Das Leben hat es auf mich abgesehen

Ich möchte schlafen. So gern lange schlafen. Der Wecker klingelt erst in zwei Stunden. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass ich eingeschlafen bin.

Ich fühle mich gerädert. So, als ob ein LKW über mich gefahren wäre. Ich bin müde und geschafft. Aber ich kann trotzdem nicht schlafen. Eine Unruhe hält mich wach, eine innere Anspannung, eine unbeschreibbare Wachsamkeit.

Ich bin ständig auf der Hut, jederzeit bereit, mich nach besten Kräften zu verteidigen. Zugegeben, da sind nicht mehr viele Kräfte, und gut vorbereitet fühle ich mich auch nicht, aber ich bin zumindest in der Erwartung eines Angriffs. Muss ich aber auch sein. Ich werde jeden Tag mehrmals angegriffen. Das Leben hat es auf mich abgesehen.

Morgens aus dem Bett quälen, die richtige der beiden Zahnpastas greifen, artig die Zähne putzen, die Linsen einsetzen, irgendeine Klamotte wählen, die angemessen, aber unauffällig ist und irgendwie noch an meinen Körper passt. Es fühlt sich an, als wären Stunden vergangen. Alles läuft so langsam. Und es ist so viel. Ich weiß gar nicht, wie ich das händeln soll. Alltägliche Sachen – und ich bin damit überfordert. Ich bin noch nicht mal alltagsfertig, aber schon fertig mit dem Tag. Kräftemäßig.

Ich glätte meine Haare. Was für scheiß Haare! Mal wieder viel zu lang, mal wieder viel zu wild, mal wieder unbezähmbar. Ich sehe aus wie ein Kind, das zu wild getobt hat. Oder wie eine Erwachsene, die sich nicht die Haare machen kann. Kacke sehe ich aus. Richtig kacke. Und jetzt noch schminken. Wie ich das hasse. Wie sehr ich mir ein Gesicht wünsche, das ohne Schminke auskommt. Flüssig-Make-up, Puder, Wimperntusche. Es ist nicht viel, denn den Kajal habe ich schon vor ein paar Wochen wieder verbannt. Da ich zurzeit sowieso blass und geschafft aussehe, macht er mich nicht schöner, sondern um Welten hässlicher.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es endlich geschafft. Jetzt nur noch frühstücken. Eigentlich dasselbe wie immer. Proteinpulver, Milch, Obst. Das Obst lasse ich aber seit wenigen Wochen wieder weg. Keine Kraft zum Schnibbeln. Keine Kraft zum Spülen. Schüssel, Schneebesen und Löffel reichen. Brettchen, Messer und Kartoffelschäler sind dann zu viel. Es ist insgesamt zu viel. Ich kann nicht mehr.

Ich stehe trotzdem auf und spüle den Frühstückskram von vier Personen weg. Jetzt ist 8:20 Uhr. Ich sollte mal so langsam zur Arbeit fahren. Aber ich weiß nicht, wo ich die Kraft hernehmen soll. Ich habe sie aufgebraucht. Der Tag ist gelaufen. Trotzdem quäle ich mich raus. Maske auf, los geht’s.

Irgendwann ist der Tag ja auch wieder vorbei. Dann komme ich nach Hause, setze mich aufs Sofa und weine lange. Ich weine, weil ich nicht mehr kann, weil ich am Ende bin, weil mein ganzes Leben in einer Schieflage ist, weil ich keinen Rückzugsort habe und nirgendwo zur Ruhe kommen kann.

Ich weine, weil ich depressiv bin. Weil ich heute Abend ins Bett gehe und weiß, dass ich wieder viel zu früh aufwache. Dass ich überhaupt aufwache. Weil sich die Welt weiterdreht und es egal ist, was mit mir ist.

Nur noch sechs Tage weinen, dann steige ich in den Flieger. Der Urlaub ist weit weg. So weit weg. Genauso wie meine Freude darauf.

Ich kann einfach nicht mehr.

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Veröffentlicht in Leben

7 Gedanken zu “Das Leben hat es auf mich abgesehen

  1. Das Gefühl der Kraftlosigkeit kennen wir alle und doch wiegt es bei den meisten von uns nicht in der Schwere, die es bei dir hat. Ich erwischte mich neulich sogar dabei, wie ich mich plötzlich über den Lenker meines Fahrrades lehnte und dabei voll in die Pedale trat, wie es mein 12jähriges Ich so gern gemacht hat. Vielleicht war es auch bei mir die Freude auf den Urlaub. Dass er für dich unfassbar weit entfernt scheint, zeigt mir, wie heftig es dir gehen muss. Ich wünschte, ich hätte einen guten Rat parat, doch ich habe keine Ahnung. Beppo Straßenfeger hilft mir immer, wenn der Berg zu steil erscheint. Dann schaue ich auf den Boden und suche mir die kleinen Steine, die ich hinter mir lassen möchte und tatsächlich sind sie fast schneller hinter mir, als ich einen neuen finden kann. Aber kann dir das eine Hilfe sein, wenn deine Momente so lang andauern? Ich bezweifle es. Und somit bleibt mir nur das eine: Ich bin gern hier auf deinem Blog und lese, wie du mit Humor und Anmut deinen steinigen Weg gehst. Du dienst mir als Vorbild, weil ich doch viel zu oft genervt bin, obgleich mir die Kraft nicht fehlt. Vielen Dank, dass du da bist.

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