Nicht wegen dir, du bist toll

Bis zum Elfmeter für Rumänien schaute ich das EM-Spiel (Rumänien – Schweiz) nur mit halber Aufmerksamkeit. Da ich großzügig 3:1 für unsere Nachbarn getippt habe, wäre es eigentlich okay, wenn Rumänien diesen Elfer verwandelt. Als der Ball dann aber tatsächlich im schweizerischen Netz landete, hatte ich plötzlich dich vor Augen.

Wahrscheinlich sitzt du im Wohnzimmer deiner Mutter, schaust das Spiel gemeinsam mit deiner Schwester und deiner Cousine, trinkst Hugo, rauchst Fair Play und fieberst aus Nationalstolz mit, denn eigentlich ist dir Fußball egal. Nur eben dann nicht, wenn die Schweiz an einem größeren Turnier teilnimmt.

In dem Moment, als die Rumänen den Elfer verwandeln, sehe ich, wie du dich ärgerst. Du schimpfst ein bisschen, allerdings nicht vulgär unter der Gürtellinie oder wie ein Rohrspatz, das ist nicht dein Stil. Die Schweizer Flagge, die du umgelegt hast, ziehst du noch ein bisschen enger um dich, trinkst aus Frust einen Schluck Hugo mehr, zündest dir eine Zigarette an, trinkst noch einen Schluck Hugo und schaust weiter. Innerlich ärgerst du dich über diesen Rückstand, weißt aber ganz genau, dass das Kind längst nicht in den Brunnen gefallen ist. Du brauchst zwei weitere Minuten, um dich zu berappeln, bist dann aber der wohl beste 12. Mann, den man sich wünschen kann.

Ich habe schon länger nicht mehr an dich gedacht, weiß aber noch genau, wie du aussiehst, wie du riechst, wie du lachst, wie du – ganz typisch für dich – den Mund verziehst, deine Zigarette rauchst, deinen Hugo trinkst. Und auf einmal, kurz nach dem Tor der Rumänen, frage ich mich, wie es dir wohl geht, ob du glücklich bist, wie dein Leben läuft, was die Liebe macht, ob du wirklich mitfiebernd bei deiner Mutter auf dem Sofa sitzt, ob das Wohnzimmer schon wieder neu gestaltet wurde und was deine Schwester eigentlich inzwischen macht.

Ich könnte zum Handy greifen, dich anrufen und fragen. Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen, das letzte Mal miteinander gesprochen, in den Armen gehalten? Ich glaube, es ist über zwei Jahre her. Würde ich dich anrufen, würdest du dich freuen, nach so langer Zeit von mir zu hören. Das war etwas, das unsere Freundschaft immer besonders gemacht hat: Keiner von uns hatte die Pflicht sich zu melden, keiner von uns war ein Held darin, sich zu melden, aber wenn wir – manchmal nach monatelanger Pause – voneinander hörten, freuten wir uns riesig. Es gab niemals einen Gedanken daran, dass der andere sich ja mal hätte melden können. Nein, es war einfach toll, unkompliziert, eine der besten Freundschaften, die ich je hatte. Weil du einer der besten Menschen bist, die mir je über den Weg gelaufen sind.

Ich greife trotzdem nicht zum Handy. Du bist ein Stück aus meinem alten Leben. Einem Leben, das ich aus meinem heutigen raushalte. Nicht wegen dir, du bist toll. Aber ich könnte den Kontakt auf so vielen Ebenen nicht ertragen. Spätestens dann, wenn du mich nach meinem Heute in allen Einzelheiten fragst, ich zu erzählen beginne und genau weiß, dass du mich verstehst und mitfühlst, spätestens dann ist mein neues Leben zu nah am alten. Spätestens dann würde ich auflegen wollen. Aber nicht wegen dir, du bist toll.

Irgendwann werde ich dich wieder anrufen. Dann, wenn ich mich an mein jetziges Leben gewöhnt habe, wenn ich so beiläufig über das Heute sprechen kann wie über das Gestern. Bis dahin drücke ich der Schweiz weiterhin die Daumen, sehe dich gerne vor mir und lächle dabei.

In Gedanken umarme ich dich. Aus der Ferne ist das okay.

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5 Gedanken zu “Nicht wegen dir, du bist toll

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