Ein Angsthase wächst über sich hinaus, Teil 1

Wir sahen so unglaublich sexy aus. So sexy wie es klingt.

Ich bin schon früh wach, sitze auf der Terrasse mit Meerblick und lausche den zahlreichen Vögelchen. Genauso wie viele andere Menschen auf dieser Insel, freue ich mich riesig auf den Tag. Während die Einheimischen heute Weihnachten feiern, planen der Liebste und ich, den Dschungel unsicher zu machen. 10 km quer durchs Dickicht. Das wird geil. Und anstrengend.

Nach einem entspannten Frühstück bestücken wir den Proviantrucksack mit literweise Wasser und einem mit Frischkäse bestrichenen Baguette. Ich finde, wir haben zu wenig Essen dabei. Wir können aber blöderweise keins kaufen, denn ausgerechnet heute hat definitiv alles geschlossen. Und Kochbananen sowie eine Dose Champignons dritter Wahl sind nun auch nicht gerade besonders geeignetes Wanderproviant.

Egal.

Wir lassen uns die Laune nicht verderben und ziehen unsere Sport-Thermo-Klamotten sowie die sauteuren Wander-Thermo-Socken und unsere eigens für solche Abenteuertouren angeschafften Wanderschuhe an. Wir sahen so unglaublich sexy aus. So sexy wie es klingt.

Mit unserem Leihtwingo fuhren wir zum „Eingang“ des Dschungels. Hier waren wir bereits des Öfteren, sind zu einem mitten im Dschungel liegenden Wasserfall gelaufen oder zu entlegenen, naturbelassenen Stränden. Der Beginn unserer Wanderroute war uns also nicht fremd. Aber heute war er eine besondere Herausforderung.

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Der „Eingang“

Die letzten Tage hat es stark geregnet. Durch den im Dschungel liegenden Wasserfall müssen wir direkt zu Beginn einen kleinen Fluss durchqueren. Das war die letzten Male kein Problem, wir konnten einfach über die aus dem Wasser ragenden Steine springen. Heute ging das allerdings nicht. Der Fluss trug sehr viel Wasser und war deutlich breiter geworden. Wir mussten unsere mühsam geschnürten Wanderschuhe ausziehen und barfuß durch den Fluss waten. (Falls jemand ähnlich empfindliche Füße hat wie ich: autsch, aaah, autsch… AUTSCH! Haaa… AUTSCHAHSCHEIßEAUTSCH!)

Das hat uns wahrscheinlich gut 10 Minuten Zeit gekostet, insgesamt hatten wir 6 Stunden Wanderung kalkuliert. Aber was soll’s?! Wir sind früh losgegangen und werden nicht erst mit der Dunkelheit aus dem Dschungel zurückkommen. Nein, diesmal nicht.

Jetzt ging es „so richtig“ in den Dschungel hinein. Bergauf, bergab, über Wurzeln, umgefallene Bäume, durch matschige Wegstücke, vorbei an meterhohen Bambuspflanzen auf immer kleiner werdenden Trampelpfaden mit ganz schön steilen Hängen an der Seite. Das ist kein sanftes Spazierengehen und auch kein entspanntes „Dschungelgucken“. Wer seine Augen nicht konzentriert auf den Boden richtet, wird ihn bald von ganz Nahem zu sehen bekommen.

Irgendwann kommen wir an eine Weggabelung. Ein Ort, den wir schon von unserem kleinen Ausflug zu den naturbelassenen Stränden kennen. Hier verweilen wir ein Minütchen, genießen den grandiosen Ausblick auf einen Teil des Dschungels und den weiten Ozean, ehe es weiter in den Dschungel hinein geht, bergauf über Stock und Stein.

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Der Ausblick an der Weggabelung (wurde allerdings an einem anderen Tag und in der Abenddämmerung aufgenommen)

Vor allem über Stein, denn wir mussten mal wieder einen kleineren Fluss überqueren. Weiter oben im Dschungel ist der Begriff „Fluss“ allerdings eine maßlose Übertreibung. Hier muss man zwar auch schauen, über welche Steine man am besten springt, um nicht im Wasser zu landen (sicherheitshalber hatten wir unsere Wertsachen im Dry Sack deponiert), besonders herausfordernd ist das an diesen Stellen aber nicht.

Wir sind nun schon ca. 2 km durch den Dschungel gelaufen, voll guter Laune und guter Dinge, als wir plötzlich abrupt stehen bleiben mussten. Was ist das?!

Hier fehlt der Weg.

Bereits vor Antritt unserer Tour mahnte uns ein Schild, der Durchgang sei verboten. Wir ignorierten das genauso wie alle anderen Besucher, denn hier konnte man überall laufen – bis jetzt. Nun war klar, weshalb es das Schild gab. Die letzte Regensaison hatte den Weg weggespült.

Wenn wir gewollt hätten, hätten wir sicher versuchen können, irgendwie auf die andere Seite zu gelangen, denn vor uns lag eine Schlucht, in der ein großer Fels hervorragte. Wir hätten sicher nur 1 m nach unten bis zu diesem Felsen gehabt und hätten auf der anderen Seite dann ca. 2-2,5 m hochklettern müssen. An einer nassen Wand aus Erde. Das wäre fahrlässig gewesen. Schon allein deshalb, weil der Fels abschüssig war. Sehr weit abschüssig. Wäre einer von uns gefallen, wäre er seit weit runtergekugelt. Über den harten Felsen, rein ins Nirgendwo.

Der Liebste überlegt kurz. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich darüber nachdenkt, den Weg weiterzugehen. Der Angsthase in mir möchte das nicht. Und der vernunftbegabte Part auch nicht. Das ist gefährlich, viel zu gefährlich. „Das wäre Wahnsinn“, sage ich zum Liebsten. „Und gefährlich.“ Er schaut mich an und nickt. „Ja. Wir würden sicher irgendwie rüberkommen. Aber vielleicht stehen wir in 500 m wieder vor derselben Situation. Und wer weiß, wie oft noch?“ Zumal wir die gesamte Strecke auch wieder zurückgehen mussten.

Schweren Herzens und ziemlich getrübt, trafen wir die Entscheidung, unsere Dschungeltour abzubrechen.

Wir hatten uns so sehr auf diesen Tag gefreut! Wir waren bestens gerüstet, das kann es doch jetzt nicht gewesen sein?!

„Wollen wir zum Montagne Pelée?“, fragt der Liebste.

Ich schlucke kurz.

Ja, wir wollen.

Und dann gingen wir durch den Dschungel zurück, sprangen in unseren Twingo und fuhren zu einem der gefährlichsten Vulkane der Welt. Eigentlich wollten wir ihn schon am Anfang des Urlaubs besteigen, hatten uns wegen meines Rheumas aber schließlich dagegen entschieden.

Mal sehen, ob der Glaube tatsächlich Berge versetzt.

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Ein äußerst seltener Anblick: Vor dem Pelée sind nur wenig Wolken (das Bild entstand Heiligabend, also einen Tag vor unserer Tour auf einem Pier in Saint Pierre, das man früher „das Paris der Karibik“ nannte)

Zu Teil 2.

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5 Gedanken zu “Ein Angsthase wächst über sich hinaus, Teil 1

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