Und plötzlich bricht die Welt zusammen

„Hallo“, sagte der Arzt und begrüßte mich fröhlich. So fröhlich hatte er mich vor zwei Tagen nicht begrüßt, ganz im Gegenteil. Da wirkte er recht unfreundlich und gelangweilt, aber dennoch kompetent. Er untersuchte mich und nahm mir viel Blut ab, um etwas Bestimmtes zu testen. Er sprach nicht aus, auf was er mich testen wollte, aber ich wusste es durch seine gezielten Nachfragen zu meinen Beschwerden trotzdem. „Ich möchte nicht mutmaßen, bevor wir keine Blutergebnisse haben“, sagte er und schwieg zu seinem Verdacht, den ich mir längst zusammenreimen konnte. Ich hielt die Worst Case Diagnose – auch wegen des Besuchs bei einem anderen Arzt – für ausgeschlossen, deshalb waren die letzten beiden Tage ziemlich okay und nicht von negativen Gedanken durchzogen.

Er war noch nicht mal an seinem Stuhl angekommen, als er sagte: „Meine Vermutung stimmt. Die Blutergebnisse waren ein Volltreffer, da gibts kein Vertun.“ Und plötzlich liegt die eigene Welt in Trümmern. In meinem Hals breitete sich ein dicker Kloß aus und schnürte mir die Luft ab. Ich öffnete leicht den Mund, um überhaupt atmen zu können, versuchte vehement, gegen meine Tränen anzukämpfen und zu begreifen, was er mir jetzt sagen wird. Im nächsten Moment riss es mir den Boden unter den Füßen weg.

„Sie haben Rheuma.“

Es ist noch nicht einmal vier Wochen her, dass ich meinen 27. Geburtstag feierte. Und nun sitze ich hier und muss mich damit auseinandersetzen, dass ich Rheuma habe. Vor meinem inneren Auge quälen sich 80-jährige, vom Rheuma eingeschränkt, langsam mit ihrem Rollator voran. Und ich bin jetzt irgendwo eine von ihnen? Der Schock saß tief. Eine Welle der Angst ergriff mich. Was, wenn ich mich mit 45 nicht mehr bewegen kann? Die anderen sind 80 und kriegen Rheuma. Aber ich bin gerade mal 27?!

Der Arzt sah mich mitfühlend an und schwieg, während ich versuchte, die Worte irgendwie zu verdauen. Einfühlsam fragte er, ob ich Fragen hätte. Ja, tausende. Und zugleich keine einzige. Ein paar wirre, unstrukturierte Fragen kamen aus meinem Mund. Ich war nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Deshalb konnte ich auch keine einzige Frage stellen, die mir Antworten verschaffte, mit denen ich „arbeiten“ konnte. Die werde ich aber bald an anderer Stelle anbringen können, denn der Arzt verschaffte mir einen Termin beim Spezialisten. Er nimmt eigentlich keine neuen Patienten, aber da ich so jung bin, macht er eine Ausnahme. Das einzig Positive an solchen Erkrankungen in meinem Alter: Die Ärzte geben sich wirklich richtig Mühe. Man hat eben noch ein ganzes Leben vor sich.

Rheuma verkürzt das Leben nicht. Aber ich weiß nicht, inwiefern es meine Lebensqualität einschränken wird. Seit Monaten leide ich unter Schüben. Hätte ich nicht letzte Woche mal wieder einen dieser Schübe und dadurch eine Diskussion mit meinem Freund gehabt, würde ich heute nicht hier sitzen und diese Diagnose entgegennehmen. Ich hätte es genauso gemacht wie die Monate zuvor: Den Schub abgewartet und weitergemacht wie bisher – ohne Arzt. Ein einziges Mal war ich während eines Schubs bei einem Arzt. Er schaute sich meine Hand an und sagte: „Ich kann ihnen sagen, dass es kein Rheuma ist.“ Es war Rheuma… Damals lachte ich und sagte: „Ja, danke, das hatte ich auch nicht befürchtet.“ Als mein Freund damals fragte, was der Arzt sagte, antwortete ich: „Gute Nachrichten, kein Rheuma“, und lachte mich halb kaputt. „Das ist nicht lustig“, sagte er. Wie recht er hatte…

Jetzt ist die Diagnose aber da. Und sie macht mir Angst. Große Angst, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt, worauf ich mich einstellen muss. Es ist die Ungewissheit, die mich quält. Noch mehr als die immer wieder auftretenden Schmerzen. Es ist nicht die erste „das ist für immer und wird nie wieder gut“-Diagnose, aber schöner wird es trotzdem nicht. Das einzig Gute ist, dass ich weiß, wie es nun innerlich ablaufen wird. Ich werde den Schock in den nächsten Tagen verdauen und akzeptieren, dass Rheuma jetzt ein Teil von mir ist. Aber bis dahin sind es noch ein paar Schritte.

Als ich endlich aus der Arztpraxis rauskam, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Der einzige Mensch, der mich jetzt trösten und mir Halt geben konnte, war mein Freund. Als ich auf dem Weg zum Parkhaus war, rief ich ihn an. Er war auf der Arbeit. Eigentlich hat er Termine. Er trägt in seiner Position Verantwortung, mehr als der übliche Mitarbeiter. Aber was auch immer ist, ich kann mich auf ihn verlassen. „Wo bist du? Kannst du fahren? Dann fahr zu mir, ich bin in einer halben Stunde da.“ Er war noch vor mir da. Er muss alles stehen und liegen gelassen haben und sofort losgefahren sein.

Schweigend nahm er mich in den Arm, hörte mir zu, tröstete mich, erzählte mir, was er in den letzten Minuten über Rheuma rausgefunden hatte (gut behandelbar, seit langem erforscht etc.) und beruhigte mich. „Es gibt immer Rückschläge im Leben. Aber nichts, was man nicht schaffen kann. Erst recht gemeinsam.“ Genau deshalb versiegen die Tränen so langsam. Weil da ein Mensch ist, der mich trägt, wenn mir der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

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Veröffentlicht in Leben

21 Gedanken zu “Und plötzlich bricht die Welt zusammen

  1. Das ist als Diagnose sicherlich erst einmal verdammt hart! Aber da hat die Medizin in den letzten Jahren wirklich Fortschritte gemacht, soweit ich es als nicht Betroffener verfolgt habe (mein Interesse rührt daher, weil ein Studienkollege übelst an Rheuma erkrankt war).

    Ich drücke dir die Daumen, dass du jetzt gut daraufhin behandelt wirst und, ganz wichtig, den ersten Schock gut überwinden kannst! Alles Gute!

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    1. Ich bin gespannt, wie es jetzt überhaupt weiter geht. Ich habe gelesen, es gibt über hundert verschiedene Formen. Das wird sicherlich ein Abenteuer, erstmal die richtige Form herauszufinden. ;) Ich bin zuversichtlich, dass man eine Behandlungsmethode finden wird, die mir hilft – gerade in Deutschland.

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  2. Ich weiß nicht viel über Rheuma, aber ich finde es sehr stark von dir, dass du über diesen einschneidenden Moment schreibst. Lass dich davon nicht unterkriegen und schreibe bitte immer weiter, ich denke alleine das ist schon eine wohltuende Art, damit umzugehen und dazu ist es sehr schön zu lesen, dass du auf deinen Freund zählen kannst.

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    1. Da sind wir schonmal zwei, ich weiß auch nicht viel über Rheuma. :D Wahrscheinlich ist genau das der Grund dafür, dass ich Angst habe. Googlen werde ich allerdings auch nicht. Danach habe ich noch mehr Angst (Erfahrungswerte). Der Spezialist wird mir sicher alles sagen, was ich wissen muss. Bis dahin werde ich wahrscheinlich auch einen inneren Fragenkatalog vorbereitet haben, der meine Terminzeit massiv überzieht. ;) ich werde auch ganz bestimmt weiter darüber schreiben. Vielleicht schicken mich die Ärzte ja auch zur Wassergymnastik mit 80-Jährigen. Oder zum Seniorenyoga. Oder zur vitalen Gymnastik mit den Trainerinnen Ursula und Irmgard. Den Spaß würde ich natürlich mit euch teilen! ;)

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      1. Mir gefällt deine Antwort schonmal sehr, du kannst schon wieder lachen und Späße drüber machen, und ja, die Erfahrungen mit Ursula und Irmgard möchte ich auf gar keinen Fall verpassen :)
        Und.. auf gar keinen Fall googlen, da hast du schon recht.. selbst wenn nur die Nase minimal läuft sagt dir Google, dass der Tod nicht mehr weit ist haha. Das macht dann nur verrückt :)

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  3. Also ! Nun mal den Kopf nicht hängen lassen. Ich kann dir aus Erfahrung schreiben, dass es nun ein paar Dinge geben wird, die du ändern musst, aber dein Leben wirst du prima weiterleben können – ohne Schmerzen oder zumindest mit erheblich weniger Schmerzen.

    Ich gebe dir nur einen Rat und den kannst du annehmen oder nicht. Lass dich eine Woche in ein Krankenhaus für Rheuma einweisen, die genaue Ursache und eine geeignete medikamentöse Einstellung zu finden.Rheuma macht unbehandelt deine Gelenke kaputt und das willst du sicher nicht. Aber: Es gibt gute Dauermedikationen, die funktionieren. Deine Ernährung wirst du anpassen müssen und dann sollte es dir schon sehr gut gehen.

    Kopf hoch. Den nächsten Schritt machen. Das Leben geht weiter.

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    1. Ich lebe mittlerweile ziemlich gesund. Umso unfairer finde ich das von meinem Leben. ;)

      Der Spezialist, zu dem ich gehen werde, ist im Krankenhaus. Dort werden sie mich sicherlich auf den Kopf stellen (jedenfalls wurde bereits eine riesige Blutabnahme angekündigt). Genaue Ursachen kann man doch bei autoimmunen Erkrankungen gar nicht wirklich ausmachen? Die Frage nach der Ursache war jedenfalls eine meiner unstrukturierten, wirren Fragen nach der Diagnose. Der Arzt verzog den Mund, schüttelte den Kopf und sagte, dass man das nicht rausfinden wird. Autoimmune Erkrankungen kennzeichnen sich doch unter anderem auch dadurch, dass man ihre Ursache nicht kennt, was die Heilung quasi unmöglich macht – so jedenfalls mein Wissensstand.

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      1. Ja, die werden dich im KH auf links drehen. Loswerden wirst du das Rheuma wohl nicht mehr, aber du wirst so eingestellt, dass deine Gelenke heil bleiben und du keine Schmerzen hast.
        Es ist nicht schön, aber es gibt viel Schlimmeres.

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  4. Oh Mann, was ein Mist! Tut mir echt leid für Dich … Ich drücke Dir die Daumen, dass Du das soweit möglich in den Griff bekommst. Hauptsache dranbleiben! Och Mensch … ich fühle mit Dir! :*

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    1. Ich überlege ja schon, einen Selbsthilferatgeber zu schreiben: „Mein Körper denkt, er wäre 80 – seniorengerechtes Leben im besten Alter“ oder so. Also wie du merkst, ich kann schon wieder lachen. ;) Bis zum Spezialistentermin kann ich sowieso nichts machen – außer beten, dass nicht schon wieder ein Schub kommt. Und für den Fall bin ich mit knallharten Schmerztabletten ausgerüstet. Bis dahin könnte ich mir ja als Dealerin ein bisschen was dazu verdienen.. Och, direkt die nächste Idee. Man merkt: Die Krankheit hat viel Potenzial! Aber ich leg den Fokus trotzdem erstmal darauf, das irgendwie in mein Leben zu integrieren. Aber dann, Molly, dann….! ;)

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  5. Zunächst einmal: schön, dass Du wieder da bist! Ich freue mich sehr, wieder von Dir zu lesen, hatte schon befürchtet, Du kommst nicht mehr wieder. Der Inhalt Deines Posts ist natürlich weniger erfreulich. Es tut mir sehr leid, dass das Leben Dir damit so übel mitspielt. Bin mir aber sicher, dass Du tapfer bist und Dich nicht unterkriegen lässt, so wie Du in der Vergangenheit auch schon so vieles bewältigt hast. Einen so tollen Partner an der Seite zu haben, ist ein großes Geschenk. Ich wünsche Euch beiden nur das Beste und das möglichst für immer und ewig!

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