Get out of my life

Wo warst du eigentlich in den letzten acht Monaten?

Wo warst du, als mein Freund mir beim Anziehen helfen musste, weil es alleine nicht ging?

Wo warst du, als ich nicht auf Toilette gehen konnte, weil ich unfähig war, mir.. (denkt euch den Rest)?

Wo warst du, als ich meine Zahnbürste nur noch halten konnte wie ein Krüppel?

Wo warst du, als ich nicht mehr aufstehen wollte, weil ich bei jedem Schritt Tränen in den Augen hatte?

Wo warst du, als mir aus dem Nichts die Knie schmerzten – so, als ob jemand eine Nadel nach der anderen reinbohrt, und das jede Nacht?

Wo warst du, als ich einschlafen und nicht mehr aufwachen wollte, weil das alles so kein Leben mehr ist?

Wo warst du eigentlich in den Momenten, in denen ich dich gebraucht hätte?

Fragen über Fragen, die sich immer wieder aufs Neue stellen, nur jedesmal mit anderem Inhalt. Abgesehen von der letzten Frage, die bleibt immer gleich. Denn du warst nicht da, bist nicht da, wirst es nie wieder sein.

Aber jetzt, wo ich im Rahmen meines Umzugs ausmiste und dir deine Bücher zurückgeschickt habe, fällt dir plötzlich ein, dass unser aktuelles Verhältnis doch wohl niemandem gut tut. Und ob du fragen dürftest, wie es denn beruflich bei mir liefe. Was Haupt- und Nebenjob machen und wie es mit den anderen Plänen aussähe.

An welcher Stelle fragst du eigentlich danach, wie es mir geht? Die habe ich in deiner selbstgerechten Mail irgendwie verpasst. Als ich dir vor über acht Monaten erzählte, dass der Arzt mir Rheuma diagnostiziert hat und ich zur finalen Abklärung in wenigen Tagen zum Rheumatologen muss, sagtest du: „Ich drücke dir die Daumen.“ Ja, danke. Du hast nie wieder nachgefragt. Damals nicht, heute nicht.

Das Kind in mir ist gekränkt, schreit, weint und klagt, wünscht sich die Mama, die es in den Arm nimmt, tröstet, sagt, dass alles wieder gut wird. Aber du zeigst nicht die Galavorstellung einer halbwegs guten Mutter, sondern fährst den Horrorfilm für jedes innere Kind.

Ich habe keine Lust und auch keine Nerven, mich weiter mit dir zu beschäftigen. Mein inneres Kind braucht mich jetzt – und meine Gesundheit auch. Denn ich blute neuerdings. Dort, wo ich nicht bluten sollte. Aber wenn ich es dir erzähle, würdest du mir nur wieder die Daumen drücken.

Das ist echt nett von dir. Wenn man mit irreparablen und schweren Krankheit konfrontiert ist oder der Möglichkeit ins Auge sehen muss, dass man eine hat, ist Daumen drücken genau das, was man dann von seiner Mutter braucht.

Get out of my life, ehrlich.

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24 Gedanken zu “Get out of my life

  1. Ich hoffe, dass dir das Schreiben wenigstens das Atmen wieder etwas erleichtert hat…auch wenn dir niemand die Verzweiflung und das Gefühl der Ohnmacht nehmen können wird, kannst du aber vielleicht so mit dir selbst wieder ins Reine kommen :) Loslassen ist da sicher der wichtigste Schritt…

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    1. Oh, ich habe den Beitrag gründlich nachzensiert – trotz der Tatsache, dass ich eine Nacht über meine Emotionen geschlafen habe. ;-)
      Ich schaffe Distanz – wäre nur schön, wenn sie die auch mal einhalten würde.

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      1. Ja das kann ich gut nachvollziehen. Komisch, dass gerade die Menschen, die uns aufgrund familiärer Konstellationen so nahe stehen könnten und sollten uns manchmal so verletzten und kränken. Das ist so bitter. Aber es ist für meine Begriffe genau richtig, was du machst. So schützt du dich und deine seelische Gesundheit. Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass du mit der Zeit diese miese chronische Erkrankung und ihre Schübe in den Griff bekommst!

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      1. Ach naja…eine Zeit lang war ich wirklich verbittert, aber seitdem ich den Kontakt komplett eingestellt habe und sie auch keine Möglichkeit mehr hat, mich zu kontaktieren, lebe ich wesentlich stressfreier 😉 Klar, fehlt mir manchmal EINE Mutter, aber meine kann bleiben, wo der Pfeffer wächst – wie man so schön sagt. Und meine Freunde sind mir größere Stützen 😊

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  2. Ach du meine Güte – was für eine @#%&-Mama!

    So etwas liest und hört man ja leider immer wieder. Und es ist immer so verdammt schwer, Begründungen dafür zu finden – Entschuldigungen schon mal gleich gar nicht. Ich sehe es wie du: Wenn wir, deine Internet-Groupies ;-), dir die Daumen drücken, dann ist das okay und kommt vielleicht auch mehr von Herzen – weil wir nicht einmal aufgrund von Verwandtschaft „verpflichtet“ wären es zu tun.

    Ich bin hier, weil ich mich für dich interessiere. Und deswegen machen mich Sätze wie „Denn ich blute neuerdings“ unruhig. Pass auf dich auf! Und wenn du noch was von deiner Mutter finden solltest – verschenk es an irgendwen.

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    1. Entschuldigungen braucht es gar nicht. Schuld sind nämlich immer die anderen. Würde ich sie mit den Fragen konfrontrieren, würde sie mir die Schuld geben. Ich hätte ja was sagen können. Woher hätte sie denn wissen sollen. Und so weiter. ;-)

      Ich passe auf mich auf, hoch und heilig versprochen! Der Liebste mahnt schon immer, dass es mich ja nur einmal gibt (und räumt dann sogar ein, dass der in den Schrank verbannte Teddybär kein adäquater Ersatz ist, ha! ;-))

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  3. Ich kenne das zu gut, ebenfalls mit meiner Mutter! :D

    Etwas das mir sehr gut geholfen hat, war nicht nur all das Schlechte aufzuzählen, sondern ebenso auch an das Gute zu denken. Sowie die einfache Erkenntnis, dass man andere Menschen nicht ändern kann und manche eben nun einmal so sind.

    Mittlerweile habe ich auch keinen Kontakt mehr mit ihr, es sei denn, ich bin in der Heimat, aber hier ist er unverbindlich und sie weiß so gut wie nichts aus meinem Leben. Ich hege auch keinen Groll mehr, für mich ist sie dann einfach nur ein normaler Mensch, von dem ich nichts erwarte, wie von anderen Menschen auch.

    Aus dieser Erfahrung habe ich etwas gelernt, nämlich, dass ich mittlerweile Menschen, die nicht in mein Leben passen, oder nicht die gleichen Ziele verfolgen, etc. einfach aus meinem Leben gehen lassen kann.
    Eine Fähigkeit, die sich als sehr nützlich erwiesen hat. :)

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    1. „Nimm die Menschen wie sie sind, es gibt keine anderen“ – völlig korrekt. Und wenn man sie nicht nehmen will, wie sie sind, dann wendet man sich eben ab. Das mache ich auch seit Jahren schon so. ;-) Aber bei meiner Mutter ist es nochmal was anderes.

      Solange ich nichts höre, habe ich meinen Groll gut im Griff. Sobald ich aber was höre, wankt die Contenance. Sie setzt mich unter Druck. Sie bewertet mein Leben (obwohl sie kaum etwas aus meinem Leben weiß), zieht irgendwelche Schlüsse, verurteilt. Es ist sehr anstrengend, denn während sie versucht, einen kleinzumachen, muss man groß und stark bleiben. Das kostet Kraft. Die brauche ich gerade definitiv für anderes.

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      1. Wieso brichst du dann den Kontakt nicht ganz ab, wenn es dir nicht gut tut?

        Wenn du das nicht machen willst, dann musst du irgendwie daran arbeiten, dass du irgendwie keine Ansprüche an sie stellst. Von ihr also nicht mehr das erwartest, was man von „normalen Müttern“ erwartest. :)

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      2. Ich habe ihn ja im Grunde abgebrochen. Sie meldete sich, weil ich ihr Sachen zurückgegeben habe. Ansonsten melde ich mich nicht bei ihr – und sie sich auch eher selten bei mir.

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  4. Ich kann das Verhalten deiner Mutter durchaus nachvollziehen. Klar hätte sie nachfragen können, aber es ist dein Leben, was du selbst organisieren musst und auch kannst.

    Deine Mutter ist nicht mehr für dich verantwortlich und wer weiß, mit welchem Problem sie kämpft.

    Rheuma ist ohne Frage schlimm, aber gut behandelbar und nicht todbringend.

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  5. Ich will jetzt nicht auf gefällt mir klicken, da es auch missverstanden werden kann. Mir gefällt dass du es dir von der Seele schreibst und klare Worte findest. Bleib stark, lass dich nicht unterkriegen. Wenn sie nicht für dich da ist, ist es nicht deine Schuld, sondern ihre mütterliche Unfähigkeit. Sag das auch deinem inneren Kind! Du hast echt was besseres verdient, wirst aber leider damit leben müssen… Alles Liebe!

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  6. Der „kontakt“ zwischen meiner Mutter und mir, und auch keinen Geschwistern und ihr, ist nur sehr schwer aushaltbar. Weil sie immer schon eine Person war, die sich um 1000 andere Dinge kümmert, als uns mal aufrichtig zu fragen, wie es uns geht und es sich dann auch mal anzuhören. Anrufe von ihr beginnen häufig mit einem 15 minütigen Monolog über alles was ihr oder irgendwem den man nicht kennt passiert ist etc… Daher behaupte ich, dass ich deine Enttäuschung und auch Wut aber auch Resignation gut nachvollziehen kann.
    Sie wird sich nicht ändern… Es wird einem nur selbst immer mehr bewusst, dass man es eig gerne anders hätte…
    Auf Kritik folgt dann eingeschnappt sein und folgende unterschwellige Bemerkungen, die einen dann wieder auf die Palme bringen -.-…
    *drück dich *

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    1. Oh, kommt mir sehr bekannt vor. ;)
      Bei Kritik wirdf abgewunken. Bist halt überempfindlich, nicht wahr? Schuld sind immer die anderen.

      Schade, dass du auch Ähnliches erlebt hast oder erlebst. Aber tut irgendwie auch gut zu wissen, dass es mehreren Menschen so geht.

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