Von einem Kind, das keins sein durfte

Vor zwei Jahren geschrieben.

Bevor Lukas aufs Gymnasium kam, machte er mit seinen Eltern Urlaub an der Elfenbeinküste. An einem der Tage sah er in einiger Entfernung einen Jungen, der immer wieder mit einer löffelähnlichen Schaufel im Boden grub. Dieser Junge war Danyo, acht Jahre alt und Einheimischer. In der Hoffnung einen Spielkameraden gefunden zu haben, ging Lukas auf Danyo zu. „Was machst du hier?“, fragte Lukas. Danyo schaute kurz auf. „Ich suche Minen. Und was machst du hier? Du solltest nicht hier sein.“ „Warum suchst du Minen?“ Danyo biss sich auf die Lippe, grub weiter in der Erde und sagte: „Das kann ich dir nicht sagen, aber du solltest jetzt gehen.“ Lukas seufzte. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Der Urlaub mit meinen Eltern ist langweilig. Zuhause habe ich wenigstens einen Computer, an dem ich spielen kann.“ Danyo schaute Lukas mit leuchtenden Augen an. Er hörte mal davon, dass die Menschen in den reichen Ländern im Luxus schwelgten und Unterhaltungsgeräte in Hülle und Fülle hatten. „Was spielt man denn auf einem Computer?“, fragte er interessiert. Lukas schaute etwas ungläubig und sagte dann, dass er immer Ballerspiele spielen würde. „Was sind denn Ballerspiele?“ Lukas begann leidenschaftlich über sein Hobby zu reden. „Da ballerst du rum. Peng, peng, peng. Du musst immer Menschen töten. Manchmal in der Wüste, manchmal auf abgelegenen Festungen oder auch im Grasland. “ Während Lukas noch ein paar Schussgeräusche imitierte, konnte Danyo kaum glauben, was er hörte. „Ihr spielt Spiele, in denen man auf Menschen schießt?“ Lukas nickte selbstverständlich. „Peng, peng, peng. Je mehr Menschen man getötet hat, desto besser. Das macht wirklich riesigen Spaß“, sagte Lukas und formte seine Hände zu einer Pistole. Danyos Augen füllten sich mit Tränen. „Nein, macht es nicht“, sagte er, nahm seine löffelähnliche Schaufel, mit der er gerade noch nach Minen gesucht hatte, weil es ihm am Morgen so befohlen wurde, und schob sie in seine Tasche, bevor er Lukas den Rücken kehrte. Der Achtjährige verstaute sie dort, wo er sie immer verstaute. Direkt neben der Waffe, mit der man ihn auch zwang, Menschen zu töten.

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4 Gedanken zu “Von einem Kind, das keins sein durfte

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