Ein Angsthase wächst über sich hinaus, Teil 4

Und mit der Zeit machte es sogar richtig Spaß, sich nochmal einzusauen wie ein Kind.

Zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Die Calderen, die wir langlaufen, sind Krater, die durch Ausbrüche des Vulkans geformt wurden. Der Montagne Pelée ist kein Vulkan, wie man ihn sich klassischer Weise vorstellt, d. h. man schaut nicht in den Krater hinein und sieht Lava.

Die Magma-Kammer des Vulkans ist verstopft. Wenn er ausbricht, bricht er explosionsartig aus, d. h. ganze Vulkanflanken werden regelrecht weggesprengt. Kurz nach einem Ausbruch hatte man den Pelée entdeckt und ihm seinen Namen verpasst (zu Deutsch: „der kahle Berg“).

Den letzten großen Ausbruch gab es 1902. Gemessen an den Menschen, die diesem Vulkan zum Opfer fielen, ist er der verlustreichste Ausbruch des 20. Jahrhunderts. Der Geschichte zufolge überlebte nur ein Mann. Und das, weil er am Abend zuvor betrunken randalierte und in eine Ausnüchterungszelle gesteckt wurde (wobei es hier unterschiedliche Versionen gibt, andere behaupten, er wäre wegen versuchten Mordes eingebuchtet worden). Er überlebte mit schwersten Verbrennungen.

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Die Ausnüchterungszelle, in der der betrunkene Mann den Vulkanausbruch überlebte

Das Überleben dieses Mannes findet man in jeder Geschichte, die vom Vulkanausbruch erzählt wird. Es gibt aber auch andere Geschichten. Die erzählen dann von ein bzw. zwei weiteren Überlebenden. Einem Seemann, der sich eine Stunde vor dem Ausbruch dazu entschied, abzulegen, und einem Mädchen, das zu Beginn des Ausbruchs auf ein kleines Boot flüchtete und noch schnell genug zu einer anderen Stelle der Insel fuhr.

Ganz sicher ist: Der Ausbruch von 1902 hat Saint Pierre, die Stadt, in der wir untergekommen sind, zerstört, und er bildet gleichzeitig den Beginn der modernen Vulkanologie. Man rühmt sich auf Martinique damit, dass der Pelée der am besten überwachte Vulkan der Welt sein soll. Das fand ich äußerst beruhigend, denn der Pelée bricht im Schnitt alle 100 Jahre aus. Er ist also längst überfällig.

Mit unserer Tour begeben wir uns im Grunde auf eine Entdeckungstour durch die Ausbrüche. Besonders schlau wird man aber nicht, denn letztlich sehen alle Calderen gleich aus. Ich könnte nicht mal sagen, welche zuerst entstanden ist.

Da die Calderen Krater sind, geht es nun nicht weiter bergauf, sondern zur Abwechslung mal bergab. Das klingt schöner als es ist. „Runterkommen“ gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen. Letztlich ist in der ersten Caldera zwar alles befestigt, ich kann nirgendwo reinfallen (sondern nur ganz schnell runterkugeln), aber die Steine sind durch die im Vulkan hängenden Wolken nass und glitschig.

Meinen Abstieg der 1. Caldera kann man getrost als „kontrolliertes Runterrutschen“ bezeichnen. Mir war egal, wie ich aussehe und wie sehr meine Klamotten in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich habe mich auf den Hintern gesetzt und bin so Stück für Stück runtergeglitten. Auch durch den Matsch. Und mit der Zeit machte es sogar richtig Spaß, sich nochmal einzusauen wie ein Kind.

Bei diesem Abstieg kamen uns das erste Mal andere Touristen entgegen – ich machte innerlich drei Kreuze, dass das nicht an der Steilwand passiert ist. In den Calderen konnte man sie relativ leicht passieren lassen.

Nach 50 m Abstieg, ging es wieder 50 m bergauf. Kletternd natürlich. Zwischendurch fragte ich nach einer Schmerztablette, denn meine Handgelenke meldeten sich – und ich musste noch mehrere Hundert Meter kontrolliert runterrutschen.

Es ging ein letztes Mal 50 m bergab. Und ein letztes Mal hinauf. Hier gab es allerdings eine kleine Hürde. Denn mitten im Aufstieg stand ich plötzlich vor einer Holzleiter. Erwähnte ich je, dass ich eine ziemliche Abneigung gegen Leitern habe?

Ich wollte meinem Kopf keinen Raum zum Denken geben, also fackelte ich nicht lange und kletterte die Leiter hoch. Oben angekommen musste ich direkt wieder klettern. Ich war heilfroh, dass wir den Weg in diese Richtung gegangen sind. Leitern hochzuklettern, ist kein Spaß für mich. Leitern runterzuklettern, und das, wo man auf dem Po angerutscht kommt, es nichts zum Bremsen gibt und es unter der Leiter auch noch steil weiter bergab geht, hätte ich wirklich nicht besonders einladend gefunden.

Irgendwann hatten wir es aber geschafft, waren durch den letzten Krater geklettert und konnten nun einen großen Bogen um den großen Krater laufen (den kann man sich ungefähr so vorstellen, wie bei einem „klassischen“ Vulkan, nur ohne sichtbare Lava).

„Ab jetzt wird es leicht“, sagte der Liebste.

„Dein Wort in Gottes Ohr.“

„Den Weg hier laufen auch Eltern mit ihren Kindern.“

Der Satz beruhigt mich. Der Rest des Kraterrandes war angenehm zu laufen. Der Weg mal schmaler, mal breiter, manchmal musste man über einen Stein steigen und aufpassen, wo man hintritt, alles in allem erinnerte es aber verglichen mit dem, was ich gerade hinter mir hatte, an einen harmlosen Spaziergang.

„Eine riesige Hürde haben wir aber noch vor uns“, sagte ich zum Liebste.

„Wieso?“

„Weil wir die Steilwand wieder runtermüssen…“

Wieder an dem Punkt vorbei, an dem ich beim Aufstieg Panik bekam.

„Nein, müssen wir nicht“, meinte er.

„Nicht?“

„Nein. Es gibt einen anderen Weg. Ich habe kurz überlegt, ob ich dir beim Aufstieg sagen soll, dass es zwei Wege gibt, einen leichteren und einen schwereren. Hätte ich dir aber die Wahl gelassen, hättest du den leichten genommen.“

Ja, das hätte ich in der Tat.

„Aber wie du siehst, du hast den schweren auch geschafft.“

Er hat recht. Ich bin ein Angsthase und lasse mich von meiner Angst hemmen. Ich wäre den leichten Weg gegangen, ohne den schweren zu versuchen. Einfach, weil ich es mir nicht zugetraut hätte. Dabei konnte ich es. Man kann so vieles. Die Angst beraubt uns der Möglichkeiten, sich als Mensch zu entwickeln, zu entfalten und besser zu werden. Das sollte man eigentlich nicht zulassen.

Nachdem wir um den Krater gelaufen waren, ging es an den Abstieg. Der war nicht anders als die Abstiege in den Calderen, also lautete meine Devise: auf den Po setzen und kontrolliert 800 m runterrutschen. Das klappte auch ziemlich problemlos.

3 Stunden und 34 Minuten, nachdem wir losgegangen sind, kamen wir wieder unten an. 3 Stunden und 34 Minuten, in denen ich so mutig war wie selten in meinem Leben. 3 Stunden und 34 Minuten, die mich ein klein wenig verändert haben.

Ab sofort will ich mutiger sein. Ich kann sowieso nur einmal sterben. Deshalb sprechen wir schon über ein nächstes, mögliches Abenteuer. Backpacking in Asien. Was soll schon schiefgehen?

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7 Gedanken zu “Ein Angsthase wächst über sich hinaus, Teil 4

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