Der Paul im Kopf

Manchmal will ich sie schütteln, diese bildhübschen Mädchen, in denen der Samen des Selbstzweifels schon Wurzeln geschlagen hat. Und jetzt, wo der Frühling kommt, schlagen sie aus, die Bäume und Wurzeln.

Kürzlich bekam ich eine Nachricht von einer Freundin: „Ich habe einen Korb bekommen. Wegen der Optik. Jetzt reicht’s, ich nehme ab.“ (Sie ist übrigens nicht zu dick.)

Kopfschütteln.

„Da klassifiziert sich ein Mensch mit seiner Oberflächlichkeit zum absoluten Deppen und du suchst den Fehler bei dir? Dein Ernst?“

Naja, sie wäre ja auch nicht ganz zufrieden mit sich. Und sowieso. Und überhaupt.

Er ist ein Depp. Ein Paul.

Ich kenne Pauls auch. Paul fand meinen Busen zu klein. Ob ich mir wohl vorstellen könnte, mich einer Schönheitsoperation zu unterziehen?

Äh… ähm.. stotter.. stammel… Also, wenn ich so recht drüber nachdenke.. äh.. ja, also.. äh.. ähm…

Ja, Mädels, ich verstehe euch, aber…

Würde ich heute nochmal einem Paul begegnen, würde ich ihn fragen, ob er sich wohl vorstellen könnte, sich einer Hirntransplantation zu unterziehen.

Heute, damals nicht.

Das Problem bei den Pauls ist eigentlich gar nicht der Paul selbst. Das Problem ist der Denkapparat im Kopf. Paul hat nämlich gesagt…

Schlimm ist ja nicht mal zwangsläufig, dass Paul gesagt hat… Schlimm ist, dass man sich fragt, ob Paul nur ausspricht, was auch die anderen (bisher nicht als Paul klassifizierten) Menschen dachten.

Und so langsam wird der Kopf zu Paul.

Paul sagt euch dann nicht nur, dass der Busen zu klein ist und ihr vielleicht eine Schönheitsoperation in Betracht ziehen solltet. Paul kritisiert auch gleich Hintern, Hüfte, Oberschenkel, Arme und Bauch.

Paul sagt euch, ihr müsst schön sein, nämlich für Paul. Nicht für den in eurem Kopf, für den in eurer Realität.

Dann quält ihr euch für einen Körper, den Paul super findet. Der Lohn ist dann nur eben ein Paul, der euch auch genau auf diesen reduziert.

Das wird nicht halten. Ist aber auch nicht weiter schlimm, der nächste Paul wartet schon an der Ecke.

Dann dürft ihr nochmal von vorne anfangen, denn der andere Paul hat ganz andere Wünsche und Vorstellungen, ganz andere Dinge, die er kritisiert. Wie wär’s mal mit einer Nasenkorrektur? Und die Lippen – könnten die nicht vielleicht ein wenig voller sein? Nein, nein, nicht die Kylie Jenner-Taktik, da muss schon Botox her.

Liebe Mädels, es gibt eine Menge Pauls auf dieser Welt. Das ist auch nicht weiter schlimm, wäre da nicht dieser Paul in eurem Kopf. Mit dem solltet ihr euch rumschlagen, nicht mit den anderen Pauls dieser Welt.

Denn wer dem Paul im Kopf Paroli bieten kann, der lernt, auf die Pauls dieser Welt zu scheißen.

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20 Gedanken zu “Der Paul im Kopf

      1. Die Dinge bauen sich in einem Prozess auf und auch erst in einem Prozess wieder ab. Man braucht Geduld, viel Geduld. Aber irgendwann kann man sie hoffentlich begraben, die Pauls.

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      2. Ich weiß, was Du meinst. Geduld. Mindestens so lange, wie sich die Pauls entwickelt konnten. Also, wenn ich im Durchschnittsalter sterbe, dann bin ich die zum Tod los. Das Leben zwar auch aber das kümmert einen ja dann nicht mehr. Die Pauls, denke ich, auch nicht. Verzeih den Zynismus. Ist der langanhaltenden Down-Phase verschuldet. Trotzdem Danke für Deine Worte. :-)

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  1. Ein wunderbarer Text, liebe Schnipsel! :-)
    Ach ja … Wenn ich erst mal an der Macht bin, ändere ich Gesetz dahingehend, dass Pauls verboten werden! ;-)
    Heute würde ich so einem auch ganz gehörig die Meinung geigen. Aber in jungen Jahren? Urgs.

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  2. Das Problem ist, wenn man einem solchen Paul als junges Mädchen begegnet. Die erste große Verliebtheit und dann so was. Eine solche Abweisung und Kritik kann sich stark auf die eigene Persönlichkeit auswirken. Es folgen Komplexe, obwohl man sich bis dato völlig OK fand. Man fängt Dinge an zu ändern um anderen zu gefallen.
    LG, Emma

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    1. Es gibt auch die Nicht-Pauls, die, die einem sagen, dass man super ist, wie man ist. Aber denen wird nicht immer so viel Gewicht beigemessen wie den Pauls. Und wenn man zuvor einem Paul begegnet ist, von dem man sich hat beeinflussen lassen, tut man das, was die Nicht-Pauls sagen, als Lüge ab. Ich glaube, es ist ein Lernprozess. Man muss lernen, sich selbst zu mögen und sich selbst anzunehmen. Als junges Mädchen in der Pubertät ist das sicher schwieriger, aber es gibt glücklicheweise auch eine Zeit danach.
      Liebe Grüße

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  3. Leider fallen solche Aussagen schnell auf fruchtbaren Boden. Ich stimme dir vollkommen zu, dass das Problem nicht der „Paul“ ist, sondern das eigene Denken.

    Leider gibt es das auch umgekehrt. Frauen können genauso fordernd und kritisierend sein wie Männer.

    Und oft sind es nicht die direkt ausgesprochenen Wünsche, sondern die kleinen Trigger, die vielleicht ganz anders gemeint waren. („Du hast aber zugenommen!“ – kann auch ein Kompliment sein, Ausdruck von Freude oder einfach eine Feststellung.)

    Wer mich nicht lieben kann, wie ich bin, wird mich niemals aufrichtig lieben können. Diese „Liebe“ scheitert schon an der Grundvoraussetzungen, den MENSCHEN zu lieben und nicht das Bild, was man gerne hätte.

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    1. Wir dürfen alle.

      Aber ein bisschen erschrocken bin ich schon. Du hast getreten?! Ich hätte ja erwartet, dass du sie heftigst geschubst hast – also, nicht sanft in die richtige Richtung, sondern ganz fies auf den Boden. ;)

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  4. Ach Paul…. Ich weiß was du meinst. Manchmal quatscht der in meinem Kopf dummes Zeug. Dann sage ich, dann übertöne ich ihn. „Bist du doof oder was? Ich BIN TOLL!!!“ Muss nur gestehen. Hin und wieder werde ich schwach und lasse mich einlullen.

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