Wien/Prag, Tag 6 – Wie die Katholikin das Weihwasser verschmähte

Wir sprangen schon sehr früh aus den Federn – nicht, weil wir es gemusst hätten, sondern weil wir es wollten. Touristische Massenaufläufe stehen nicht gerade auf Platz 1 der Liste mit Dingen, die wir im Urlaub ganz besonders mögen. Deshalb eröffneten wir an diesem Morgen das Frühstückbuffet und konnten anschließend fast alleine durch das Judenviertel und die Altstadt Prags spazieren. Wir kannten die Plätze zwar schon, hatten aber noch keine Zeit, sie uns auch mal in Ruhe anzuschauen. Das Einzige, was wir uns leider nicht anschauen konnten, war der Judenfriedhof. Hierfür hätten wir uns ein Ticket zu einer Führung kaufen müssen (ich hätte mich durch vier Synagogen führen lassen müssen, ehe ich einmal über den Friedhof hätte laufen dürfen – nope, das Opfer war zu groß, zumal wir ohnehin gleich eine Führung durch die Altstadt und das Judenviertel machen würden).

Astronomische Uhr
Astronomische Uhr

Nach unserem gemütlichen, zweistündigen Spaziergang machten wir kurz Rast, ehe wir uns all die Plätze nochmal während einer Führung ansahen – nur diesmal eben mit mehr Informationen. Ich kann den Menschen nur ans Herz legen, solche Führungen mitzunehmen. Man sieht zwar auch alleine viel, aber man erfährt so viel weniger. Ganz besonders beeindruckt hat uns die astronomische Uhr. Die kennt vermutlich jeder, spätestens wenn man in Prag war. Sie ist das Highlight auf dem Altstädter Ring. Zu jeder vollen Stunde laufen hier die zwölf Apostel vorbei. Das sieht dann so aus. Das ist es, was jeder kennt. Das wirklich Spannende ist es aber nicht! Die astronomische Uhr ist zum einen sehr clever konzipiert, sie zeigt Tag, Monat, Sternzeichen und etliche Zeiten an und hat zum anderen auch eine mahnende Funktion. Wenn die volle Stunde schlägt, starren alle Augen gebannt auf die zwölf Apostel, die über der Uhr laufen. Interessant ist aber, was neben der Uhr passiert. Denn dort befinden sich vier Figuren, die sich ebenfalls bewegen. Diejenigen auf der linken Seite symbolisieren Eitelkeit und Habsucht, auf der rechten Seite befindet sich der Tod in Form des Sensenmannes sowie die Wollust. Alles in allem war es eine sehr interessante Führung, die an der Karlsbrücke endete.

Wallensteinpalais_Lavawand
Tropfsteinwand im Garten des Wallensteinpalais

Das war uns ganz recht, denn wir wollten sowieso in diese Richtung. Unser Ziel war das Palais Wallenstein. Erst kurz vor unserer Reise hatten wir noch eine Doku über Wallenstein gesehen, da war der Besuch des Palastes mehr oder weniger Pflichtprogramm. Allerdings war der erste Eindruck des Palais nicht besonders imposant. Von außen war nichts weiter als eine öde, meterhohe Mauer zu erkennen. Ins Innere das Palastes kam man auch nicht. Somit blieb uns nur der Garten. Der war zwar nett, aber abgesehen von der Tropfsteinwand (war damals wohl der letzte Schrei) auch nicht allzu umwerfend, sodass wir schon kurz darauf weiterzogen.

Trdelnik
Trdelnik mit Eis gefüllt

Unser nächstes Ziel sollte das Kloster Strahov sein. Dies wollten wir über die Nerudova, eine bekannte Straße erreichen. An den Häusern links und rechts gab es früher keine Hausnummern, stattdessen aber unverwechselbare Symbole. So ging man z. B. zum Haus mit der Ziege oder zum Haus mit den zwei Herzen. Das kann man auf der Nerudova eindrucksvoll sehen. Außerdem läuft man hier noch an der einen oder anderen Botschaft vorbei – und nicht zuletzt gibt es hier auch einen kleinen Laden, an dem ich mir endlich die Süßspeise kaufen konnte, auf die ich schon seit meiner Ankunft schiele: Trdelnik! Hierbei handelt es sich im Grunde „nur“ um Stockbrot, das in der klassischen Variante in einer Zimt-Zucker-Mischung gerollt wird. Auf dem Bild hatte ich mir ein mit Eis gefülltes Trdelnik gekauft (mhmmm!). Einen Tag später eins mit Nutella (mhmmm!). Eigentlich kommt diese Süßspeise aus Ungarn, in Prag gehört sie aber mittlerweile zum Stadtbild (jedenfalls in meinem Empfinden ;-)).

Am Kloster angekommen, sahen wir uns ein bisschen um. Wir hatten keinen wirklichen Plan, was wir hier machen wollten, also ließen wir die schöne Klosterumgebung etwas auf uns wirken. Als ich die zugehörige Kapelle entdeckte, schleifte ich den Liebsten rein. Wie in vielen anderen Gotteshäusern auch, waren Fotos nicht gestattet. Schade eigentlich, denn die Kapelle war echt schön. Als ich das Becken mit dem Weihwasser entdeckte, hielt ich meine Finger rein und machte ein Kreuz (ich bin zwar nicht gläubig, aber immerhin katholisch). „Das solltest du nicht tun“, mahnte der Liebste. „So werden Krankheiten übertragen. Früher brachen so Epidemien aus.“ Es war zu spät. Ich hatte mich bereits bekreuzigt. Das letzte bisschen Weihwasser, das noch an meinen Finger triefte, schüttelte ich angewidert ab. „Hm, hast ja recht.“ Als wir auf einer Bank vor der Kapelle saßen, lachte er fast schon ein bisschen stolz: „Ich habe eine Katholikin dazu gebracht, das Weihwasser abzuschütteln!““Getauft! Ich bin nur katholisch getauft.“ (Diese Unterscheidung ist mir wichtig, jap.)

Kloster_Strahov
Blick nach Prag vom Kloster Strahov

Nach einer kurzen Rast wollten wir zum Letna Garden. Dort stand eine Nachbildung des Eiffelturms. Prag hatte sich früher sehr stark an Paris orientiert, so gibt es beispielsweise auch eine Pariser Straße (die teuerste in ganz Prag), die an die Champs Elysees angelehnt ist. Auch wenn man noch einige weitere Hinweise darauf findet, hat Prag seinen ganz eigenen Charme entwickelt. Vom Kloster Strahov hat man einen wundervollen Blick über Prag – das sieht schön aus, Paris ist es aber (glücklicherweise) nicht.

Letna Garden_1
Blick aus dem Letna Garden über Prag

Als wir am Letna Garden ankamen und bis zur Bergspitze gelaufen waren (was bei den warmen Temperaturen und all den körperlichen Anstrengungen der letzten Tage wirklich hart war), warfen wir nur einen kurzen Blick auf die Nachbildung des Eiffelturms – wie unspektakulär! Aber glücklicherweise war das nicht der einzige Grund, der uns den Berg hochgetrieben hatte. Hier befand sich eine Hungermauer, die Karl IV. damals errichten ließ, um den Menschen Arbeit zu geben. Die Mauer schlängelte sich weit über den Berg. Wir folgten ihrem Weg eine Zeit lang und erhielten so einen weiteren schönen Blick über Prag sowie auf die Prager Burg.

Letna Garden_2
Blick aus dem Letna Garden auf die Prager Burg

Anschließend schlenderten wir durch die Kleinseite, der Ort, an dem die Adeligen wohnten, zurück zur Altstadt, wo wir uns das Karolinum (Teil der Universität) anschauen wollten. Das erwies sich allerdings als schnödes Verwaltungsgebäude, weshalb wir nicht mal einen Fuß reinsetzten und unseren Weg zum Wenzelsplatz fortsetzten. Hier wollten wir noch gemütlich entlangschlendern, ein McFlurry essen und den Tag ausklingen lassen.

Kurz bevor wir wieder am Hotel ankamen, sagte mein Tracker, wir wären 28.700 Schritte gegangen – so viele wie noch nie. Den Liebsten packte der Ehrgeiz, er wollte 30.000 Schritte! Wie praktisch, dass direkt in der Nähe unseres Hotels ein Park ist, durch den wir noch nicht gelaufen sind. Wir sollten übrigens auch an diesem Abend nicht hindurch laufen. Nein, wir liefen um den Park! Ich musste mich arg zusammenreißen, nicht rumzuquengeln. Mir taten die Füße so schrecklich weh. Und es war so warm. Und ich war so fertig. Und ich musste noch duschen. Und überhaupt.

31.382 Schritte. Rekord. Gute Nacht.

 

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4 Gedanken zu “Wien/Prag, Tag 6 – Wie die Katholikin das Weihwasser verschmähte

    1. Falls du noch nicht in Prag warst, aber mal hin möchtest, solltest du dir unbedingt den Veitsdom auf der Prager Burg anschauen. Der erzählt eine sehr, sehr lange Geschichte. Der letzte Stein wurde erst 2005 verbaut. Baubeginn war im 14. Jahrhundert. Das ist Wahnsinn! Wie idealistisch müssen die Menschen gewesen sein, wenn sie etwas bauen, von dem sie ganz genau wissen, sie werden ihre Fertigstellung niemals erleben? Sie werden niemals etwas davon haben, niemals das Ergebnis sehen? So idealistisch wie die Bauherren des BER Flughafens…? ;)

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