Hello and goodbye.

Tempel der Erinnerung
Tempel der Erinnerung

Kennt ihr diese Kisten für Kinder, aus denen ein Clown rauspringt, wenn man sie öffnet? Eine solche Kiste habe ich, nur etwas anders. Wenn ich sie öffne, springt mir meine Vergangenheit entgegen. Diese Kiste, die eigentlich nur ein Aufbewahrungsort für verschiedene Schriftstücke (Geburtstagskarten, Danksagungskarten, Postkarten, Weihnachtskarten, sonstige Karten und Briefe) sein sollte, ist ein Tempel der Erinnerung geworden.

Ich habe sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgemistet, aber ständig neue Karten hineingeschmissen. Normalerweise habe ich keine Probleme mit dem Aussortieren, aber die meisten Schriftstücke haben einen so hohen Erinnerungswert, dass ich sie nicht wegschmeißen möchte. Da man beim Ausmisten nicht drum herumkommt, die Schriftstücke zu lesen oder mindestens anzulesen, um zu entscheiden, ob man sie behalten oder aussortieren möchte, wird jeder Versuch des Ausmistens von einer unchronologischen Reise durch die Vergangenheit mit verschiedensten Erinnerungen und längst vergessenen Erlebnissen begleitet.

Es gab ein paar Briefe vergangener Verehrer, Postkarten aus fernen Ländern von mittlerweile noch ferneren Freunden, wundervoll emotionale Geburtstagskarten und mehr. Es war eine Kurzreise durch vergangene Beziehungen, alte Freundschaften, wunderschöne Hochzeiten, ungewöhnliche Geburtstage und den Beginn meiner Studienzeit. Ich genoss die Erinnerung jedes einzelnen Schriftstücks und schaffte es gerade mal, vier Karten auszusortieren.

Die letzte Karte, die ich aussortiert hatte, war merkwürdig. Sie war vollkommen weiß und es stand nichts weiter als meine Adresse sowie „Neues Jahr, neues Glück?“ darauf. Ich fragte mich, wie sie es überhaupt in meine Kiste geschafft hatte und legte sie achtlos weg. Als ich sie gerade im Altpapier entsorgen wollte, fiel mir auf, dass sie ein Fleurop-Logo trägt. Meine grauen Zellen gaben ein paar Blitze der Erinnerung frei. Mir fiel ein, dass ich am Anfang irgendeines Jahres mal einen Blumenstrauß bekommen hatte. Ich wusste auch, dass die Blumen von einem Mann stammten, von dem ich mich gegen Ende eines Jahres getrennt hatte. Ich wusste ebenfalls noch, wie ich eine Benachrichtigung im Briefkasten hatte, dass man mir Blumen schickte und ich überhaupt keine Lust darauf hatte, zum Blumenladen zu fahren und sie abzuholen, ganz abgesehen davon, dass mir eine Vase fehlte. Deshalb entschied ich mich, im Blumenladen anzurufen und nachzufragen, von wem die Blumen sind und sie gegebenenfalls der Floristin zu überlassen. Als die Floristin mir die Karte vorlas, wusste ich damals, von wem die Blumen waren und brachte es nicht übers Herz, sie ihr zu schenken.

Es brauchte heute einige Zeit bis mir abgesehen von der obigen Situation der Name und die Umstände zu dieser Karte einfielen. Aber irgendwann schaffte ich es, in den See dieser Erinnerung einzutauchen und bis zum Boden vorzudringen. Plötzlich ergab sich durch diese auf den ersten Blick unscheinbare Karte mit gerade mal vier Worten eine weit größere Erinnerung als durch viele andere, die von oben bis unten vollgeschrieben sind. Ich konnte diese Erinnerung unmöglich (symbolisch) wegschmeißen. Also ließ ich sie wieder in meinen Tempel der Erinnerung fallen, verschloss die Kiste mit den Relikten meiner Vergangenheit und stellte sie zurück ins Regal.

Goodbye, bis zur nächsten unchronologischen Reise durch die Vergangenheit mit verschiedensten Erinnerungen und längst vergessenen Erlebnissen.

Advertisements

6 Gedanken zu “Hello and goodbye.

  1. Ich liebe deine Art zu schreiben. So zart und Gefühlvoll. *hach* Finde es gut, wenn du diese Kiste beibehältst. Wie du es sagst, es hängen ja Erinnerungen dran. Nach und nach werden vielleicht neue Erinnerungsstücke hinzukommen. Und wenn du mal alt und grau bist, hast du eine wundervolle Möglichkeit dich an verschiedene Dinge deines Lebens zu erinnern. ;) Ein schöner Weg sich zu erinnern, finde ich.

    Gefällt mir

    1. Danke. :)
      Ich hoffe doch sehr, dass immer mehr Erinnerungen hinzukommen! Es ist irgendwie schön, einen solchen Platz für seine Erinnerungen zu haben. Und ja, du hast ganz Recht, es ist ein schöner Weg, sich zu erinnern. :)

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s