Kalt, kälter, Kältekammer, Tag 1 (Teil 2/3)

Zu Teil 1/3.

Gemeinsam mit Zimmergenossin Liz machte ich mich nach dem Essen auf den Weg zur Kaltlufttherapie. Hier werden gezielt einzelne Gelenke mit einem stickstoffhaltigen Kältegemisch von -160 °C behandelt. Brrrr!

Im Warteraum war bereits einiges los – aber das machte nichts, „man hat ja Zeit“, zwinkerte ich einem älteren Herrn zu. Er lachte. Wir scherzten oberflächlich, bis er aufgerufen wurde. Danach waren Liz und ich an der Reihe.

Es wird kalt

Liz ließ sich zuerst behandeln. War mir ganz recht, so konnte ich erstmal schauen, wie das Prozedere vonstatten geht. Für die Behandlung meiner Zehengelenke ließ ich die Socken an – angenehm. Die Knie machte ich frei – uh, unangenehm! Wirklich, wirklich kalt. Bei den Handgelenken wiederum war ich abgehärtet. „Wie, hier keine Beschwerde?“, zog mich die FSJlerin auf. „Nö, kalte Hände bin ich gewohnt“, konterte ich. Keine fünf Minuten nach Betreten des Raumes war die Anwendung auch schon wieder vorbei.

Während Liz zurück ins Zimmer ging, flitzte ich in die orthopädische Werkstatt, um Einlagen zu beantragen. Da meine Beine eine leichte X-Stellung haben, lastet das meiste Gewicht nämlich auf der Innenseite meiner Knie. Der Orthopäde klärte mich auf, dass es zwei Einlagen gäbe: „Einmal die, die die gesetzliche Versicherung zahlt, hier müssen Sie 5 Euro zuzahlen und dann noch hochwertigere, bei der man mehr zuzahlen muss. Letztere kann man nachträglich noch bearbeiten und verändern, das Standardmodell nicht. Aber da können wir gleich noch drüber sprechen. Die veränderbaren kosten Sie 25 Euro.“ „Zwischen den guten und den nicht so guten liegt ein Preisunterschied von 20 Euro?“ Er nickt. „Gut, dann brauchen wir nicht drüber sprechen, wir nehmen die Guten.“ Es geht um meine Gesundheit, da sollte man eher keine Kompromisse machen.

Es wird (gefühlt) noch kälter

Nach einem kurzen Päuschen machte ich mich gespannt auf den Weg zur Kältekammer. Vor dieser traf ich den Herrn, mit dem ich bereits im Warteraum der Kaltlufttherapie gescherzt hatte. „Sie werden gut durchs Leben kommen!“, sagte er, nachdem ich mich lächelnd neben ihn gestellt hatte. „Werde ich das?“, fragte ich etwas verwirrt. „Ja, sie sind so nett, fröhlich und offen, das werden Sie. Mir war es ein Anliegen, Ihnen das zu sagen. Ich bin seit fünf Jahren in Rente, wissen Sie. Vorher habe ich junge Ingenieure ausgebildet. Und wenn ich eins gelernt habe, dann dass die Menschen viel zu selten gelobt und mit positiven Worten bedacht werden.“ Ich lächelte und bedankte mich. Dann öffnete sich auch schon die Tür zum Vorbereitungsraum.

Der nette Mann zeigte mir, was ich brauchte: Mundschutz, Mütze, Handschuhe. Nach Möglichkeit sollte man sich auch weitgehend entkleiden (damit die Gelenke optimal gekühlt werden und der Stoff die Kälte nicht abmildert). Die meisten Frauen betreten die Kältekammer im Badeanzug. Ich trug ein Top und eine ¾-Sporthose, die ich mir allerdings bis über die Knie nach oben schob. Und dann war es so weit, die Tür öffnete sich.

Zuerst kommt man in einen ca. 3 qm großen Vorraum. Hier sind es -60 °C (arschkalt, Leute, a-r-s-c-h-k-a-l-t!). Mit Bewegung ließ es sich aber halbwegs aushalten. Eigentlich ist der Vorraum nur als Zwischenstufe gedacht, ehe es in die -120 °C kalte Hauptkammer geht. Manche bleiben allerdings nur im Vorraum, das kann jeder Patient handhaben wie er möchte. Ich wollte mehr.

Sibirische Kälte

Nachdem ich 30 Sekunden in der Vorkammer auf der Stelle gejoggt war, gab ich einem Herrn das Signal, die Hauptkammer zu öffnen. Ein eiskalter Luftstoß wehte mir entgegen. Wollte ich wirklich in die Hauptkammer…? Ach, rein da – ich kann jederzeit wieder raus, und länger als drei Minuten darf man ohnehin nicht in der Kälte sein. Die Hauptkammer wirkt kleiner als die Vorkammer und erinnert ein wenig an ein Striplokal, denn in der Mitte stand eine Stange. Ich ließ mir allerdings sagen, dass die nicht zum Strippen gedacht war, sondern als Orientierung. In der Kältekammer muss man nämlich ständig in Bewegung sein. Die Stange war dafür da, um im Kreis drumherum zu laufen.

Wir waren drei Personen und joggten im Uhrzeigersinn, gegen den Uhrzeigersinn, im Uhrzeigersinn. Ich hatte am ganzen Körper Gänsehaut. Die Kälte wurde jede Sekunde unerträglicher. Während sie anfangs noch recht gut auszuhalten war, wurden die Bewegungen träger. Es wurde einfach schwieriger, sich bei der Kälte überhaupt zu bewegen. Als es so kalt wurde, dass es anfing zu schmerzen, verließ ich die Hauptkammer. Ich hatte es fast anderthalb Minuten ausgehalten, ehe ich noch ein paar Sekunden in der Vorkammer joggte und der Spaß nach gut zwei Minuten auch schon wieder vorbei war. Für mein erstes Mal war das richtig gut – normalerweise halten es Anfänger meist nur etwa eine Minute aus.

Aber: Brrr, brrr, brrr. Es war wirklich kalt. Allerdings nicht so kalt, wie es hätte sein sollen, denn als ich zur Kältekammer kam, wurde sie gerade erst „hochgefahren“ und war somit noch nicht auf Betriebstemperatur, als ich mich hineinbegab. Statt den üblichen -120 °C, waren es „nur“ -85 °C. Die 120 werde ich aber auch noch erleben, denn die Kältekammer steht täglich auf meinem Therapieplan.

Flink wie ein Wiesel

Es war ein unheimlich tolles Gefühl zu spüren, wie der Körper wieder warm wurde. Ich mummelte mich in meine Sportjacke und rannte geradezu die Treppen hoch – schmerzfrei. Normalerweise spüre ich Treppensteigen in den Knien, nun spürte ich nichts. Es war sicher noch alles durch die Kälte betäubt. Meine Knie scheinen allerdings recht temperaturempfindlich zu sein, denn bereits bei der Kaltluft empfand ich die Kälte an dieser Stelle als sehr unangenehm und keineswegs als wohltuend. Die Sporthose wird jedenfalls zukünftig nicht mehr hochgeschoben.

Direkt im Anschluss an die Kältekammer begab ich mich aufgeregt zum Ultraschall. Hier würde es heute neue Erkenntnisse geben. Positive oder negative, alles war möglich. Um 15 Uhr rief mich meine behandelnde Ärztin rein. Mir klopfte das Herz bis zum Hals.

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4 Gedanken zu “Kalt, kälter, Kältekammer, Tag 1 (Teil 2/3)

  1. Brr, mit wird schon beim Lesen kalt.
    Ich hab aus verschiedenen Gründen mehrere geschrottete Gelenke und alle immer: Kühlen, kühlen, kühlen. Die Schmerzen sind kaum auszuhalten (von daher: Hut ab, meine Liebe, Hut ab!) und im Fall meines Handgelenks gleich geblieben. Ich ziehe irgendwie wärmen vor – auch wenn es vllt der Heilung nicht zuträglich ist, es tut wenigstens nicht weh.
    Ich bin mal gespannt, wie du weiter mit der Kälte klar kommst und wünsche dir, dass es ordentlich was bringt!

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    1. Meinem Verständnis nach richtet sich die Kälte gegen die Entzündungen (in den Gelenken). Bei Schrott-Gelenken dagegen fehlt Knorpel/Flüssigkeit. Wärme weitet die Gefäße. Das Gelenk wird besser versorgt & läuft geschmeidiger. Deswegen ist Bewegung auch so wichtig.

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  2. Ich bibbere und zittere mit dir.

    Kleine Frage: Steht da immer jemand mit Thermoanzug und Heizdecke bereit, um eventuell in der Hauptkammer kollabierte Menschen zu retten? Ich stell mir die Nummer etwas heikel vor, wenn da jemand im Badeanzug umfällt.

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