Wegen Menschen wie euch

Neulich unterhielten sich zwei Bekannte. Ich klinkte mich ins Gespräch ein, lief am Ende aber doch nur gegen die Wand – wie immer bei Exemplaren der unbelehrbaren, sturen, resistenten und bornierten Spezies, die glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und sich letztlich doch nichts vorstellen kann, was über ihren winzigen Horizont hinausgeht.

„Ich kann ja nicht verstehen, warum Menschen Depressionen haben. Schaut doch mal raus, es ist so schön, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern…“

„Ich kann auch nicht verstehen, warum Menschen Asthma haben. Es gibt doch so viel Luft zum Atmen.“

„Asthma ist wie Krebs. Da können die Menschen nichts für!“

„Ähm, aber für Depressionen schon?“

„Ja, das ist eine Sache der Einstellung.“

„Ist es nicht.“

„Es fängt doch schon damit an, dass sie keinen Bock haben.“

„Du verwechselst hier Ursache und Symptom. Antriebslosigkeit ist eine Ausprägung von Depressionen, aber nicht ihr Grund.“

„In meinen Augen schon, man muss einfach nur mal seine Einstellung zum Leben ändern.“

„Der Hormonhaushalt ist aus dem Gleichgewicht, neuronale Strukturen sind ‚falsch‘ angelegt, Erlebnisse aus der Kindheit haben in der Entwicklung ihre Spuren hinterlassen… Depressionen sind doch keine falsche Einstellung zum Leben?!“

„Ja, wenn in der Kindheit was passiert ist, kann ich das ja verstehen. Oder wenn jemand stirbt.. klar, da ist man dann depressiv.“

„Da ist man traurig, aber nicht depressiv?! Traurigkeit ist keine Depression. Du negierst, dass Depressionen eine psychische Krankheit sind.“

„Hier in Deutschland ist das doch anerkannt. Gehst zum Arzt, zack, hast Depressionen. Da, wo wir herkommen (Anm. v. m.: aus zwei Ländern Osteuropas), gibt es das nicht. Da haben die Menschen keine Depressionen. Da würde man schief angeguckt werden, das ist nicht akzeptiert, da gucken dich die Leute schief an.“

„Auch hier in Deutschland ist das noch immer ein Tabu.“

„Nein, hier ist das ja anerkannt. Hier haben es Depressive nicht schwer.“

„Doch haben sie. Sehr sogar. Wegen Menschen wie euch.“

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20 Gedanken zu “Wegen Menschen wie euch

  1. Ich weiß um die Ursachen und die Auswirkungen – ja aus erster Hand – und bin dabei am strengsten mit mir selbst und argumentiere ähnlich wie die beiden. Reiß dich halt mal zusammen, du musst echt an deiner Einstellung arbeiten, gibt echt Schlimmeres im Leben, meine Güte, is doch nicht so schwer.
    Man braucht nicht mal Menschen wie die beiden, man ist schon selber schlimm genug…

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    1. Depressionen sind aber eben kein „reiß dich mal zusammen“, sie sind eben kein „ich habe keinen Bock“. Das ist, als ob man zu Asthmatikern sagen würde: „Jetzt hör doch mal auf, Atemnot zu haben und atme einfach normal! Alles eine Frage der Körperkontrolle!“
      Ich glaube, Menschen mit Depressionen neigen gerade wegen solcher Menschen dazu, sich zu sagen, dass man sich zusammenreißen soll, dass man sich nicht so anstellen soll.. Depressionen sind eben kein gebrochener Arm, keine sichtbare Wunde. Hey, du heulst ja gar nicht, dir gehts doch also gar nicht so schlecht! Ich sehe dich auch mal lachen, wo bist du denn bitte depressiv? Mir fällt dabei immer ein guter Artikel von Erzählmirnix ein: https://erzaehlmirnix.wordpress.com/2012/05/04/regeln-des-depressivseins/

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      1. Definitiv sind solche Menschen ein Grund dafür, dass Menschen mit Depressionen sich in ihrer Krankheit häufig selber hinterfragen. Wenn ich mal einen „schlechten Tag“ habe, dann frage ich mich automatisch, ob das jetzt die Krankheit ist, oder ob ich vielleicht nur keinen Bock habe. Wenn ich den zweiten „schlechten Tag“ in Folge habe, fange ich an, mir Vorwürfe zu machen, weil ich mich ja nicht genug anstrenge. Schließlich weiß ich ja, was man gegen Depressionen alles so machen kann.

        Fakt ist, dass weite Teile der Bevölkerung Depressionen immer noch nicht als Krankheit wahrnehmen, sondern als an- und ausschaltbares Verhalten. Ich zitiere immer wieder gerne die Worte meiner direkten Vorgesetzten an meinem ersten Arbeitstag nach langer Krankheitsphase: „Sie brauchen nicht zu glauben, dass hier irgendjemand noch Verständnis für Sie hat.“

        Klar, ich hatte mir ja gerade einen ganz faulen Lenz gemacht. Fast ein Jahr lang, weil’s so schön war.

        Wie ich neulich auf meinem eigenen Blog schrieb: normalerweise trage ich meine Krankheit nicht vor mir her. Aber wenn ich sowas lese wie das hier oben von den Menschen wie denen, dann platzt mir der Kragen!

        rant over

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  2. Lachen oder weinen? Weinen wegen der Äußerungen zum Thema Depression – echt krass!
    Aber definitiv lachen – da selbst betroffen – wegen dieses genialen Spruches „Ich kann auch nicht verstehen, warum Menschen Asthma haben. Es gibt doch so viel Luft zum Atmen.” :-D :-D :-D
    Ich werde es mir merken und mir jetzt statt meines Notfall-Salbutamols einen Zettel mit der Aufschrift „Bleib locker, air is everywhere!“ in die einstecken.
    Made my day!

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  3. Wenn ich sowas lese, bekomme ich Aggressionen 😤😤😒
    Ich litt ja nun selbst jahrelang an Depressionen und kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich zu kämpfen hatte, dass mich überhaupt jemand ernst nimmt. Wie oft ich verurteilt wurde, dass ich einfach nur zu weich sei und nicht rumheulen solle, dass ja jeder bei einem kleinen Tief gleich Depressionen hätte… Schlimm. Einfach nur schlimm, wie begrenzt das Denken einiger Menschen sind. Gerade denen wünsche ich solche harten Tage, an denen ich überlegt hatte, ob ich springen soll oder nicht. Einfach nur, damit sie mal wissen, was einem da eigentlich durch den Kopf geht und wie beschissen man sich fühlt.

    Danke für den Eintrag. Sowas anzusprechen ist super wichtig in unserer heutigen Gesellschaft! 😊

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  4. Ich dachte auch immer, solche Menschen müssten ihre Einstellung ändern, sie seien ganz einfach schwach. Als gerade ich, die „starke“, von dieser Krankheit ernst betroffen war, hatte ich meine Meinung geändert: Ich sah mich als Opfer, wusste, die anderen würden über mich denken, wie ich damals über Depressive gedacht hatte. Ein Gefühl der Machtlosigkeit nimmt Überhand, du kannst dich „nicht einfach zusammenreissen“.
    ABER: Du bist auch der einzige Mensch, der für dich die Entscheidung treffen kann, KEIN Opfer mehr zu sein! Wer in der Krankheit verweilt, hat seine tiefliegenden Gründe. Es braucht extrem viel Kraft und Wille, sich in die Selbstreflexion zu begeben, um diese zu erfassen..
    Depression ist immer eine Chance, wie es jede Krankheit ist. Du bist der/die Einzig/e, der etwas ändern kann, es ist schwierig, aber deine Entscheidung. Du bist aber auch nicht schuld an deiner Krankheit, du bist nicht schwach. Es existiert keine Wertung.
    Hier stehe ich nun als ganzer Mensch – und ohne die Depression hätte ich so vieles nicht erkannt.

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    1. Etwas ändern und Schritte einleiten, müssen die betroffenen Menschen selbst, da gebe ich dir Recht. Allerdings müssen sie aber auch erstmal an den Punkt kommen. Und wenn man ihnen suggeriert, dass das, was sie haben, keine Krankheit, sondern Faulheit und verkehrte Einstellungen sind, ist das nicht gerade zuträglich. Die Akzeptanz der Erkrankung ist hingegen schon ein guter Schritt. Das Verhalten von Menschen wie im Artikel endet aber eher in Selbstvorwürfen und Scham, also in völliger Inakzeptanz, auch vor sich selbst.

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  5. Hallo Jule,

    ich danke Dir sehr für diesen Beitrag.

    Vorher war ich davon ausgegangen, es sei hinreichend bekannt, was Depressionen sind und auch wenn man das Glück hat, diese Erfahrung bisher nicht gemacht zu haben, sei ein Verständnis da, dass es sich dabei eben um eine Erkrankung handelt.

    Die Lektüre hat mir nun die Augen geöffnet und mich sehr wütend gemacht. Aus dieser Wut schöpfte ich Kraft.
    Auch auf meinem Blog habe ich nun nochmal ein paar Takte zur Depression gesagt, die hoffentlich zur Anti-Stigma-Arbeit beitragen können: https://lysander2016.wordpress.com/genesung/diagnose-schizo-affektive-stoerung/depression/

    @fitcurvesblog
    Ich stimme Dir zu: Wer in der Krankheit verweilt, hat seine Gründe. Deinem Appell an Kranke, aus der Opfer-Rolle herauszukommen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen, schließe ich mich an.
    Dennoch bitte ich auch Dich (ebenso wie mich) um Geduld und Nachsicht. Je nachdem an welchem Punkt seines Weges ein Mensch mit Depressionen steht, kann diese Aufforderung als Missachtung der Schwere des eigenen Leidens aufgefasst werden und sich kontraproduktiv auswirken.
    Wie Dein Weg war, weiß ich nicht. Für mich war die Selbsterkenntnis und -akzeptanz als an Depressionen – einer Krankheit – unverschuldet (!) leidender Mensch der erste Schritt, bevor ich dann mit dieser Krankheitseinsicht aktiv werden und etwas dagegen unternehmen konnte.
    Hast Du es anders erlebt?

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  6. Ich habe die Konversation gelesen und kann eure Wut nicht teilen. Ich lese darin nur, dass zwei Menschen etwas, das andere Menschen erleben, nicht verstehen (was im menschlichen Zusammenleben in allen möglichen Kontexten vorkommt, weil wir eben verschieden sind) und dass sie eine in unseren Kulturkreis vorherrschende Meinung nicht teilen, weil sie einen Kulturkreis erlebt haben, in dem eine andere Meinung herrscht und dadurch um die Relativität dessen, was „allgemein akzeptiert ist“, wissen.
    Ich sehe solche Menschen nicht als die Schuldigen, dass Menschen, die seelisch leiden, noch mehr leiden, denn ich habe keinen Anspruch darauf, von allen verstanden zu werden und bin in der Lage, Menschen aus dem Weg zu gehen.
    Gewissermaßen bin ich auch froh, dass es Menschen gibt, die noch sagen, dass sie an etwas nicht glauben, weil sie uns daran erinnern, dass vieles, dessen wir uns sicher sind, letztlich eine Glaubensfrage ist. Dass wir seelisches Leid heute als Krankheiten betrachten hat eine Geschichte, und Geschichte wird immer von Interessengruppen (mit)geschrieben. Das war in diesem Falle zunächst im 19. Jahrhundert die medizinische Profession, die ein Interesse daran hatte, ihren Zuständigkeitsbereich auch auf die so genannten Irren auszuweiten und im 20. Jahrhundert, insbesondere der zweiten Hälfte mit Einführung der Phenotiazine und Trizyklika, die Pharmaindustrie, die ein offensichtliches Interesse daran hat, das seelisches Leid als medizinisches Problem verstanden wird. Diese Konzeption zur vorherrschenden Meinung zu machen, gelingt ihr sehr gut. Dabei stehen „psychische Erkrankungen“ sowohl theoretisch-konzeptionell als auch empirisch auf sehr wackeligen Beinen, näheres dazu hier: https://psychoriginal.wordpress.com/2016/08/21/psychische-erkrankungen-sind-real/
    Liebe Grüße! Kristina

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  7. Danke, dass du auf das Thema des Tabus aufmerksam machst. Ich selber kämpfe seit meiner Kindheit mit Depressionen und habe nicht den Mut so in die Offensive zu gehen. Versuche gerade durch meinen Blog offener damit umzugehen. Danke das du nicht einfach weggehört hast.

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  8. Leider hört man das viel zu oft. Schade das andere Leute dieses Thema nicht als ernsthafte Erkrankung ansehen. Man sollte einen unterschied sehen zwischen mir geht es mal schlecht und mir geht es sehr lange schon schlecht.
    Die meisten die das nachvollziehen können und die es als Krankheit sehen sind eben die die es schon erlebt haben.

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