Zweihundertdreiundsiebzig Kämpfe

„Schlaf schön“, sage ich, hauche dir einen Kuss auf die Stirn und verlasse mit letzter Kraft das Zimmer. Das geht bereits seit zweihundertdreiundsiebzig Tagen so. Ich habe es noch immer nicht geschafft, mich daran zu gewöhnen. Vielleicht, weil ich mich auch gar nicht daran gewöhnen will. Mein Inneres sträubt sich mit ganzer Kraft dagegen, die Umstände als das anzusehen, was sie sind: eine neue Stufe unserer Beziehung. Aber selbst wenn ich sie als das ansehen könnte, erträglicher würde es wohl trotzdem nicht werden. Es ist ein täglicher Kampf zwischen dem, was ich sehen möchte und dem, was die Realität mir zeigt. Ich hasse es.

Aber ich glaube, du hasst es noch mehr. Nein, eigentlich bin ich mir sicher, du hasst es noch viel mehr als ich. Und ich bin mir auch ganz sicher, das alles wolltest du nicht. Hättest du es irgendwie verhindern können, du hättest es vermutlich getan. Heute fehlen dir allerdings die Mittel, um dich zur Wehr zu setzen. Mehr als „Ja“ und „Nein“ kannst du nicht mehr sagen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, du sagst es ja auch nicht, du blinzelst nur. Einmal Blinzeln bedeutet „Ja“, zweimal „Nein“. Manchmal, wenn du einen guten Tag hast, blinzelst du ganz oft hintereinander. Von den letzten zweihundertdreiundsiebzig Tagen waren elf gut.

In den ersten zweiunddreißig Tagen habe ich nochmal zu dir zurückgeschaut, bevor ich das Zimmer verließ, danach fehlte mir die Kraft. Zurückschauen tut weh. Jeder Blick in deine Richtung ist zugleich ein Blick in die Vergangenheit. In deine, in meine, in unsere gemeinsame. Erinnerungen an glückliche Tage meiner Kindheit, in denen wir mit dem Rad fuhren, durch den Wald spazierten oder bastelten. Und schon muss ich ihn wieder ausfechten, den täglichen Kampf zwischen dem, was ich sehen möchte und dem, was die Realität mir zeigt. Es zwingt mich jedesmal aufs Neue in die Knie.

Tränenüberströmt sacke ich auf dem Sofa zusammen, schluchze leise in das Kissen. Ich bin am Ende, ausgelaugt und überfordert. Ich wollte diese Situation nicht, diesen Anblick nicht, diesen Kampf zwischen meiner Realität und der knallharten Wahrheit nicht. Dich zu füttern, zu waschen, dir die Sabber vom Mund zu wischen – all das ist anstrengend. Aber die meiste Kraft wende ich dafür auf, immer noch den Menschen in dir zu sehen, der mir als Kind ein wundervoller Vater war.

Als die letzten Tränen des Abends noch über meine Wange liefen, schleppte ich mich langsam Richtung Bett. Vor deiner Tür hielt ich kurz inne, drückte sanft die Klinke hinunter und tat, was längst überfällig war: Ich schaute nochmal zurück. Als sich unsere Blicke trafen, wusste ich, ich bin nicht die Einzige, die am Ende ihrer Kräfte ist. Nichtsdestotrotz beginnt morgen Tag zweihundertvierundsiebzig, und damit ein neuer Kampf für Liebe, Erinnerungen, Kraft und Würde. Ein neuer Kampf, für dich, für mich, für uns.

 

Der Beitrag wurde im Rahmen des Projektes *.txt verfasst. Das Stichwort lautete „Nichtsdestotrotz“.

 

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13 Gedanken zu “Zweihundertdreiundsiebzig Kämpfe

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