Von Inflation kann wirklich keine Rede sein

Seit fast anderthalb Jahren sind der Liebste und ich nun ein Paar. Vor anderthalb Jahren sah die Welt noch anders aus. Ich war gesünder – und kränker zugleich. Vor anderthalb Jahren war ich bekennender Sportmuffel und leidenschaftliche Raucherin. Beides hat sich geändert. Ich rauche nicht mehr, treibe Sport und bin durch den Lebenswandel stabiler geworden. Aber blöderweise schleppe ich seit einem Jahr eine Krankheit mit mir rum, die bisher keinen wirklichen Namen hat. Seit über einem halben Jahr leide ich unter ständigen Schmerzen, kann kaum noch eine Nacht erholsam schlafen. Tabletten helfen nicht, die Ärzte wissen auch kaum noch weiter. Um ehrlich zu sein, es ist keine leichte Zeit. Die Lebensqualität leidet. Nur für unsere Beziehung ist es überraschenderweise keine Belastungsprobe.

„Du brauchst mich nicht, wenn es dir gut geht. Ich bin vor allem für die schlechten Tage da“, sagt der Liebste. Ja, Schönwetterbeziehung kann jeder. Zusammenstehen, wenn es regnet, das ist die Kunst. Die Liebe, die Macht der Liebe. Denn zugegeben, sein Leben wäre ohne mich sicher manchmal leichter. Aber sicherlich nicht schöner. Das jedenfalls vermittelt er mir. Er ist froh, dass er mich hat. Und vice versa.

Wir sagen uns oft, dass wir uns lieben. So oft, dass böse Zungen den Gebrauch als inflationär bezeichnen würden. Aber die Worte drücken so viel mehr aus. Morgens, wenn ich das Haus verlasse, sage ich ihm, dass ich ihn liebe. Nicht zwischen Tür und Angel, sondern in einem kurzen Moment der Verabschiedung, in dem die Welt für einen Augenblick stillsteht. Ein Moment, in dem es nur uns beide gibt. Ein Moment, in dem ich gar nicht anders kann, als ihm zu sagen, dass ich ihn liebe.

Mitten am Tag, da gibt es hin und wieder einen Kuss, eine Umarmung, einen Moment für uns im Alltagsstress. Wir schauen uns tief in die Augen, halten uns im Arm, lächeln, sprechen die magischen Worte.

Abends, bevor wir die Augen schließen, sagt meist auch einer von uns, dass er den anderen liebt. Ebenfalls in einem ruhigen Moment, nicht standardmäßig, sondern besonders, gefolgt von einer Kuscheleinheit.

Wer hier von inflationärem Gebrauch spricht, hat keine Ahnung. Diese Momente sind Momente, in denen wir uns aus dem alltäglichen Geschehen rausnehmen, in denen die Welt stillsteht, in denen es nur uns gibt. Momente, in denen alles in Ordnung ist, in denen wir unsere sichere, vertraute Basis stärken und eigentlich so viel mehr sagen als nur drei Worte.

Ganz besonders dann, wenn wir uns tief in die Augen schauen und der Liebste hinter meinem Lächeln den Schmerz und mein Leiden sieht, sind seine Worte so viel mehr als ein bloßes „Ich liebe dich“. Er sagt mir, dass er da ist, dass wir alles zusammen schaffen, egal was kommt, dass er nicht von meiner Seite weicht, dass ich mich auf ihn verlassen kann, egal wie sehr es regnet – und das alles mit nur drei Worten.

Und manchmal, da sagt man ganz andere Dinge, meint aber „Ich liebe dich“. Wie gestern. „Weißt du eigentlich, dass du eine hammergeile Freundin bist? Ich kann mit dir acht Stunden auf dem Sofa liegen und Fußball gucken, das ist so geil!“ Ich lächle und kuschle mich näher an ihn. Einer der wenigen Momente am Tag, an dem ich keine Schmerzen verspüre. Einer der wenigen Momente am Tag, an dem wir uns rausnehmen, an dem die Welt stillsteht, an dem alles in Ordnung ist. Einer dieser Momente, in denen die Liebe über alles regiert und der Schmerz keinen Platz in meiner Welt hat. Von Inflation kann also wirklich keine Rede sein.

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3 Gedanken zu “Von Inflation kann wirklich keine Rede sein

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