hat, kann ein überaus positives Fremdbild ein gutes Gefühl geben. Zugleich setzt es aber auch unter Druck, zermürbt, verwirrt und irritiert. Je geringer die Distanz zwischen Selbst- und Fremdbild ist, desto einfacher wird es, sein eigenes Ich authentisch zu leben.

Angelehnt an die Markenwahrnehmung sollte das Ziel also sein, Selbst- und Fremdbild anzunähern, die Distanz zwischen beiden zu verringern. Es wird nicht passieren, dass beide Bilder vollständig kongruent sind, aber sie können sich vielleicht berühren oder Schnittpunkte bilden. Es ist unrealistisch, dass das Selbstbild starr bleibt, während sich das Fremdbild drastisch ändert. Das würde vermutlich auch bedeuten, dass das überaus positive beim Fremdbild verloren geht und eine starke Ernüchterung eintritt. Genauso unrealistisch ist aber auch, sein eigenes Selbstbild gänzlich dem Fremdbild anzupassen. Sinnvoller ist, wenn sich beide Bilder aufeinander zubewegen.

Wenn sich Selbst- und Fremdbild annähern sollen, würde das in den meisten Fällen bedeuten, dass das Selbstbild positiver gestärkt, während das Fremdbild realistischer relativiert werden muss. Im ersten Moment klingt das zwar negativ, weil eine Relativierung des Fremdbildes bedeuten würde, dass es nicht mehr unbedingt übermäßig positiv ist, führt auf der anderen Seite aber dazu, dass man deutlich entspannter und gelassener sein kann, weil man weniger dem Druck ausgesetzt ist, das übermäßig positive Fremdbild aufrechtzuhalten und Erwartungen zu erfüllen. Je mehr sich Selbst- und Fremdbild annähern, desto mehr kann man sich darum kümmern, man selbst, als das zu sein, was andere haben wollen.

Eine Relativierung des Fremdbildes und Stärkung des Selbstbildes hätte also einen doppelt positiven Effekt. Die geringere Distanz zwischen Selbst- und Fremdbild führt nicht nur zu weniger Druck, mehr Entspannung, weniger Unsicherheit und mehr Freiheit, sondern vor allem auch zu mehr Zufriedenheit und Authentizität. Und wenn ich bei Menschen eins bewundernswert finde, dann ist das Authentizität.

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11 Gedanken zu “Identität vs. Image

  1. Ich glaube, dass es selten vorkommt, dass man identisches Selbst- und Fremdbild hat. Man muss zwischenzeitlich versuchen sich selbst von außen zu beobachten, was allein schon schwierig ist. Vielleicht geschieht dies aus Selbstschutz? :D

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    1. Oder eben auch nicht. Das, was mir Menschen sagen, die mich kennen, ist ziemlich äquivalent. Unterschiede sind marginal und hängen von den unterschiedlichen Graden der Beziehungsintensität ab. Mir fällt es schwer nachzuvollziehen, warum sie sehen, was sie sehen. Erklären können sie es leider auch nicht.

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  2. Also ich habe gerade auf meiner ToDo Liste, dass ich Leute frage, was sie über mich denken … ergo Fremdbild. Mit allem negativen was ihnen einfällt. Was ich damit mache, steht auf einem anderen Blatt. Wie sagt die Achtsamkeit so schön, wenn man eine Reise machen will, muss man wissen wo man sich gerade befindet, um die richtige Fahrkarte zu kaufen. Will ich nach München, so muss ich wissen, ob ich in Hamburg oder in Berlin bin. Weiß ich das nicht, kann ich nicht die richtige Fahrkarte kaufen ….

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  3. Gibt es überhaupt das eine Fremdbild? Die eine Seite ist, dass jeder Dich durch die Brille seiner eigenen Erfahrungswelt wahrnimmt, die andere, dass Du ja, je nach dem wo du gerade bist, und mit wem du interagierst, unterschiedliche Rollen spielst, und damit auch ein unterschiedliches Fremdbild projizierst.
    Auf der Arbeit bist Du anders als an der Uni, als mit deiner Familie, deiner/deinem Liebsten usw. Und jede dieser Personen nimmt dich anders wahr. Deshalb ist ja Privatsphäre so wichtig. Nur dadurch, dass wir entscheiden können, was wir von uns preisgeben, haben wir ansatzweise so etwas wie Kontrolle darüber, wie andere uns wahrnehmen.
    Ich halte es übrigens für keine gute Idee, Menschen nach den Dingen zu fragen, die sie an dir nicht mögen. Zum einen weil sich kaum einer traut dir ehrlich zu sagen, wo deine Schwächen sind, zum anderen, weil einen das ziemlich runterzieht, wenn du hörst was du alles nicht bist, ohne dass da etwas positives kommt.

    Wenn Freunde dich auf Schwächen hinweisen, dich aber gleichzeitig wissen lassen, dass sie dich mögen, ist das leichter.

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