Nie war ein „nur“ bedeutsamer

Ich habe einen wundervollen Freund. Ich glaube, er ist genau die Sorte Mann, die sich ein Vater für seine Tochter wünscht. Er behandelt mich in jeder Situation mit Respekt und Wertschätzung, lässt alles stehen und liegen, wenn ich ihn brauche, nimmt mich wie ich bin und versichert mir, dass ich so auch genau richtig bin – selbst dann, wenn ich mich nicht „richtig“ fühle.

Kürzlich hatte ich wieder einen Krankheitsschub. Das ist eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit, bei der alltägliche Dinge wie Anziehen oder Abstützen zur reinsten Tortur werden können. Leider muss ich zugeben, dass ich mich etwas schäme. Es ist mir peinlich, wenn man merkt, dass ich mich nicht richtig bewegen kann. Ich fühle mich dann behindert. Ich hatte das Wort noch nicht ausgesprochen, als er sagte: „Du bist nicht behindert! Wenn du die Tasse nicht vom Tisch nehmen kannst, gebe ich sie dir eben.“ Er bemuttert mich nicht, aber er nimmt mir die Dinge ab, die ich in den Situationen nicht (gut) kann oder für die ich mich schämen würde. Eigentlich ist es ein schmaler Grat, aber er tut so, als ob es das normalste der Welt wäre, einfach keine große Sache. Mir meine Tasse Tee zu geben und gleichzeitig sicherzustellen, dass ich meine Würde und mein Gesicht wahren kann, ist nicht selbstverständlich. Souverän mit diesen Situationen umzugehen und sich nicht hilflos oder überfordert zu fühlen bzw. sich nichts dergleichen anmerken zu lassen, erleichtert mir einiges.

Ich weiß, wie gut er zu mir ist. Nach einem langen Tag kocht er für mich, er hört sich meine Ängste an, trocknet meine Tränen, bringt mich zum Lachen, zeigt mir, dass ich seine Nummer Eins bin, sagt mir, dass ich wundervoll bin, auch dann, wenn ich mich gerade nicht besonders liebenswert fühle, gibt mir seine Schulter, seine Pullis und öfter mal eine Tasse Tee, läuft in den Keller, um mir mein geliebtes Getränk zu holen, lässt mich in seiner Daunendecke schlafen, erträgt gelegentliches Schnarchen, ab und zu mal meine schlechte Laune und mehr. Das alles ist nicht selbstverständlich. Deswegen sage ich ihm auch immer wieder, dass er gut zu mir ist, dass ich froh bin, ihn zu haben und dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass er all das tut.

„Ich mache doch gar nichts?! Ich liebe dich nur.“

Nur – als ob es das einfachste und selbstverständlichste der Welt wäre.

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7 Gedanken zu “Nie war ein „nur“ bedeutsamer

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