Charly

Charly
Charly
Ach, mein Kleiner, mir fehlen die Worte, dabei gibt es so viel zu erzählen. So viel schönes, lustiges und herzergreifendes. Zahlreiche Erinnerungen huschen zusammenhanglos durch meinen Kopf. Es war schön mit dir, wunderschön. Du warst schön, innen und außen, kein zahmes Miezekätzchen, aber auch kein rasanter Rabauke. Mal warst du verspielt, mal verschmust – und immer stolz.

Wie viele Jahre haben wir zusammen verbracht? Es müssen ungefähr 15 gewesen sein. Damals, als du zu uns kamst, warst du winzig und konntest nicht mehr als nur ein Quieken von dir geben. Das war herzergreifend niedlich.

Die Abende und Nächte hast du oft bei mir im Bett verbracht und dir deine tägliche Dosis Streicheleinheiten abgeholt. Oh, wie sehr du es geliebt hast, gekrault und gestreichelt zu werden, wie genüsslich du geschnurrt und mich angestupst hast. Das war schön, oder? Ja, unsere Abende und Nächte waren schön. Es war mir egal, wie verkrümmt ich schlafe, Hauptsache, du hattest deinen Platz und hast dich wohl gefühlt.

Aber wir haben ja nicht nur geschmust, wir haben auch gespielt. Meine Arme zeigen noch heute Spuren von unserem Herumgealbere, kleines Raubkätzchen. Du warst der Boss, da gab es keinen Zweifel dran. Und ich war gerne deine Angestellte, dein Dosenöffner, dein Türaufhalter, deine Kraulmaschine, Spielgefährtin und Komplizin.

Manchmal, wenn keiner geguckt hat, habe ich dir heimlich Wurst aus dem Kühlschrank gegeben. Ich weiß noch, wie sehr du die Putenbrust geliebt hast, wie du immer mehr und mehr und mehr wolltest. Dabei hing dein Bauch schon längst. Jaja, ich weiß, das war doch nur Fell und eigentlich kannst du da ja auch gar nichts für, das läge nur an der frühen Kastration, durch die du auch ein bisschen zu klein geraten bist. Effektiv warst du ja auch nur zu klein für dein Gewicht und keinesfalls mollig. Aber verfressen, mein Lieber, das warst du wirklich.

Und ein Jäger, das warst du auch. Ob Fliegen, Libellen, Mäuse, kranke oder kleine Vögel, du hast einiges angeschleppt. Dein größter Jagderfolg war allerdings ein Stück Braten. Eines Nachts hast du den Kochtopf geöffnet, dir ein Stück Braten geklaut und den Kochtopf wieder verschlossen. Ich weiß bis heute nicht, wie du das geschafft hast, aber du warst ein cleveres Kerlchen, mit dem wir viel Spaß hatten. Selbst beim Abendbrot ist es schon vorgekommen, dass du uns überlistet hast. Seelenruhig saßt du auf einem Stuhl und schautest uns beim Essen zu, bis der Moment kam, an dem du Frauchen die Brötchenhälfte aus der Hand geschlagen, selbige blitzschnell stibitzt und sie irgendwo im Haus vernichtet hast.

Als ich ausgezogen bin, war ich traurig darum, dass ich dich nicht mehr oft um mich haben würde. Ob du traurig warst, weiß ich nicht, aber stinkig warst du in jedem Fall. Als ich nach Hause kam, hast du mich mit dem Hintern nicht angeschaut. Einfach aus dem Staub machen? Nein, das durfte ich nicht, das würdest du mir nicht so ohne weiteres durchgehen lassen. Du warst nachtragend und hast mich ignoriert. Was fällt mir auch ein, einfach zu gehen, abends nicht mehr mit dir im Bett zu schmusen und dich solange zu kraulen bis du keine Lust mehr hast? Ach, Herzchen, glaubst du denn, das hat mir nicht gefehlt?

Wenn ich nach Hause kam, war das erste, was ich gemacht habe, dich zu suchen. Erst schaute ich, ob du irgendwo auf einem Stuhl liegst, dann ob du vor der Tür stehst und zuletzt, ob du dich wieder über deinen Napf hermachst. Aber ob ich dich gefunden habe oder nicht, du hast dich nicht für mich interessiert. Was für eine Todsünde, dich alleine zu lassen! Stundenlang hast du das Spiel mit mir gespielt. Solange, bis die Sonne unterging. Vielleicht fandest du, du hast mich jetzt lange genug ignoriert, vielleicht dachtest du an unsere alten Zeiten, vielleicht fiel dir aber auch einfach nur ein, wer am besten kraulen konnte. Abends lagen wir dann jedenfalls wieder gemeinsam im Bett. Ich habe dich gestreichelt, wir haben geschmust und irgendwann geschlafen, ich verkrümmt und du quer über das ganze Bett. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie ein solch kleines Wesen so viel Platz einnehmen kann.

Vor vier Jahren war plötzlich nicht mehr alles gut, du wurdest krank, schwerkrank. Lungenprobleme, Herzprobleme, Arthrose und was nicht noch alles. Jeden Tag gab es Medizin, mal ging es dir besser, mal schlechter. Du warst ein Kämpfer und hast alle Katzenleben ausgenutzt. Auch wenn gesundheitlich nicht alles in Ordnung war, so weiß ich, dass du ein schönes Leben hattest, dass es dir bei uns gut ging und du der schönste, beste und tollste Kater warst, den ich je in meinem Leben hatte.

Heute vor zwei Jahren, es war ein Freitag, der 13., ging es dir so schlecht, dass wir dich erlösen wollten. Es war besser für dich, du solltest nicht leiden. Noch bevor man dir die Spritze setzte, bist du für immer eingeschlafen. Nur nicht in meinem Herzen, da schläfst du nie ein, mein kleiner Racker. Du fehlst.

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