Abstinente Abhängige

Heute ist Weltnichtrauchertag! Was das bedeutet, verkündete ich dem Liebsten heute Morgen gegen 06:36 Uhr freudig im Bad.

„Heute habe ich Jubiläum!“

„Hm?“

„Seit heute bin ich genau ein Jahr rauchfrei!“

„Toll! Und, fehlt dir was?“

JA!

Ganz im Ernst, ich finde das bis heute nicht leicht. Klar, das wirkliche Verlangen nach einer Zigarette habe ich nicht mehr, weder Gedanken noch Impulse. Die Zeit des Entzugs war bereits nach wenigen Tagen vorbei, das Umstellen vieler Gewohnheiten nach wenigen Wochen. Ich töte anwesende Raucher auch längst nicht mehr mit neidischen Blicken. Aber manchmal.. da schiele ich trotzdem noch neidisch auf sie und alle anderen Menschen, die genüsslich an einer Zigarette ziehen. Allerdings nicht wegen der Zigarette, sondern wegen des Moments.

Militante Ex-Raucher

Manchmal wünsche ich mir, ich würde sie nicht beneiden, sondern wäre einer dieser schrecklichen Ex-Raucher, die zu militanten Nichtrauchern verkommen und jedem Raucher erzählen, dass aufhören ganz leicht sei. Wenn sie das geschafft hätten, würde das jeder schaffen. Man müsste nur… blabla.

Stattdessen stehe ich da, schweige und beneide. Innerlich entfährt mir ein großes „Hach“. Hach, wie gerne hätte ich das auch wieder. Dieses Gefühl. Dieser Moment. Dieser Genuss. Diese Pause. Dieses Rebellische. Das Gesellige. Einfach alles, was man mit Zigaretten verbindet. Denn genau das ist es, was es bis heute nicht so leicht macht. All die Assoziationen, die man mit Zigaretten bzw. dem Rauchen einer Zigarette hat(te).

Rauchen ist emotional

Nichtraucher wundern sich ja häufig, wie man rauchen kann – das würde ja gar nicht schmecken. Rauchen ist aber eben nichts Rationales, sondern etwas Emotionales. Die Zigarette schmeckt natürlich nicht. Aber alles drumherum, das schmeckt schon. Und zwar richtig gut, denn das ist sowas wie Qualität, z. B. Zeit. Wer kann sich das heute noch erlauben? Meine Kollegin geht während der Arbeitszeit rauchen. Ich sitze dauerhaft am Arbeitsplatz. Wie sieht das auch aus, wenn ich jede Stunde für ein paar Minuten auf die Straße verschwinde, einfach so?

Aber das sind nur Kleinigkeiten, mit denen ich mich recht gut arrangieren kann. Das wirklich Schwierige sind die emotionalen Assoziationen bzw. das Rauchen als Strategie, um Emotionen zu begegnen. Man muss nämlich recht viel umlernen. Haste Stress? Rauchste. Biste sauer? Rauchste. Biste nervös oder aufgeregt? Rauchste. Biste traurig? Rauchste. Biste eifersüchtig? Rauchste. Haste Streit? Rauchste. Kommt eine Hiobsbotschaft? Rauchste. Die Zigarette ist vor allem im Rahmen negativer Emotionen ein Hilfsmittel, eine Stütze, eine lang eingeschliffene, bewährte Gewohnheit und Methode. Für jede einzelne Emotion muss man nun eine neue Strategie finden, um mit ihr umzugehen. Während früher alle mit einem Hilfsmittel abgedeckt wurden, muss man sich nun jeder einzelnen Emotion widmen und ihr irgendwie anders begegnen. Und das ist bis heute nicht leicht. Denn das ist nicht nur ein Umlernen, das ist überhaupt erstmal ein Lernen. Lernen, Gefühle auszuhalten, zu ertragen, sie anders zu lenken, ihnen anders zu begegnen. Gar nicht so einfach.

Ohne Zigarette leben

Ansonsten ist mein Leben ohne Zigarette aber natürlich besser. Meine Haare riechen auch zwei Tage nach dem Waschen noch frisch, ich gebe keine Unsummen mehr für Febreze aus (und für Zigaretten ja sowieso nicht), ich muss mir keine Gedanken mehr bzgl. des Sports machen und mein Risiko für diverse Erkrankungen ist auch gesunken. Außerdem fühle ich mich inmitten von Nichtrauchern nicht mehr als Außenseiter und habe auch nicht mehr das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Vor allem muss ich nicht mehr ständig mit den Augen rollen, weil mich jemand fragt, warum ich rauche – gerne noch mit der freundlichen Zusatzinformation, dass das ja ungesund sei. Ach, wat de nicht sachst? Wie gesagt, Rauchen ist nicht rational, sondern emotional. Und genau deshalb bin ich zwar nun ein Jahr rauchfrei, aber irgendwie immer noch nicht un-abhängig.

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19 Gedanken zu “Abstinente Abhängige

  1. 2 Jahre, 4 Monate, 4 Tage, 9 Stunden und 17 Minuten ohne. Und dennoch, irgendwie vermisse ich es. Ich hab‘ einfach gerne geraucht und kann Dir in allem recht geben. Gespart habe ich derzeit in etwa 3.500 Euro und um die 25.000 von diesen Dingern nicht geraucht. Da ist so ein Statistik-Fan bin hilft mir das, durchzuhalten. Aber sobald ich 80 bin, ode 75 fang ich wieder an – wenn ich es mir dann überhaupt leisten kann. Jetzt sind es schon 2 Minuten mehr.

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  2. Ich selber habe nie und werde nie rauchen, deswegen kann ich keine eigenen Erfahrungen preis geben. Mein Vater ist seit 1998 rauchfrei und sagt von sich, dass er jederzeit gefühlsmäßig wieder anfangen könne. Wenn ihm ein Arzt sagen würde, er sei sterbenskrank, würde er sich als erstes eine Schachtel Zigaretten holen. Das „Gefühl“ scheint man demnach wohl nie los zu werden.

    Aber eines finde ich echt bemerkenswert an deinem Beitrag, Jule: ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich von einer (Ex-)Raucherin höre, dass die Dinger gar nicht schmecken!

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    1. Ich würde auch sofort wieder anfangen, wäre ich sterbenskrank. Ich glaube, das geht allen so. Mein Hausarzt sagte das auch schon zu mir, er hat nur aufgehört, weil er eben Arzt ist und um die äußerst ungesunde Wirkung viel zu genau Bescheid weiß. ;)

      Welcher Raucher behauptet denn, die schmecken? Und was raucht er? Shisha oder E-Zigarette mit Frucht? Das zählt nicht. ;D

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      1. Ernsthaft: jeder Raucher, den ich bis jetzt gefragt habe, was „der Scheiß soll“ (also nicht ganz O-Ton) hat behauptet, es würde schmecken. Wahrscheinlich ist das dann Nachplappern der Werbebotschaften, um sich selbt gegenüber die Dinger zu rechtfertigen, oder wie!?

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      2. Vielleicht meinen sie mit „schmecken“ nicht die Zigarette an sich, sondern das Drumherum. Letztlich geht es ja genau darum. Um Auszeiten, Momente, in denen man inne hält und genießt, Momente, in denen die Welt stehen bleibt – das schmeckt schon ganz gut. Aber wenn sie wirklich und wahrhaftig den Glimmstengel meinen, den sie da im Mund haben.. uäh.

        Ich habe kürzlich ein Körbchen für den Badezimmerschrank gekauft. Aus welchem Material das Ding jetzt genau bestand, weiß ich nicht, aber als ich die Folie abzog, hielt ich es erstmal angewidert weg. Es roch nämlich so, wie eine Zigarettenpackung, die man öffnet. Ehrlich, das ist nicht lecker, überhaupt nicht.

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      3. Ich kann dein Argument mit den besonderen Momenten verstehen – aber wie verhält es sich mit denen, die durch die Innenstädte hetzen, die Fluppe in der Hand? Oder mit denen, die in den drei Metern zwischen Zug und Straßenbahn zwei Kippen wegrauchen? Da ist doch keiner der von dir genannten Momente vorhanden. Und dann schmeckt es noch nicht einmal? In meinen Augen ist das eine verdammt komische Sucht.

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      4. Gerade wenn man viel Stress hat, ist die Zigarette übrigens das, was eine gewisse Ruhe, Routine und Struktur reinbringt. Sie ist ein Anker, ein gewohntes Mittel. Sie ist Sicherheit.

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      5. Ich wäre trotzdem dafür, das durch Gummibärchen zu substituieren ;-).

        Aber wie gesagt: ich hänge in der Hauptsache am nicht vorhandenen Geschmack.

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  3. Ich begeistert von deinem Text über das Rauchen, deine Worte legen mir eine Ansicht in den Kopf, die ich genau so sehe, es aber bisher nicht so treffend formulieren konnte; Rauchen ist nichts rationales, es ist etwas emotionales & auch das Hilfsmittel für jegliche Konfliktsituationen mit sich selber. Danke dafür!
    Liebe Grüße,
    Jim

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  4. Such dir doch einen „Raucherpaten.“ Das geht so: Immer wenn ein Kollege, oder eine Kollegin raucht stellst du dich entweder dazu oder stellst für diese Zeit die eigene Arbeit ein. Easy, isn’t it.

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