Exklusiv hässlich

Wenn ich unterwegs bin, bin ich meistens falsch angezogen. Irgendwie immer einen Tick zu schick, zu overdressed. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran, wenn man nur ein semigutes Händchen für Mode hat. Andere bezeichnen das chronische Overdressing als meinen Stil, was ich sehr erheiternd finde, denn ich hätte niemals gedacht, dass man „Stil“ und mich in einem Satz erwähnen kann, ohne ein Paradoxon zu bilden.

Gestern kam ich jedenfalls ganz stilvoll beim Liebsten an. Er war allerdings noch nicht da, was mich nicht daran hinderte, den Couchabend schon mal alleine einzuläuten – natürlich best dressed im Pennerstyle. Raus aus Strumpfhose, Schühchen, Kleid und Jäckchen, rein in meine Gammelhose und das nächste greifbare, viel zu große Shirt vom Liebsten (einer seiner meiner bevorzugten Hoodies war leider nicht in Sichtweite).

Als der Liebste endlich vor mir stand, sagte er:

„Du siehst aus wie Jesse Pinkman.“

„Ja, ich habe eben noch gedacht, eigentlich ist es unfair. Für alle anderen bin ich immer so schick gemacht und bei dir laufe ich meistens im Gammellook rum. Aber weißt du was? Das ist der Exklusivanblick! Kein anderer Mensch außer dir wird mich so sehen!“

Exklusiv hässlich für den Liebsten quasi.

Aber den Liebsten stört das nicht. Wenn ich in meinem Gammelstyle, für den mir Guido Maria Kretschmar wohl die Ohren lang ziehen würde, auf dem Sofa liege, entfahren dem Liebsten hin und wieder mal Sätze, die folgendermaßen beginnen:

„Habe ich meiner wunderschönen Freundin heute eigentlich schon gesagt…“

Mir war nicht ganz klar, ob das ein wohl überlegter Satzanfang, eine Floskel oder Spott war, weshalb ich energisch ein Veto einlegte.

„Wunderschöne Freundin? Ich liege im Gammelstyle mit viel zu großen Sachen auf deinem Sofa…“

„..und bist trotzdem wunderschön.“

Er hat es einfach total drauf, der Liebste. Er unterstützt meinen Gammelstyle sogar (theoretisch könnte es aber auch Resignation sein). Vorgestern überlegte er, ob er mir einen Hoodie zum Gammeln bestellen sollte. Das Problem wäre allerdings folgendes gewesen: es wäre einer für Frauen gewesen. Dazu noch in meiner Größe. „Ich habe es dann aber doch nicht gemacht. Du würdest wahrscheinlich weiter meine Hoodies anziehen. Es sind eben meine.“ Genau, es sind eben seine.

Und in seinen Klamotten bin ich am liebsten exklusiv hässlich für ihn. Und eigentlich bin ich auch genau dann am schönsten. Denn dann bin ich nicht nur natürlich, bequem, lässig und entspannt, sondern vor allem auch angekommen. In seinen Klamotten, auf seinem Sofa, bei ihm.

Advertisements

10 Gedanken zu “Exklusiv hässlich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s