Trial and error der Ansprüche

Wenn man (relativ) lange Single, aber (wieder) bereit für eine Partnerschaft ist, bekommt man nicht selten den guten Rat, man müsste seine Ansprüche senken. Für solche Kommentare habe ich meist nur ein genervtes Augenrollen übrig. Ganz selten gebe ich den Satz allerdings auch mal von mir, z. B. bei einem Bekannten, der gerne eine Partnerin hätte, die aber bitte unbedingt

– Akademikerin
– Nichtraucherin
– Nichttrinkerin
– schlank und trainiert

sein soll.

Wenn sich die Ansprüche an einen Parnter ausschließlich auf harte Fakten beziehen, rollen sich meine Fußnägel hoch (und ich habe ohnehin schon sehr hässliche Füße – nicht umsonst nannte man mich eine Zeit lang liebevoll „Gollum“). Klar, wir wollen einen Menschen, der zu uns passt und wenn die Lebensstile nicht allzu weit auseinandergehen, kann das durchaus von Vorteil sein, aber diese harten Fakten als Ausschlusskriterien heranzuziehen, finde ich schwierig.

Ende Januar wurde ich gefragt, was meine Ansprüche sind. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte, denn ich habe nicht nur viele, sondern auch hohe Ansprüche, die teilweise sehr ambivalent erscheinen. Als der Valentinstag näher rückte und ich schon auf anderthalb Jahre des Single Daseins zurückblicken konnte, machte ich eine Liste mit meinen Ansprüchen. Einfach so, nur für mich (nicht als Checkliste). Ich wollte meine Ansprüche schwarz auf weiß haben, sie mir vor Augen führen und reflektieren.

Es ist eine ganz nette Liste geworden, die ausschließlich auf weichen Faktoren beruht und sich nur auf Charakterliches, emotionale Intelligenz, den Umgang miteinander und das Verständnis von Beziehungen bezieht. So sehr ich diese Ansprüche auch hinterfrage, ich werde sie nicht ändern. Ich denke gar nicht daran, sie auch nur einen Hauch runterzuschrauben. Natürlich gibt es Toleranzen, natürlich muss man hier und da vielleicht den einen oder anderen Abstrich machen, aber es gibt Dinge, in denen ich zu keinerlei Kompromissen bereit bin. Sicherlich würde man leichter einen Partner finden, wenn man seine Ansprüchen herunterschraubt, aber ich halte das für sinnlos.

Meine Ansprüche haben ihre Gründe, sie sind quasi in einem Trial-and-Error-Prozess entstanden. Durch vergangene Erfahrungen weiß man ziemlich genau, was man nicht (mehr) will. Und man weiß immer mehr, was man eigentlich will. Dass ich nicht bereit bin, meine Ansprüche zu senken, liegt aber vor allem daran, dass ich mittlerweile weiß, was ich an meiner Seite brauche, um eine glückliche und erfüllte Partnerschaft führen zu können. Das liegt aber natürlich nicht nur am Partner, sondern auch an einem selbst. Die Ansprüche anfangs zu erfüllen, ist die eine Sache. Die andere ist, dass man jeden Tag aufs Neue Brücken zu seinem Partner bauen muss – und da sind beide in der Pflicht (es gibt eben auch innerhalb einer Beziehung Trial-and-Error-Prozesse).

Als ich meine Liste der Ansprüche schrieb, ahnte ich noch nicht, dass ich am Valentinstag ein großartiges Date mit einem wundervollen Mann haben würde. Hätte ich meine Worte als Checkliste verwendet, hätte ich überall einen Haken setzen können. Das hätte ich allerdings vor knapp anderthalb Jahren theoretisch auch schon bei einer anderen Person tun können. Aber neben dem Erfüllen der Ansprüche gibt es eben einen noch bedeutenderen Faktor: die Gefühle.

Meine Liste der Ansprüche habe ich inzwischen gelöscht. Ich brauche sie nicht mehr, denn ich habe einen Menschen gefunden, der mein Leben bereichert, ein seliges Lächeln auf meine Lippen zaubert und mir so viel mehr gibt als das, was auf meiner Liste stand. Denn auch wenn nur weiche Faktoren auf meiner Liste standen, irgendwie bleiben sie hart.

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13 Gedanken zu “Trial and error der Ansprüche

  1. Sehr richtig. Natürlich ist es quatsch zu sagen: er muss 1,95m groß sein und blond und schön und Akademiker, blabla.
    aber es gibt so ein paar Faktoren… wenn man da Abstriche macht, scheitert es früher oder später einfach, weil es da einfach nicht passt. Das runterzuschrauben, nur, damit man nicht mehr Single ist, ist schlicht und ergreifend Quatsch.
    Und am Ende ist sowieso immer der Zufall Regisseur in unserem Stück und ohne das man auch nur den Hauch einer Liste im Hinterkopf hätte, lässt er Amor zielen, schießen, treffen.

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  2. Explodiert das Herz und jemand zieht wieder dort ein, ist das der einzige Anspruch der erfüllt sein muss. Alles andere ist Peanuts. Wer noch mehr will, soll sich ein Auto bestellen, da gibt’s dann auch Garantie.
    Danke für deine wunderbaren Gedanken. Gruß Erika

    Gefällt 4 Personen

  3. Jeder ist für seine Ansprüche verantwortlich. Ich wüsste nicht ob ich mit einer Raucherin zusammen leben wollte. Wäre ein Streitthema, dass man vermeiden kann. Analog Nichttrinkerin. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen mit Stimmungsschwankungen aufgrund Alkohol gemacht.

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