Verschnaufpause vom Leben

Immer dann, wenn ihr das eigene Leben zu viel wurde, wenn sie nicht mehr wusste, wohin mit ihren Gefühlen, dem Erwartungsdruck und ihrem Seelenschmerz, wenn die Welt mal wieder mehr von ihr wollte, als sie geben konnte oder wenn sie ihr etwas nahm, ohne das ihr Leben sinnlos war, immer dann floh sie hierhin, an diesen Ort, der sie fast unsichtbar machte und still durch fremde, bessere Welten wandeln ließ. Durch Welten, die andere Menschen liebevoll erschaffen hatten und die ihren eigenen Sehnsüchten wenigstens kurz ein warmes Zuhause gaben. Das waren ihre einzigen Momente der Wärme und Geborgenheit, ihr ganz persönlicher Anker, eine Verschnaufpause vom Leben.

Doch diese Momente hat sie nicht mehr. Denn eines beschissenen Tages, nachdem sie sich in der Hoffnung auf eine heilende Auszeit durch den eisigen Schneesturm bis zum Buchladen gekämpft hatte, stand sie vor verschlossener Tür. Nirgendwo brannte auch nur der Hauch eines Lichts. Und ihr dämmerte, hier würde nie wieder ein Licht brennen. Einzig der abgekratzte Schriftzug am Fenster und ein Schaukelstuhl, der einsam in der hintersten Ecke stand, erinnerten noch an den früheren Ort, der sie in schlechten Zeiten so zuverlässig trug.

Die beklemmende Leere des einst warmen Raumes breitete sich kühl in ihrem steifen Körper aus. Hier kam sie her, wenn die Welt mal wieder mehr von ihr wollte, als sie geben konnte. Oder wenn sie ihr etwas nahm, ohne das ihr Leben sinnlos schien. Und jetzt hatte ihr die Welt diesen Ort genommen. Den Ort, der ihr Momente voll von Wärme und Geborgenheit gespendet hatte.

Wie in Trance trat sie den Rückweg an, stapfte apathisch durch die immer höher werdende Schneedecke. Zuhause angekommen griff sie mechanisch in den Schrank, den es in ihrer Wohnung eigentlich nicht geben sollte. Doch sie wollte es so, denn sie empfand diesen Teil ihrer Wohnung als Mahnmal. Deshalb stand auch nur noch eine Flasche Rotwein darin. Sie symbolisierte ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen, ihren persönlichen, täglichen Erfolg.

Aber in diesem Moment fühlte sie sich nicht stark oder erfolgreich. Die Flasche Rotwein war alles, das ihr noch blieb. Sie war jetzt ihr Anker und versprach Momente voll von Wärme und Geborgenheit. Aber keine Verschnaufpause vom Leben.

Der Text entstand im Rahmen des Schreibprojekts bei Textstaub. Er missachtet leider sämtliche Regeln, abgesehen von den drei Worten: Schnee, Buchladen, Rotwein. Das fiel mir aber erst später auf. Mea culpa.

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4 Gedanken zu “Verschnaufpause vom Leben

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