In meiner Heimat bin ich Mensch

Dort, wo ich wohne, ist mein Zuhause. Manche nennen den Ort, an den man zieht, Wahlheimat. Ich habe mir zwar vor über sieben Jahren selbst ausgesucht, hier zu wohnen, und eventuell werde ich das auch noch den Rest meines Lebens tun, aber heimisch fühle ich mich hier nicht.

Mit meiner Heimat verbinde ich andere Dinge. Zum Beispiel den großen Fluss namens Rhein. Einen solchen gibt es hier nicht. Dabei ist Wasser so schön, so wohltuend, so beruhigend. Es ist großartig, am Rhein entlangzulaufen, Menschen und Schiffe zu beobachten, seinen Gedanken vor dieser vertrauten Kulisse nachzuhängen.

Und wenn es mal langweilig wird, das „auf den Rhein Schauen“, dann läuft man ein paar Meter zur längsten Theke der Welt und findet sich inmitten von Menschen wieder, die genauso gleich sind wie du. Und doch anders. Hier kannst du sein, wie du bist und wer du bist. Ob groß, klein, dick, dünn, schön, hässlich, alt, jung, schwarz, weiß, gelb, grün… hier bist du einfach du. Und wenn du möchtest, dann tauchst du in der Anonymität der Großstadt einfach unter. Wenn du das nicht möchtest, kommst du schnell mit jemandem ins Gespräch.

Die Menschen in meiner Heimat sind anders. Sie sind offen und kommunikativ, tolerant und neugierig. Hier ist niemand alleine, der nicht allein sein möchte. Wer sich mit einem Altbier an die Theke setzt, hat wenigstens für diesen Abend einen besten Freund, direkt auf dem Barhocker neben sich. Manchmal weiß man gar nicht, wie der heißt, aber für diesen einen Abend ist er einer der wichtigsten Menschen in deinem Leben.

Das Leben in dieser Stadt ist oberflächlich, genauso wie die Menschen. Damit meine ich keine oberflächlichen Äußerlichkeiten, sondern oberflächliche Kontakte und Begegnungen. Der Typ von gestern Abend hat dich vielleicht heute schon vergessen. Und vielleicht ist er heute Abend der beste Freund von jemand anderem, den er dann morgen wieder vergessen hat.

Ich mag diese Oberflächlichkeit, ja, ich liebe sie geradezu. Ich möchte Menschen kennenlernen, ohne ihnen verpflichtet zu sein, möchte jemanden ansprechen und einen lustigen, kurzen Smalltalk führen. Ich möchte rausgehen können und unter Menschen sein, die so ticken wie ich.

In meiner Wahl“heimat“ gehe ich raus und werde bereits schief angeguckt, wenn ich ein Altbier bestelle. Wage ich es dann noch, mich an die Theke zu setzen und einen wildfremden Menschen anzuquatschen, kann ich froh sein, wenn man mich nicht in die Klapse einliefert. Hier sind sie anders, die Menschen. Sie sind verschlossen, misstrauisch und schlecht gelaunt. Aber sie sind auch tiefgründig. Die Oberflächlichkeit, wie ich sie liebe, gibt es hier nicht. Hier gibt es keine lockeren Kontakte oder Begegnungen, hier gibt es tiefe, verlässliche Freundschaften. Vor allem, wenn man von hier kommt.

Als offene Rheinländerin, kommunikativ und tolerant, findet man meistens irgendwie seinen Draht zu den Menschen. Aber man ist auch immer noch die Fremde, die erstmal um Akzeptanz kämpfen muss. Und dann, wenn du diesen zähen Kampf endlich gewonnen hast, hast du dein Zuhause gefunden. Aber trotzdem keine Heimat. Denn dein Herz gewöhnt sich nie daran, dass du nicht einfach rausgehen und eine von ihnen sein kannst – so wie in deiner Heimat, wo jeder einfach nur Mensch ist und kein Fremder.

LaScotia fragte, wie wir das Thema „Heimat“ behandeln, hinterfragen, definieren….

Advertisements

19 Gedanken zu “In meiner Heimat bin ich Mensch

  1. Ich komme aus Wien und hatte ein sehr nettes Erlebnis in Lübeck:
    Ich ging in eine Kirche hinein und sagte „Grüß Gott“ und eine Dame antwortete mir „Ich komme auch von dort“. Wir kamen so ins Gespräch und sie vermisste auch die Offenheit und Herzlichkeit des Südens. Sie kam vom Oberrhein!

    Gefällt 2 Personen

    1. Wenn ich mal irgendwo dieses „Grüß Gott“ höre, antworte ich meist spontan etwas so intelligentes wie „Mach ich gerne, wenn ich ihn sehe“ oder bevorzugt „soweit bin ich hoffentlich noch nicht“.
      Als Begrüßungsformel finde ich das so unpassend…

      Gefällt mir

      1. In Österreich und im Süden Deutschlands ist das allgemein üblich.
        Uns geht dafür das nördliche „Hallo“ und „Tschüß“ ziemlich auf die Nerven
        Unterschiedlich Kulturen

        Gefällt mir

  2. Interessant…
    Ich als Norddeutsche bin da ja ganz anders gestrickt.
    Abgesehen davon, dass ich mich nie irgendwo an die Theke setzen würde:
    Ich fühle mich sehr unwohl, wenn überall Leute sind, die direkt anfangen, zu interagieren, ob sie sich kennen oder nicht. Ich fühle mich dann wie ein Fremdkörper und bin meistens die Einzige, die schweigt.
    Auch mit dieser Oberflächlichkeit komme ich gar nicht klar. Mich irritiert das sehr. Das kennt man ja: Die Norddeutschen sind erst mal distanziert, aber nach ein paar… Jahren ;) sehr herzlich.
    Komischerweise ändert sich mein Verhalten vollständig, wenn ich im Ausland bin. Ich glaube, es liegt an der Sprache. Wechsel ich die Sprache, wechsel ich auch die kulturellen Gewohnheiten. Und solange ich Deutsch spreche, kann ich eben nicht aus meiner Haut…

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube, man ist da sehr stark von seiner Heimat geprägt. Hier, wo ich wohne (nicht in Norddeutschland), würdest du sicher besser zurechtkommen als ich.

      Ich habe irgendwo mal gelesen, dass sich unsere Persönlichkeit mit der gesprochenen Sprache ändert. Ob das wohl auch schon für Dialekte gilt? ;) (Furchtbar, diese Dialekte.. Hier kannst du einem auch erstmal ein Wörtbuch in die Hand drücken.. Duffel, Schnuck, Lälles, schroa..).

      Gefällt 1 Person

      1. Da bin ich eindeutig ne Bestätigung für die Persönlichkeitsänderung ;)
        Ob das für Dialekte gilt… Im Deutschen habe ich nie einen anderen übernommen, sondern meinen Mitmenschen lieber beigebracht, was feudeln und muksch heißt (ich wohnte auch einige Jahre am Rhein, allerdings südlicher als du).
        Im Französischen wechsel ich schon zwischen québécois und breton… Wenn ich so drüber nachdenke: In Frankreich bin weniger laut und höflicher als in Kanada und ich fluche viiiiiel weniger ;)

        Gefällt 1 Person

  3. Dieses rein oberflächliche ist so überhaupt nicht meins.
    Aber ich denke, ich bin auch nicht verschlossen wie eine Auster.
    Spannendes Thema, wie verschieden Leute in verschiedenen Gegenden und Sprachen so sind.
    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel.
    Liebe Grüße
    Cami 😘

    Gefällt 1 Person

  4. Sehr spannend deine Niederschrift. Und dazu noch ein sehr individuelles Thema. Was dem einen seine Heimat dem anderen sein Zuhause & dem dritten nur Station als Übergang. So lebendig wie der Mensch selbst.

    Gefällt 1 Person

  5. Ach ja, der weltoffene Rheinländer :-).

    Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr sich die Menschen hier, im Schmelztiegel des Dreiecks zwischen Ruhrpott, Niederrhein und Rheinland, auf einem schmalen Streifen von wenigen Kilometern unterscheiden. Nirgendwo merke ich das mehr als in meiner Wahlheimat Duisburg, die rechtsrheinisch im Ruhrgebiet liegt, linksrheinisch zum Niederrhein tendiert und im Süden an Düsseldorf grenzt, wo es viel rheinländischer kaum noch sein kann.

    Die Menschen hier sind mal so, mal so. Manchmal bott, manchmal herzlich. Manchmal offen, manchmal verschlossen. In manchen Momenten angenehm und dann wieder kaum auszustehen.

    Und wo bin ich? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Meine Heimat liegt irgendwo dazwischen, irgendwo in meinem Herzen. Gerne versteckt hinter verschiedenen Entitäten der gleichen Identität. Und so merke ich, dass ich an dem einen Tag eher der Ruhrgebietler bin, als der ich geboren wurde, an manchen Tagen eher der Niederrheiner. Manchmal oberflächlich, manchmal tiefer als tief.

    Ich beneide dich dafür, dass du einen Ort hast, an dem du einfach rausgehen und nur auf Menschen triffst. Wobei…

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe diesen Ort nicht mehr. Jetzt gehe ich raus und treffe Menschen, die alle ihre eigene Suppe kochen, Scheuklappen tragen und sich nicht für die Menschen links und rechts interessieren.
      Aber bald… da geht’s wenigstens für ein Wochenende in die Heimat. An den Ort, den ich eigentlich nicht mehr habe und doch so schmerzlich vermisse. Es muss aber gar nicht unbedingt Düsseldorf sein. Ich wäre vom Gefühl auch hier heimisch, wären die Menschen nicht so… so… eigenbrötlerisch.

      Gefällt 1 Person

      1. Der Ort ist also schon noch da – nur du bist nicht mehr dort.

        Die Menschen, die um dich herum sind, wirst du wohl nicht ändern können, wenn ich jetzt den Dialekt richtig zuordne. Aber wenn man sie zu nehmen weiß, dann können auch sie recht freundlich sein. Nur eben anders als ihr Hallodris vom Rhein ;-).

        Gefällt mir

      2. Das Verhalten der Menschen hier ist kulturell gewachsen und wird über die Generationen weitergetragen. Der Unterschied zu touristischen Großstädten ist schon enorm. Das merkt man auch an solchen „Kleinigkeiten“ wie dem Service. Hier gibt der Kellner dir eher das Gefühl, dass du ihn mit deiner Bestellung belästigst..

        Gefällt 1 Person

      3. Da unterscheidet sich der Kellner bei dir nicht elementar vom „richtigen“ Niederrheiner. Also Niederrhein ganz weit oben.

        Aber ich weiß schon, was du meinst. Je kleiner der Ort wird, desto größer werden die Macken der Menschen. Und umso schwerer ist es auch, sich da einzufügen. Oder die Erlaubnis zu bekommen, es zu tun.

        Gefällt 1 Person

  6. Heimat, eine Herzensangelegenheit…ich bin vor vielen Jahren in die Schweiz „gezügelt“ und fühlte wie Du.
    Doch dann kamen die Menschen dazu, die ich liebe und mag. Ich bin angekommen.
    Der Ort, an dem ich mich aufhalte, ist für mich nie Heimat. Das Heimatgefühl können mir nur die Menschen und die Natur geben.
    Ich wünsche Dir ein baldiges Heimatgefühl.
    Auch dialektsprechende Grummler können irre tolle Menschen sein. 😀

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s