Dinge ändern sich – oder: „Jammer, jammer, heul, das ist echt nicht leicht!“

Oft, ganz oft, sagte man zu mir folgendes:

„Schnipsel, ich verstehe das nicht. Du bist doch so klug, warum rauchst du?!“

Früher habe ich noch diskutiert, irgendwann nicht mehr. Denn die Frage basiert auf einer falschen Annahme. Die Frage geht davon aus, dass ich eine Wahl habe. Genau genommen kann man Süchte aber als eine Einschränkung der Wahlfreiheit ansehen. Ich habe also gar keine Wahl. Rauchen ist nichts Rationales, sondern etwas Emotionales. Irgendwann, vor vielen Jahren, gab es immer mal wieder den Punkt, an dem ich die Wahl hatte. Den Punkt, an dem ich wusste, dass es nicht klug ist, sich diese Zigarette anzustecken und wieder mit dem Rauchen anzufangen (oder beim ersten Mal überhaupt anzufangen). Bezogen auf diesen einen Punkt kann ich die Frage verstehen. Aber was soll ich sagen? Damals war ich halt noch nicht „so klug“. Dafür aber saucool… (das ist natürlich nicht erstrebenswert!).

Die Zigarette und ich, das ist eine lange Geschichte. Damals, vor 11 Jahren habe ich mit dem Rauchen angefangen. Ich war 15 Jahre alt, rebellisch und cool. Genauso cool fand ich mich ein paar Wochen später, als ich mich mit meiner Mutter stritt und sie mir an den Kopf warf, was ihr egal wäre. Supercool warf ich ihr an den Kopf, dass ihr dann aber auch egal sein müsste, dass ich rauche. Ha! Es war raus! Erste Hürde genommen und den Eltern gestanden, dass man raucht. Ach, was sollten sie auch sagen? Sie tun es doch selbst… Wenige Wochen später rauchten meine Mutter und ich das erste Mal zusammen. Seitdem gab es Rituale. Nach dem Essen blieben wir sitzen und rauchten… Solche Rituale und Gewohnheiten zu durchbrechen, macht das Aufhören schwer. Aber es geht.

Anderthalb Jahre nach meiner ersten Zigarette, hörte ich mit dem Rauchen auf. Von Jetzt auf Gleich. Total easy. Drei Jahre später fing ich wieder an. Es war nur eine Zigarette, eine fucking Zigarette.. Tja, so kanns gehen.

Ein halbes Jahr später hörte ich wieder auf. Ein Jahr später (inzwischen befinden wir uns im Jahr 2009) fing ich zeitgleich mit dem Studium wieder an. Wollt ihr wissen, wie viel Kohle ich seitdem verpafft habe? Ich habe es ausgerechnet und.. heilige Scheiße, das wollt ihr nicht wissen! Es ist nur Geld, nur Geld, nur Geld… Okay, es wäre ein echt nettes Auto gewesen, aber hey, es ist nur Geld.. Und dass ich verdammt viel Geld für Zigaretten ausgegeben habe, war mir immer klar. Aber weil es eben nur Geld ist, ist das selten Anreiz genug, die Finger von den Zigaretten zu lassen. Bei mir jedenfalls. Ich messe Geld nicht allzu viel Bedeutung bei.

Trotzdem ist etwas passiert. Letzte Woche Mittwoch stieg ich aus der Dusche und dachte mir: „Ist das alles ekelhaft, du hörst jetzt mit dem Rauchen auf….“ Witzigerweise war ich darüber völlig euphorisch und freute mich darauf. Ich bin mir nicht ganz sicher, welchen Streich mir mein Hormonhaushalt da gespielt hat…

Ich versuchte jedenfalls es anzugehen und versteckte die Zigaretten und den Aschenbecher vor mir (mir ging es um das „aus den Augen, aus dem Sinn“-Prinzip). Wahnsinnig übermotiviert startete ich in den Donnerstag, gab meinen Deutschunterricht und fuhr anschließend zur Tankstelle. Nachdem ich getankt hatte, sprang mein Auto nicht mehr an. Es ist ja auch nicht so, als hätte ich da vor zwei Monaten erst 1000 Euro reingesteckt…. Ich durfte mal wieder den Abschleppdienst anrufen. Es war ein riesengroßer Stress. Und es war mein erster Tag als Nichtraucher. Es war noch kein Hauch von Gewohnheit da, keine Resilienz. Das war zu viel für mich. Ich trottete in die Tankstelle, kaufte mir eine Packung Zigaretten und rauchte.

Weil es gerade thematisch passt: kleiner Exkurs zu meinem persönlichen „warum rauchst du?“. Ich habe mal gelesen, „Sucht“ kommt von „suchen“ (liebe Korinthenkacker, das ist streng genommen natürlich nicht richtig, es geht aber auch gar nicht um die Richtigkeit der Wortherkunft, sondern um den psychologischen Gehalt dieses Satzes). Jeder ist aus einem anderen Grund süchtig. Und jeder ist anders süchtig. Ich bin nicht körperlich süchtig, ich bin kopfsüchtig. Ich bin Langeweile-, Gewohnheits-, Gesellschafts- und Ritualraucher. Und ich rauche in emotional sehr angespannten Situationen. Zigaretten geben mir viel. Sie geben mir eine Pause, sie holen mich runter, sie geben mir Halt, sie beschäftigen mich, sie überbrücken meine Zeit und mehr. Zigaretten haben einen besonderen Symbolcharakter für mich. Rauchen ist meine Freiheit. Und streng genommen ist sie genau das nicht. Denn ich bin nicht frei in der Entscheidung, ob ich rauche.

Ich beschloss, die Zigaretten, die ich noch habe, aufzurauchen und anschließend mit dem Rauchen aufzuhören. „Jaja“, höre ich die Leute stöhnen. „Und was kommt dann dazwischen? Und was passiert dann, dass du dir eine neue Packung kaufen musst?“ Es ist mir wirklich ernst! Deshalb habe ich das auch direkt mal auf Facebook gepostet. Knapp 300 Zeugen, das erhöht den psychologischen Druck immens (50 davon wussten wahrscheinlich nicht mal, dass ich rauche, denn alle halten mich für wahnsinnig vernünftig, rational und gesundheitsbewusst). Ich war mir in dem Moment zwar nicht sicher, ob das ein Zustand geistiger Umnachtung ist, aber bereut habe ich das bisher nicht. Viele Leute fanden es gut – meine Raucherfreunde natürlich nicht. Die mieden den „gefällt mir“-Button wie der Teufel das Weihwasser. Sie sind äußerst traurig – mit wem sollen sie denn jetzt rauchen gehen? Und wer gibt ihnen Feuer, wenn sie mal wieder keins haben? Das wäre für sie nicht ganz so leicht… Jaha, für mich erst recht nicht, Freunde!

Noch ein kleiner Exkurs: Wie ja allgemein bekannt ist, komme ich aus der BWL. Da sind die Menschen größtenteils recht rational. Und vernünftig. Ein bisschen mehr homo oeconomicus als der Ottonormalverbraucher vielleicht. Das heißt jedenfalls: sie handeln rational und vernünftig (natürlich nur begrenzt, wir sind ja alle irrationale Wesen). Genauer heißt das: sie rauchen nicht. Keiner unserer BWL-Professoren raucht, keiner meiner Kollegen, nur sehr, sehr wenige Kommilitonen. Rauchen ist schon lange nicht mehr cool, rauchen ist uncool. Es ist stigmatisierend, ungefähr so wie das Aussehen. Bist du dick, dann bist du undiszipliniert. Rauchst du, hast du dein Leben nicht im Griff. Wenn ich von Nichtrauchern umgeben war, habe ich nicht geraucht. Ich habe mich dafür geschämt zu rauchen und bekam ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir eine Zigarette ansteckte. Ich wollte einfach nicht schief angeschaut und in eine Schublade gesteckt werden. Lange Zeit rauchte ich unbemerkt, nur für mich. Ich hatte feste Regeln: Nicht in der Uni, nicht auf der Arbeit etc. Ich habe es aber dennoch nie verheimlicht. Manche Menschen wussten Bescheid, andere nicht. Wer es mitkriegt, kriegt es halt mit. Ich habe es nicht an die große Glocke gehängt. Aber wenn dann mal jemand mitbekam, dass ich rauche, wurde das zum riesigen Bohei. „Wie, du rauchst?! Das hätte ich dir echt nicht zugetraut!“ Und, das, was in dem Satz wirklich drin steckt, ist folgendes: „Was? Du rauchst? Du bist doch so vernünftig, so selbstbewusst, du siehst so gesund aus, so normal, als ob du dein Leben im Griff hättest, wo kommt denn diese Schwäche her – und überhaupt Schwäche, ich wusste gar nicht, dass du sowas hast.“ Gerade bei mir neigen die Menschen nämlich schnell dazu, mich in (zugegeben vorteilhafte) Schubladen zu stecken. Aber: nobody is perfekt. Ich schon gar nicht… Und dennoch: Das Rauchen mag sicher eine Schwäche sein, ist aber definitiv kein Beweis dafür, dass man sein Leben nicht im Griff hat.

Und nun sitze ich hier mit stolz geschwellter Brust und tippe meinen ersten Blogeintrag seit vielen, vielen, vielen Jahren ohne meine geliebte Zigarette als Begleiter. Ob das leicht ist? Nein. Ich habe zwar seit Samstag keine Zigarette mehr angefasst, die Schmacht vergeht, aber dennoch stehen mir noch viele Situationen das erste Mal als „Nichtraucher“ bevor, in denen ich immer geraucht habe. Diese Gewohnheiten zu durchbrechen, ist das Schwerste. Aber es ist nicht unmöglich. Ich werde das schaffen. Und ich freue mich so sehr darüber, dem Glimmstengel endlich „Adieu“ zu sagen, dass ich es vielen Menschen erzähle (natürlich auch, um den psychologischen Druck aufrechtzuhalten).

Samstag erzählte ich es einem Bekannten (jenem Menschen, der den Satz am Beitragsanfang häufig von sich gab).

Ich: „Ich höre jetzt mit dem Rauchen auf.“

Er: „Cool. Warum jetzt erst?“

ARGH! Falscher Ansatz, verdammt nochmal!

Ich: „Das ist ein Prozess. Ein innerer Reifeprozess. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich dafür bereit fühle.“

Wie bescheuert das klingt.

Er: „Wusstest du, dass jede Zigarette das Leben um 10 Minuten verkürzt?“

Ich: „Ich glaube nicht an sowas.“

Er: „Ist aber so. Du wirst nie deine Enkelkinder kennenlernen.“

Ich liebe sein außerordentliches Taktgefühl.

Ich habe gegooglet, was mit meinem Körper passiert, wenn ich mit dem Rauchen aufhöre. Und da ich in jungen Jahren aufhöre, habe ich gesundheitlich nicht besonders viel zu befürchten. Und falls doch, kommt der 15jährige rebellische Teenie in mir durch und schreit dir ins Gesicht: WAYNE?!

Ich: „Weißt du, wenn ich mit 40 sterbe, dann ist es mir auch egal. Wenn ich erstmal tot bin, kann ich mich sowieso nicht mehr ärgern.“

Vielleicht sterbe ich mit 30. Vielleicht mit 35. Vielleicht mit 40. Vielleicht nicht zu früh, vielleicht aber auch doch zu früh. Wie auch immer es ausgehen wird, ich werde nicht im Sterbebett liegen und sagen: „Wisst ihr, was ich in meinem Leben am meisten bereue? Ich bereue am meisten, dass ich im Alter von 15 bis 26 mit ein paar Unterbrechungen geraucht habe. Hätte ich das damals nicht gemacht, dann würde ich hier heute bestimmt nicht liegen.“ Bullshit, wirklich. Wenn ich auf dem Sterbebett liege, vielleicht mit 30, vielleicht mit 35, vielleicht mit 40, vielleicht in einem ganz anderen Alter, wann auch immer, dann möchte ich da liegen und einfach nur folgendes sagen: „Wisst ihr was? Ich war glücklich!“

Glücklich, das war ich mit meinen Zigaretten. Jetzt bin ich es ohne. Vorher war es okay. Jetzt ist es okay. Dinge ändern sich.

P.S. Eine letzte hatte ich noch…

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…aber sicher ist sicher…

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21 Gedanken zu “Dinge ändern sich – oder: „Jammer, jammer, heul, das ist echt nicht leicht!“

  1. Wow! Ich drück Dir ganz fest die Daumen, dass Du es schaffst!
    Und: Nie denken „Die Eine könnte ich doch mal …?“
    Umdrehen: „Ich muss mir nicht alle Zigaretten der Welt verkneifen, sondern nur diese eine einzige!“ ;-)

    Gefällt 1 Person

      1. Oh ja! *Lach*
        Der Herr Taxifahrer hat auf seinem Blog übrigens ein richtig knuffiges Nichtrauchertagebuch (er ist jetzt schon über ein Jahr clean), vielleicht machst Du sowas auch? Zur Selbstmotivation und sich selbst unter Druck setzten?

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      2. Ich habe zu dem Thema eigentlich auch noch so viel zu sagen… :D Ich hätte schon fast vor einem halben Jahr aufgehört, weil ich da mit einer heftigen Konsquenz des Rauchens konfrontiert wurde (ich habe es dann immerhin für eine Woche heftig dezimiert :D). Aber irgendwie war vor einem halben Jahr noch nicht der richtige Zeitpunkt da.

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  2. Ich habe viele Jahre mit Leidenschaft und Lust an der Sucht geraucht.
    Nie kam mir der Gedanke, es aufzugeben.
    Und dann wollten wir umbauen und es fehlte eine kleine Geldsumme, um das zu ermöglichen. Wir haben von einem Tag auf den anderen erfolgreich aufgehört zu rauchen. Es fehlte mir nichts, weder beim Gespräch noch bei Gewohnheiten.
    Nachdem der Umbau nun (fast) beendet ist, kommt mir nicht mehr der Gedanke wieder zu rauchen…
    Ein festes Ziel oder ein guter Grund ist also hilfreich.
    Liebe Grüße

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    1. Leidenschaft und Lust… Ich weiß genau, was du meinst. Aber Geld war nie meine Motivation. Das Frischegefühl, sich vitaler fühlen, sich fitter fühlen.. plus: nicht ständig alles waschen müssen, die Wohnung mit Raumduftspray malträtieren und mehr.. ;) Wenn man es mal genau nimmt, gibt es gar keinen Vorteil. Dass man nicht früher aufgehört hat, hängt vielleicht damit zusammen, dass wir bequeme Menschen sind, dass wir Veränderungen scheuen und Gewohnheiten gerne beibehalten. So ist es am einfachsten. Der Weg des geringsten Widerstands eben. Aber der ist bekanntermaßen selten der beste Weg… ;)

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  3. Ich hab‘ mindestens ein Wohnmobil verraucht … und ich hab sau gerne geraucht. Aber vor gut einem Jahr ist es mir einfach zu blöd geworden, dauernd diese Abhängigkeit, dauernd draußen stehen müssen … plötzlich war rauchen einfach nicht mehr gemütlich.
    Jetzt versuche ich seit gut einem Jahr (überraschend erfolgreich) einfach die jeweils nächste Zigarette nicht zu rauchen.
    Und meine App sagt mir, ich habe schon 14.732 mal die nächste nicht geraucht …

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    1. Wow, tolle Leistung! Und hui, viele Zigaretten.. So viel mehr als man selbst denkt.

      Damals, als ich noch in einer Wohnung wohnte, in der ich zum Rauchen vor die Tür gehen musste, habe ich sehr viel weniger geraucht. Weil es eben so unbequem ist. Das hat nichts mehr mit Genuss zu tun, nur noch damit, einer Sucht zu frönen. Es ist einfacher, wenn man Orte hat, an denen man nicht raucht. Ich rauche bei meinem Freund z. B. nicht, von Anfang an nicht. Auch nicht in seiner Gegenwart. Das macht es mir aktuell ein wenig leichter.

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  4. Viel Erfolg! Meine Daumen sind gedrückt. Ich habe viele Jahre geraucht. Die Zigarette war mein Halt, zum seelicher Druckausgleich…
    Zu Weihnachten 2013 habe ich aufgehört. Von heute auf morgen, ohne Rückfälligkeit, obwohl mein Freund Raucher ist. Seitdem esse ich zwar noch mehr Süßigkeiten, aber ansonsten ist es, als wäre ich nie Raucherin gewesen. Seitdem werfe ich täglich 5 Euro in ein Sparschwein und freue mich über die Dinge, die ich mir davon gönne (Schuhe, Schuhe, Schuhe ;) )
    Alles Gute für dich!

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  5. So geht es mir mit dem Essen :-( Nur leider bekomme ich gerade aktuell nicht die Kurve.
    Ja es ist Sucht, darum ist es so schwer!
    Finde es klasse, das du es geschafft hast! Viel erfolg weiter hin. LG desweges

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  6. Oh man… oh Scheiße… oh echt… ich kann jedes Wort total verstehen. Hoffe Du schaffst es. Ich bin ein Hybrid. Ich schaffe es mal eine Zeitlang. Dann rauche ich wieder. Dann rauche ich wieder zwei Wochen nicht, dann wieder eine Woche extrem viel. Aber ich kämpfe weiter… Irgendwann wird es vorbei sein. Drücke Dir auf jedem Fall die Daumen.
    Außerdem die erste Frage in Deinem Beitrag: Die klügsten Köpfe unserer Welt waren Raucher, z.B. Albert Einstein…

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