Wenn der Liebste krank ist

Sein Hals kratzte, die Nase war zu, ständig musste er niesen, manchmal husten. Man hätte meinen können, eine Erkältung kündigt sich an. Weit gefehlt!

„Ich habe einen Männerschnupfen“, diagnostizierte er.

Sofort schrillten alle Alarmglocken bei mir. Mit einem ausgewachsenen Männerschnupfen ist bekanntermaßen nicht zu spaßen! Aber als Frau von Welt, die schon etliche Männer palliativ durch dieses anmutende Martyrium begleitet hat, weiß ich natürlich, was zu tun ist. Sofort ging ich meine innere Checkliste durch.

Schritt 1: Finanzstatus checken. 69,23 Euro in bar. Das würde für die Erstversorgung aus der Apotheke reichen.

„Ich möchte nichts aus der Apotheke“, verkündete er heldenhaft.

Solche Fälle kommen selten vor, erfordern allerdings höchste Flexibilität, denn die Checkliste nützt nun nichts mehr. Aber für sowas hat Frau von Welt natürlich einen Plan B: sterben lassen.

Bis zur Erlösung gilt es allerdings, verständnis- und liebevoll auf die Wehleidigkeit der Patienten zu reagieren. Empathische Sätze wie: „Wenn du mir noch etwas sagen möchtest – (an dieser Stelle folgt eine ergriffene Kunstpause, in der man die Augen schließt und durch den Mund hörbar ein- und wieder ausatmet) – dann ist jetzt der richtige Moment, glaube ich“, stärken die Nähe zur leidenden Rotznase. Bei allzu großer Wehleidigkeit haben sich in Einzelfällen auch Sätze wie: „Wenn du tot bist, kann ich dann deine Playstation haben?“ bewährt und zu einer spontanen Linderung des lebensgefährlichen Männerschnupfens geführt.

Ich dachte, ich wäre auf alles vorbereitet. Schließlich habe ich mir über die Jahre ein immenses Repertoire an empathischen, mitfühlenden Worten zugelegt. Aber mit einem habe ich nicht gerechnet: mit fehlender Wehleidigkeit. Augenblicklich stellte sich bei mir ein Gefühl hilfloser Überforderung ein.

In mir kroch leise Panik hoch. Er verweigerte seine Medikamente (nicht mal das vom Arzt verschriebene Antibiotikum hat er abgeholt, selbst Nasenspray war keine Option für ihn) und jammerte nicht, sondern litt einfach nur still. Es musste ernst sein! Kurz überlegte ich, ob ich ein Lebenszeichen provozieren und ihn fragen sollte, ob ich seine Playstation 3 inklusive GTA haben könne, wenn er seinem Leiden erliegen würde. Doch ich verwarf die Idee und fragte, ob ich ihm einen Tee machen solle.

„Nein“, sagte er und stand auf. „Den mache ich mir selbst.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das Gefühl hilfloser Überforderung wich unbändigem Stolz darüber, wie tapfer meine Rotznase ist. Die Tage gehen angenehmerweise tatsächlich ohne jegliche Jammerei über die Bühne. Bis heute Morgen.

Denn heute Morgen wachte ich auf und hatte (ich schwöre!) die Halsschmerzen meines Lebens. Sie waren so schlimm, dass ich jedem auf dieser Welt erzählen möchte, dass ich die heftigsten Halsschmerzen aller Zeiten habe und am liebsten nie wieder schlucken möchte. Aber der Liebste wusste natürlich sofort, was zu tun ist. Und so nippte ich kurze Zeit später an einem Kamillentee (ich hasse Tee übrigens wie die Pest und trinke ihn nur, wenn es mir wirklich, wirklich, wirklich, also so richtig!, schlecht geht).

Mein Zustand ist natürlich sehr ernst und äußerst kritisch. Allerdings habe ich keine Playstation zu vererben – auf mysteriöse Art und Weise hat nämlich am Ende jeder den Männerschnupfen unbeschadet überstanden. Das gibt mir Hoffnung. Aber vielleicht sollte ich mir sicherheitshalber eine Playstation kaufen..

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11 Gedanken zu “Wenn der Liebste krank ist

  1. :) ich frage mich manchmal, ob wir Männer nicht gar leiden sollen. Als ich im Winter krank war und mich in mein Zimmer zurückzog um es auszukurieren, fragte mich meine Mitbewohnerin, warum ich ihr nicht gesagt hätte, dass es mir schlecht geht, dann hätte sie sich doch um mich gekümmert. Und genau das wollte ich ja gar nicht. ;-) Eine Playstation hätte ich aber auch nicht zu vererben gehabt ;-)

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    1. Leiden sollt ihr natürlich nicht! Aber vermutlich gibt es da in der Tat eine gewisse Erwartungshaltung, dass Mann den sterbenden Schwan mimt. Aber warum? Weil der harte Mann in diesen Zeiten mal Schwäche zeigen und voll ausleben kann, ohne irgendwelche Weichei-Assoziationen zu fürchten? Oder vielleicht weil Frau es genießt, einer fürsorglichen, umsorgenden Rolle nachzukommen? Ich habe keine Ahnung.

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  2. Wobei ich in meinem Leben ehrlich noch keinen Mann kennengelernt habe, der unter diesem „Männerschnupfen“ gelitten hat oder sonst groß am Leiden war… aber Frauen, die aus leidvoller Erfahrung berichteten.
    Hoffe, dir geht es mittlerweile wieder etwas besser und du erholst dich mit guter Pflege :)

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  3. Mir gefällt das sehr gut, ich finde es großartig, dass es so etwas gibt, eine Frau, die einen Mann bei einem Männerschnupfen palliativ begleitet.

    Ich hatte einmal eine Frau, die war sowas von überfordert mit der Situation, dass sie mir Smarties gab. Dabei wollte ich doch nur, dass sie einen Pfarrer holt, damit ich mit ihm die näheren Einzelheiten für das letzte Sakrament besprechen kann.

    Der Deine kann sich glücklich schätzen über dich. Ich vermute, dass er ganz still und heimlich aus Dankbarkeit eine Kerze am Marienaltar für dich entzündet.

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