Ein Angsthase wächst über sich hinaus, Teil 2

Das hier war kein Wandern, das war heftiger als alles, was ich erwartet hatte.

Zu Teil 1.

Wir fuhren und fuhren und fuhren und fuhren. Es ging immer weiter bergauf. So steil, dass ich schon fast Sorge hatte, wir würden gleich einen Purzelbaum rückwärts machen (das stelle ich mir im Twingo nicht besonders lustig vor).

Wir mussten weit hoch, denn wir wollten unseren Marsch ab einer Höhe von etwa 600 m beginnen. Der Vulkan ist insgesamt 1.400 m hoch. Wer vom Fuße des Vulkans anfängt zu laufen, hat nicht besonders viel Spaß. Zum einen muss er 600 Höhenmeter mehr zurücklegen als wir und zum anderen geht er im Grunde nur steile Straßen hoch. Sehr unspektakulär.

Das einzig Spektakuläre dürften auf dem Weg die Kühe sein. Davon gibt es in Martinique nämlich ein paar freilaufende. Sie sind zwar nicht gänzlich frei, da sie durchaus irgendwem gehören, sie dürfen sich allerdings frei von Zäunen überall dort bewegen, wo sie sich gerade bewegen möchten. Das ist nicht immer lustig, wie wir mehrfach am eigenen Leib erfahren durften. Unsere Unterkunft befand sich nämlich direkt im Revier eines freilaufenden Bullen – dem standen wir dann auch öfter mal Auge in Auge gegenüber.

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Der Bulle vor unserer Unterkunft

Irgendwann ging die Straße nicht mehr weiter, stattdessen sagte uns eine Wanderorientierungstafel, wo wir nun langgehen mussten. Also parkten wir den Twingo und machten uns bereit.

Der Liebste fummelte an seiner Fitnessuhr rum.

„Soll ich „Wandern“ oder „Bergsteigen“ einstellen?“, fragt er.

Ich lache.

„Wandern natürlich.“

„Hm. Ich stelle mal „Bergsteigen“ ein.“

An dieser Stelle hätte ich hellhörig werden sollen, denn der Liebste hat dieses Abenteuer bereits vor zwei Jahren schon einmal erlebt. Stattdessen war ich blind vor Freude, mich endlich mal wieder richtig zu bewegen.

Ich hatte für den Urlaub vier Sporthosen eingesteckt, und letztlich nur zwei getragen – eine davon abends zum Entspannen, die zählt also nicht. Außerdem hatten wir zu Hause für diese Situation trainiert und waren regelmäßig im Wald spazieren – lang und anstrengend, denn dort, wo wir wohnen, ist es ziemlich bergig (für mich als gebürtiger Flachländer geht der heimische Wald schon fast als Gebirge durch).

Als wir unseren Weg starteten, ging es fast genauso los, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war ein wenig so, als ob man durch einen Garten schlendern würde, nur eben stetig bergauf. Während der ersten 300 zurückgelegten Meter hatten wir bereits 100 Höhenmeter geschafft. Es ging also auf einer Länge von 3 m immer 1 m nach oben.

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Auf dem Weg zum Vulkan, noch weit am Anfang

Der Liebste hatte im Vorfeld angekündigt, wie anstrengend es werden würde, ich hatte es unterschätzt. Ein Drama war das aber nicht. Es war eben nur anstrengend. Alle paar Minuten machten wir eine kurze Trink-, Verschnauf- und Ausblickpause von ein, zwei Minuten, ehe wir weitergingen. 100 geschaffte Höhenmeter sind nämlich gar nichts, wir hatten satte 800 vor uns.

Irgendwann wurde der Weg unangenehmer. Der gartenartige Teil hatte aufgehört. Die Steine vermehrten sich und wurden größer, die Bäume dagegen weniger. Irgendwann hatten wir eine Höhe erreicht, in der keine Bäume mehr wuchsen. Allerdings war alles umgeben von Sträuchern. Jede Vulkanflanke sah aus, als wäre sie mit einem grünen Teppich überzogen.

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Der Blick bei einer unserer Trink-, Verschnauf- und Ausblickpausen

Wir verweilten regelmäßig und blickten uns um, genossen den Blick über weite Teile der Insel und aufs Meer. Allerdings taten wir das zunehmend gebückt, denn je höher wir kamen, desto stärker wurden die Winde. Und da es neben uns sehr, sehr tief runterging, tut man gut daran, dem Wind so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

Der Aufstieg wurde zunehmend härter. Inzwischen gab es nur noch große Steine, die irgendwie in der Erde steckten. Manche von ihnen waren rutschig. Man musste arg aufpassen, wo man hintritt. Mit jedem Meter, den wir vorankamen, wurde es steiler. Und irgendwann konnten wir überhaupt nicht mehr laufen. Jetzt mussten wir klettern. Auf allen Vieren.

Wir mussten uns vereinzelt hochziehen, mit aller Kraft von den Steinen abdrücken. Stein für Stein für Stein. Ich schaute nach oben. Es war kein Ende in Sicht. Nach unten schaute ich gar nicht erst. Zwischendurch verschnaufte ich kurz, die Kletterei war eine Tortur – und alles andere als gut für meine Gelenke. Jetzt wusste ich auch, warum der Liebste „Bergsteigen“ eingeben wollte und wir diese Aktion wegen meines Rheumas längst gecancelt hatten. Das hier war kein Wandern, das war heftiger als alles, was ich erwartet hatte.

Konzentriert kletterte ich die Steine hoch und versuchte, immer nur den nächsten Meter, die nächsten zwei, drei Steine im Blick zu haben. Ich suchte mir meine Wege, nahm mir Zeit, um die Trittfestigkeit zu testen und kam ziemlich gut voran. Bis diese zwei bestimmten Steine kamen. Plötzlich blockierte alles in mir.

Ich bekam Panik. Und das in einer lebensgefährlichen Situation.

Zu Teil 3.

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9 Gedanken zu “Ein Angsthase wächst über sich hinaus, Teil 2

      1. Ich wollte da jetzt gar keine Leichtsinnigkeit unterstellen. Aber in solchen Sachen bin ich Schisser und frage mich immer, was passiert wäre, wenn du nicht über dich hinausgewachsen wärst.

        Sorry, mein Fehler.

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      2. Najaaaaa, das ist ja dann eine Reflexion deiner eigenen Limitationen, nicht von meinen. ;-)

        Aber ich bin auch ein Schisser. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es nicht getan. Und wenn ich schonmal spoilern darf: Den Weg, auf dem ich die Panikattacke bekommen habe, sind wir nicht mehr zurückgegangen. Hatte der Liebste von Anfang an so geplant, weil es noch einen zweiten gibt. Einen leichten. Aber er sagte, hätte er mir die Wahl gelassen, hätte ich mich beim Aufstieg für den leichten entschieden. Und das stimmt leider. Deshalb bin ich froh, dass ich nichts wusste und keine Wahl hatte. Denn man kann so viel mehr, als man sich selbst zutraut. Unsere Angst hemmt uns wahnsinnig.

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      3. Ich sehe das, zugegeben, sehr zwiespältig. Aber ja, du hast Recht, das sind meine Limitationen. Was anderes kann ich aber ja auch schlecht in meinen Kommentaren transportieren, nicht wahr?

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