Der Mann mit der kaputten Gitarre

Der Mittwoch war ihr Lieblingstag. An diesem Tag lernte sie ihn kennen. Hier, in dieser urigen, verrauchten Kneipe, in der die Musik genauso echt und leidenschaftlich ist wie die Menschen, die sie spielen. Er stand fast jeden Mittwoch auf der Bühne. Und eigentlich hatte sie nicht geglaubt, dass sie sich jemals mit Haut und Haaren lieben würden, denn sie kamen aus verschiedenen Welten und lebten in einer Zeit, in der die standübergreifende Liebe genauso unwillkommen war wie die Eigenständigkeit der Frau.

Sie war allerdings nicht irgendeine Frau. Sie war keine von denen, die sich beugten und kampflos ihrem vorbestimmten Weg hingaben. Und sie war erst recht keine Frau, die diesem System Dank zollte. Sie war kämpferisch, rebellisch und eigensinnig, aber niemals unüberlegt. Sie wusste, wie sie bekam, was sie wollte, ohne den falschen Menschen auf die Füße zu treten. Und so bekam sie ihre Liebe. Auch wenn sie nicht jeder befürwortete, so wurde sie doch akzeptiert.

Sie kannte Menschen von Rang und Namen, Politiker und einflussreiche Unternehmer. Er war dagegen ein Nichts. Der Mann aus der anderen Schicht, der Musiker, der jeden Mittwochabend in der urigen, verrauchten Kneipe spielt. Der Mann mit der kaputten Gitarre. So sehr er die Musik liebte, so wenig taugte sie zum Broterwerb. Erst recht nicht mehr, nachdem er sie kennengelernt hatte und vom Leben mehr wollte als Zigaretten, Bier und Musik. Kurz nach ihrem Kennenlernen verschaffte sie ihm mit ihren Kontakten einen Job, von dem er leben konnte. Zwar gegen einige Widerstände, letztlich jedoch erfolgreich. Mittwochabends aber blieb er der Musiker. Und sie die Besucherin der urigen, verrauchten Kneipe.

Sie liebten sich gerade zwei Jahre, planten ihre Vermählung, Kinder und den Rest der Zukunft, als man ihn erstmals auf Dienstreise schicken wollte. Irgendwie behagte ihr das nicht, sie hatte ein ungutes Gefühl. Doch diesmal war sie machtlos. Die Menschen von Rang und Namen bestätigten ihr, dass diese Reise unbedingt notwendig sei. Er sei nun mal ein guter Arbeiter, wenn nicht sogar der beste, wäre für das Unternehmen daher sehr wertvoll und könne so auch bald eine höhere Stelle annehmen. Sie glaubte ihnen nicht. Sie glaubte ihnen kein einziges Wort. Und trotzdem nickte sie, denn ihr fehlten die Mittel, diese „Dienstreise“ zu verhindern.

Drei Tage sollte er fort sein. Läppische drei Tage. Nach fünf war er immer noch nicht zu Hause. Nach sechs auch nicht. Nach 47 Tagen erklärte man ihn für tot. Die Menschen von Rang und Namen tischten ihr Geschichten über einen Unfall auf. Sie glaubte ihnen nicht. Schon bevor sie sich widersprochen hatten, glaubte sie ihnen kein einziges Wort. Schwarze Männer, die hart arbeiten konnten, schickte man nicht auf Dienstreise, damit sie bald eine höhere Stelle annehmen konnten. Schwarze Männer, die hart arbeiten konnten, verkaufte man. Und genau deshalb glaubte sie ihnen kein Wort über irgendeinen Unfall. Er war nicht tot. Ganz sicher nicht.

Jeder Versuch, ihn aufzuspüren, lief ins Leere. Die Menschen mit Rang und Namen waren clever. Ausnahmsweise mal cleverer als sie. Ihr ganzes Leben war an diesem Tag schleichend aus den Fugen geraten. Nur der Mittwochabend nicht. An diesem Tag kam sie immer hierher, in diese urige, verrauchte Kneipe mit der echten und leidenschaftlichen Musik. Hierher, an diesen Ort, an den sie laut Stand eigentlich nicht gehörte und an dem sie sich so zu Hause und verstanden fühlte, wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Seit über zwanzig Jahren kam sie jeden Mittwochabend hierher und wünschte sich, dass er, der Mann mit der kaputten Gitarre, einfach auf der Bühne erscheinen und spielen würde, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Als ob Zigaretten, Bier und Musik das einzige wären, das im Leben zählt. Doch er stand nicht dort. Er erschien nie auf der Bühne. Und eigentlich wusste sie das auch vorher.

Sie lebte jeden Mittwochabend in der Erinnerung, denn gegen die Menschen mit Rang und Namen hatte sie einfach keine Chance mehr. Deshalb lernte sie mit den Jahren, ihr Schicksal zu akzeptieren und sich mit den Gedanken an die früheren, besseren Zeiten zu trösten. Jedenfalls bis zu diesem Tag vor drei Monaten, an dem ein paar Menschen mit Rang und Namen entschieden hatten, die Sklaverei zu verbieten. Seitdem war diese urige, verrauchte Kneipe nicht länger ein Ort der Vergangenheit. Sie war ihr Hoffnungsschimmer.

Dieser Text ist im Rahmen des .txt-Projekts erschienen.

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