Ein Discofox auf „Stille Nacht, heilige Nacht“

Martinique ist vielleicht das einzige Fleckchen Erde, auf dem man sich beim Hören von Adelles „Hello“ nicht gleich den Strick nehmen möchte.

Das Wetter ist heute einfach fabelhaft, meine Füße werden vom weichen Sand liebkost, meine Haut von der warmen Sonne gestreichelt und mein Näschen von einer leichten Brise erfrischt. Manchmal blinzle ich in den Sonnenschein und beobachte ein paar kleine Boote oder die beiden Einheimischen, die am Ende des Piers angeln. Irgendwo erfreut ein Kinderlachen mein Herz. Ich seufze zufrieden. Es könnte wirklich schlechter sein.

Um kurz vor halb zwei sende ich einen Gedanken gen Heimat und krame mein Handy aus dem Rucksack. Jetzt ist wahrscheinlich der perfekte Augenblick, um zu Hause anzurufen. Die Bescherung dürfte vorüber sein, das Abendessen noch nicht aufgetischt.

Hier, 8.000 km weit weg, erinnert nichts daran, dass heute Heiligabend ist. Denn der 24. ist in der Karibik das, was bei uns der 23. ist, also der letzte Tag vor Weihnachten. Alles scheint normal zu sein. Dass irgendetwas anders ist, verraten nur die überfüllten Parkplätze, das geschäftige Treiben in den Supermärkten und die menschenleeren Strände.

Es fühlt sich unwirklich an, inmitten von Palmen „frohe Weihnachten“ zu sagen. Zu meinen Füßen liegt die herrlichste Karibik und das letzte, was ich fühle, ist Weihnachten, jedenfalls mit dem „deutschen“ Weihnachtsfeeling verglichen. Denn Weihnachten gibt es natürlich auch hier, es ist nur anders.

Einzelne Geschäfte haben Tannenbäume aufgestellt und mit glänzenden Kugeln oder Girlanden behangen, inmitten von Maracujabäumen leuchten knallbunte Lichterketten. Wenn man möchte, kann man sogar Schneemannlampen und Weihnachtsmänner mit dickem Mantel und Mütze kaufen. Es wirkt surreal, diese winterlichen Anblicke passen nicht hierhin. Sie transportieren etwas Belastendes, hier gehört aber nur Schönes hin.

Schon seit unserer Ankunft spielen die Radiosender bekannte Weihnachtslieder rauf und runter, von „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis „Gloria“. Hier wird allerdings zu „Stille Nacht, heilige Nacht“ getanzt, denn das Lied ist ziemlich flott. Genauso wie alle anderen Lieder. Selbst internationale Songs werden gecovert und erst dann im Radio gespielt, wenn sie karibisch-fröhlich sind. Martinique ist vielleicht das einzige Fleckchen Erde, auf dem man sich beim Hören von Adelles „Hello“ nicht gleich den Strick nehmen möchte.

Musik gibt es aber natürlich nicht nur im Radio, sondern nahezu überall. Kinder singen in Chören, die Kirchen laden zum gemeinsamen Singen ein und an jedem Adventswochenende findet in der offenen Dorfhalle, die tagsüber als Marktplatz dient, ein großes Fest statt. Während hier wechselnde Band spielen, tanzen Einheimische und Besucher fröhlich miteinander. Hier springt der Funke schnell auf alle anderen über. Von den vielen strahlenden Gesichtern und begnadeten und unbegnadeten Tänzern lässt man sich gerne anstecken, ausgelassen zu sein, zu lachen, zu tanzen und einfach Spaß zu haben.

Aber auch abseits der Dorfhalle ist das Leben unkompliziert und locker. Genauso war dann auch unser Heiligabend. Unkompliziert und locker, wie jeder Urlaubstag.

Fast jeder.

Der Tag nach Heiligabend sollte heftig werden. Es ist wahrscheinlich der Tag, den ich noch in 30 Jahren genau vor Augen haben werde. Denn an diesem Tag wuchs ich über mich hinaus.

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11 Gedanken zu “Ein Discofox auf „Stille Nacht, heilige Nacht“

  1. Das gleiche Gefühl hatte ich mal in Mexiko. 30 Grad im Schatten, der Weihnachtsmann vor dem Einkaufszentrum wurde alle 30 Minuten wiederbelebt und mit Stimmung war nix. Egal, hab ich mir gedacht und bin nach Acapulco geflogen. Da war wenigstens das Bier eiskalt. ;-)

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