(K)ein Traummann

Der Liebste und ich waren kürzlich auf einer Lesung von Michael Nast (dem Autor des Buches Generation Beziehungsunfähig). Er las einen Text vor, in dem es um die Begegnung mit einer Frau ging. Aus der Ferne glaubte er, sie wäre seine Traumfrau. Doch dann kam Jahre später der Tag, an dem er sie kennenlernte. Ihr ahnt es sicher schon: Sie war ganz anders als er sie sich vorgestellt – ja, vielleicht sogar gewünscht – hatte. Resigniert resümierte er, die Traumfrau gibt es wohl nicht. Er hat genauso Recht wie Unrecht.

Traumfrauen und Traummänner müssen Träume bleiben. Sie sind nur konstruiert. Perfekt und ideal. Das wäre ein unfaires Abbild der Realität. Jeder Mensch würde den Kürzeren ziehen. Mein Liebster ist wundervoll. Er putzt das Bad, bringt den Müll raus, macht mir morgens das Frühstück, erträgt meine schlechte Laune, unterstützt meine Aktivitäten und mehr. Aber er hat trotzdem Ecken und Kanten, die ein Traummann so nicht hat. Es gibt trotzdem Dinge, die zu Konflikten führen, über die man sich mal ärgert, wo man mal die Faust in der Tasche macht. Auf beiden Seiten. Im eigentlichen Sinne des Wortes ist er wahrscheinlich genauso wenig Traummann wie ich Traumfrau bin.

Wer malt sich schon seinen Traummann oder seine Traumfrau aus und bedenkt dabei die Ecken und Kanten? Ist unser Idealbild am Ende nicht so, wie wir eine Person für uns perfekt fänden? Wie sie uns und unserem Leben in die Karten spielen würde? Sind Traummann und Traumfrau nicht letztlich nur eine Spiegelung egoistischer Wünsche und Bedürfnisse, die viel vom Nehmen, aber wenig vom Geben darstellen? Woran sollte man sich bei seinem Traummann oder seiner Traumfrau schon stören? An nichts. Einfach an gar nichts, denn es ist ein Idealbild, das genau dem entspricht, was wir wollen – und wir völlig außer Acht lassen, dass Liebe und Beziehung eben kein Singleplayer-Spiel ist.

Wir müssen uns arrangieren, zurückstecken, Kompromisse machen. Liebe ist nicht bedingungslos. Wir können nicht nehmen, ohne zu geben. So funktioniert das Spiel nicht. Zugegeben, es ist nicht immer ein leichtes Spiel. Gerade deshalb, weil der reale Mensch an der Seite eben auch seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hat. Sicherlich andere, als unser Traummann oder unsere Traumfrau. Und mal ehrlich: Hat der Traummensch, also das ideale Fantasiebild, überhaupt irgendwelche Bedürfnisse, die wir erfüllen (sollen/sollten/müssen)? Ist er nicht vielmehr ein selbstloses Instrument, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen? Ganz ohne Rücksicht auf ihn?

Die Beziehung mit dem Traummann oder der Traumfrau aus der Fantasie würde niemals funktionieren. Dieser Mensch ist viel zu eindimensional, viel zu undurchdacht konstruiert. Dieser Mensch ist eine Seifenblase, die schneller zerplatzt als der Traum einer glücklichen Beziehung mit einem ganz normalen Menschen. Deswegen ist der Liebste nicht mein Traummann im eigentlichen Sinne des Wortes. Aber er ist der beste Mensch, den ich mir an meiner Seite vorstellen kann. Gerade weil er seine Ecken und Kanten hat. Gerade weil er nicht der eindimensionale, undurchdacht konstruierte Traummann ist, der nur für meine Bedürfnisse existiert. Weil er ist wie er ist, ist er ein Traum. Mein Traummann also.

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4 Gedanken zu “(K)ein Traummann

  1. Dann bleibt in der Beziehung nur noch zu hoffen, dass die Ecken und Kanten sich auch weiterhin die Waage halten, man sich nicht dauernd an ihnen stößt und irgendwann nur noch hofft, einen Schwingschleifer zu haben, um sie entfernen zu können.

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