Sorry seems to be the hardest word

Heute vor fünf Jahren starb meine Oma sehr plötzlich. Sie hatte zwar schon ein gutes Alter, aber sie war gesund. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass sie uns bald verlassen würde. Der Schock saß tief, die Trauer war groß. Alles, was mir ein wenig Trost spendete, war die Tatsache, dass sie einen schmerzfreien Tod hatte. Viel schlimmer war für mich aber, dass ich nicht nur mit großer Trauer, sondern auch mit tiefen Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.

Meine Oma war ein wunderbarer Mensch. Sie hat alles getan, um uns glücklich zu machen, sie hat sich aufgeopfert und jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Sie hätte uns ihr letztes Hemd gegeben, damit wir glücklich sind. Ich bin mir sicher, dass unser Glücklichsein sie glücklich gemacht hat und dass sie die Zeit liebte, die sie mit uns verbringen durfte.

Aber genau die miteinander verbrachte Zeit verstärkte meine Schuldgefühle. Gut zwei Wochen vor ihrem Tod hatte meine Oma Geburtstag. Es war das einzige Mal, dass ich sie an ihrem Geburtstag nicht besucht habe. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade in meinem ersten Semester an der Uni und steckte mitten in der Klausurenphase. Ich habe meinen Leistungen den Vorzug vor dem Geburtstag meiner Oma gegeben. 150km zu ihr hinzufahren und die Strecke auch wieder zurückzufahren, schienen mir einfach zu viel Aufwand zu sein. Natürlich rief ich sie an ihrem Geburtstag an, gratulierte ihr und versprach ihr, direkt am Tag meiner letzten Klausur mit Kuchen bei ihr vorbeizukommen und nachzufeiern. „Ja, ich freue mich, ich freue mich“, sagte sie – die letzten Worte, die ich je von ihr hörte. Einen Tag bevor ich mit dem Kuchen vor ihrer Tür stehen wollte, war sie tot.

Völlig fertig erzählte ich mir nahestehenden Menschen von meinen Schuldgefühlen. „Deine Oma hätte nicht gewollt, dass du an ihrem Geburtstag da bist“, sagte einer. Völliger Quatsch – wie könnte meine mich liebende Oma nicht gewollt haben, dass ich sie besuche? „Mach dir keine Vorwürfe“, sagte meine Mutter. „Deine Oma hätte nicht gewollt, dass du die lange Strecke im Winter fährst, da hätte sie sich viel zu viele Sorgen gemacht.“ Die Worte waren schon treffender, konnten mir meine Schuld aber nicht nehmen.

Egal, was man mir sagte, meine Schuld verging nicht. Kein Mensch kann mir glaubhaft erzählen, dass meine Oma sich nicht gefreut hätte, wenn ich da gewesen wäre. Es stimmt zwar, dass meine Oma sich immer zurückgestellt hat und völliges Verständnis dafür hatte, dass ich mich meinen Klausuren widmete, aber dennoch reichte das nicht aus, um mich von dieser quälenden Schuld zu befreien.

Ich versuchte, es irgendwie wieder gut zu machen und hängte mich in die Organisation ihrer Beerdigung. Ich wollte ein Zeichen setzen, ihr einfach einen würdigen Abschied bereiten. Während andere einen stillen Gruß auf die standardisierten Grabkränze schrieben, suchte ich liebevoll wunderschöne Blumen aus, ließ den Kranz in Herzform flechten und mit dem Satz „Danke, dass es dich gab“ besticken.

Nach ihrem Tod ging ich immer mal wieder zu ihrem Grab, goss die Blumen, legte neue hinzu, zündete eine Kerze an, legte kleine Steine mit schönen Sprüchen auf ihr Grab und schrieb Gedichte. Ich habe mein Allerbestes gegeben – aber erst, nachdem sie tot war. So viel Mühe, wie ich mir im Nachhinein auch gegeben hatte, es änderte einfach nichts daran, dass ich nicht da war. Die Schuld vergeht nicht mit aktionistischem, proaktivem Handeln. Die Schuld vergeht auch nicht mit den Worten anderer.

Es gibt nur zwei Menschen, die mich aus dieser Schuld befreien können. Die eine Person ist meine Oma. Sie hätte mir sofort verziehen, sie hätte mich sofort aus dieser Schuld entlassen, sie hätte alles dafür getan, dass ich glücklich bin und nicht leide. Und die andere Person bin ich. Aber ich konnte nicht. Ich konnte mir nicht so einfach verzeihen, dass ich nicht da war und meine Prioritäten falsch gesetzt habe.

Nach langer Zeit, als man langsam anfing zu realisieren, dass sie nicht mehr da ist, dass sie nicht mehr wiederkommen würde, dass ihr Haus verkauft wurde und das Leben ohne sie wieder seinen gewohnten Gang genommen hatte, wurde es besser. Als die Trauer verging und der letzte Schmerz so langsam verblasste, stachen die Schuldgefühle nicht mehr so sehr. Dennoch wechselten sich Sonne und Mond auch nach dieser Zeit noch lange ab, ehe ich realisieren konnte, was wirklich wichtig war.

Wichtig war, dass ich sie geliebt habe. Und das wusste sie – unabhängig davon, ob ich an ihrem Geburtstag da war oder nicht. Meine Liebe zu ihr war der Grund, weshalb ich mich irgendwann selbst aus dieser Schuld entlassen konnte.

Normalerweise lege ich an ihrem Todestag eine Blume auf ihr Grab. Aber nicht heute. Ich bin (mal wieder) 150km weit weg. Aber das ist okay, ich fühle mich nicht schuldig. Denn Liebe kennt weder Orte noch Kilometer. Wo auch immer ich bin, ein Teil meines Herzens ist immer bei ihr. Und wo auch immer sie ist, sie weiß das.

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6 Gedanken zu “Sorry seems to be the hardest word

  1. Jetzt sind mir gerade doch echt die Tränen gekommen. Genau dieses Thema beschäftigt mich gerade auch. Nur dass meine Oma noch lebt es ihr aber seit einiger Zeit alles andere als gut geht. Ich habe bereits jetzt Schuldgefühle, da ich so viel mit mir selbst zu tun habe und kaum Zeit für sie habe.
    Aber dein Beitrag hat mir eben nochmal in den Hintern getreten. Ich sollte dankbar sein eine so tolle Oma zu haben und ihr das auch zu Lebzeiten noch zeigen.
    Und ich denke deine Oma wusste auf jeden Fall wie sehr du sie liebst. Deine Schuldgefühle sind der Beste Beweis für deine Liebe.
    Liebe Grüße :)

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