Ama diem.

„Carpe diem“, ein schrecklich beliebtes Lebensmotto. Ich hasse es. Unwillkürlich sehe ich Menschen vor mir, die immer „busy“ sind und gestresst von A nach B eilen, um keine Minute des Tages ungenutzt zu lassen. Der prall gefüllte Terminkalender suggeriert ein erfülltes Leben, in dem keine Chance ausgelassen wird, sich weiterzubilden, lehrreiche Erfahrungen zu sammeln oder das eigene Netzwerk zu erweitern. Jede Pause wäre Verschwendung, denn man könnte nicht nur fahrlässig eine Chance verstreichen lassen, sondern auch von jemandem überholt werden, der noch höher springt, noch schneller läuft und noch weiter kommt als man selbst. Augenblicklich würde man wieder näher zum Durchschnitt rücken, was die Chancen auf einen potentiellen Elitepartner, die längst überfällige Beförderung und bewundernde Anerkennung des Umfelds schmälern könnte. Die Menschen vor meinem inneren Auge sind aber kein Durchschnitt. Sie springen höher, sie laufen schneller, sie kommen weiter. Sie verausgaben sich, sie atmen nicht, sie leben nicht. Aber sie nutzen den Tag, bis die Sonne unter- und am nächsten Morgen nicht wieder aufgeht. Bei manchen passiert das nach fünf Jahren, bei resilienteren vielleicht nach zehn. Dem Therapeuten können sie dann mit ihrem verblassten Glanz in den Augen erzählen, dass sie jeden Tag genutzt und keine Chance ausgelassen haben, lehrreiche Erfahrungen zu sammeln. Dass sie beruflich natürlich exzellent qualifiziert, aber zurzeit leider arbeitsunfähig sind. Dass sie ein beneidenswert großes Netzwerk haben, nur leider niemanden, der da ist.

Aber vielleicht kann man Carpe diem auch anders verstehen. Vielleicht sollen uns die zwei Worte sagen, dass wir den Tag nutzen sollen, um ihn zu genießen und glücklich zu sein. Vielleicht sollen wir unseren Tag einfach so nutzen, wie wir das möchten. Aber Carpe diem heißt leider nur „Nutze den Tag“, weshalb ich mich manchmal von den zwei Worten und den Menschen vor meinem inneren Auge bedrängt fühle, meinem Tag einen größeren Sinn und etwas Produktives zu geben. Die Wahrheit ist aber, dass ich Chancen verstreichen lassen, nicht jeden Tag mit Sinn und Produktivität oder lehrreichen Erfahrungen fülle, sondern auch gut und gerne etliche Stunden vollkommen sinnlos verbringe. Aber das ist in Ordnung. Alles ist in Ordnung, solange wir abends glücklich ins Bett fallen und die Sonne nicht nur unter-, sondern am nächsten Tag auch wieder aufgeht. Man muss nicht jeden Tag für Hochtrabendes nutzen. Es reicht, ihn zu lieben.

Ama diem.

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11 Gedanken zu “Ama diem.

  1. Wie wahr, wie wahr…
    Aber selbst den Menschen, die sich hetzen ist kein Vorwurf zu machen. Ist es nicht die Gesellschaft, die diese Menschen so sein lässt? Kaum Jemand kann es sich doch heute leisten, sich vollständig hier heraus zu nehmen.
    Carpe Diem ist für mich aber auch: einen vollen und fremdgesteuerten Tag auch reflektieren zu können, daraus meine Lehren und meine Augenblicke zu ziehen, die mich im Herz, im Geist und in meinem Tun eventuell weiter bringen können. Denn dann habe ich „den Tag gepflückt“.

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    1. Einen Vorwurf möchte ich auch niemandem machen. Carpe Diem kann man in vielfältiger Weise interpretieren. Wenn ich die Worte lese, denke ich immer an völlige Verausgabung bis zum Stillstand. Deswegen mag ich sie nicht. Aber das ist nur meine Assozioation. Deine Interpretation ist eine andere, angenehmere Art und Weise die Worte zu verstehen.

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  2. Ich bin vorhin um 10 Uhr aufgestanden…blickte die Hauskatze an und wir beschlossen, uns wieder hinzulegen und zu kuscheln, bis es plötzlich 15 Uhr war. Ich hab mich schon geärgert, dass ich den Tag so vertan habe, bis du mich eben wachgerüttelt hast. Nun kraule ich die gute Anastasia noch ein wenig und schaue mal, was ich mit dem Tag noch so anstelle. Vielleicht ja an einer Geschichte schreiben. :-)

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