Königin der Analyse

Ohne betrübt, rührselig oder selbstmitleidig zu sein und auch ohne eine pseudo-verlogene „alles ist gut so wie es ist“-Attitüde an den Tag zu legen, kann ich sagen: Wenn ich mein Leben nochmal leben könnte, würde ich einiges anders machen.

Denn ich finde nicht, dass mein Leben gut ist wie es ist. Natürlich, es könnte schlechter sein und klar, ich muss mit dem vorhandenen Material arbeiten. Und sicher, nichts spricht dagegen, dass ich nicht ein glückliches Leben führen kann, aber deshalb muss ich mit dem aktuellen Status quo noch lange nicht einverstanden sein.

Ich bin zum Beispiel nicht damit einverstanden, dass ich krank bin. Aber ich kann es auch nicht ändern. Ich kann die Situation nur nehmen wie sie ist und schauen, was ich daraus mache. Aber es ist trotzdem nicht gut wie es ist. Es ist nur einfach wie es ist. Das muss man nüchtern betrachten und annehmen.

Wenn ich mein Leben jedoch nochmal leben könnte und auch nur den Hauch einer Chance hätte, meine Krankheit gar nicht erst aufkommen zu lassen, ich würde es sofort tun. Ich würde so einiges tun, um gegenwärtige Dinge zu ändern, die ich aktuell nicht mehr ändern kann.

Keiner sagt mir, dass mein Leben dann besser wäre als heute. Vielleicht wäre es sogar schlechter, kann sein. Aber das ändert trotzdem nichts daran, dass ich die Frage, ob ich etwas anders machen würde, heute bejahe.

Ich muss nicht mit dem zufrieden sein, was da ist, nur weil es die Option gibt, dass es schlechter sein könnte. Es gehört auch eine gewisse Reflexion und auch eine Portion Mut und Ehrlichkeit dazu, sich einzugestehen, dass aktuell nicht alles gut und schön ist. Und dass man sich manches anders wünschen würde, der Handlungsspielraum aber nun mal begrenzt ist.

Man arrangiert sich bei vielen Dingen mit der Zeit, findet seinen Weg, akzeptiert und nimmt an. Aber solange dieses „mit der Zeit“ noch nicht fertig ist, hadert man eben auch. Man muss gegenwärtig nicht alles gut und schön finden. Und das tue ich auch nicht. Mein Handlungsspielraum ist begrenzt, und ja, das frustriert mich. Und die blöden Kommentare von links und rechts, die einem etwas von „gestalten“ und „selbst in der Hand haben“ erzählen, wissen nicht, was sie da sagen. Weil sie keine Ahnung haben, was ich ihnen da sage. Sie haben keine Ahnung, mit welchen Ängsten ich kämpfe, welche Perspektiven mir das Leben schwermachen, welchen Kampf ich jeden Tag erneut ausfechten muss. Sie haben nicht den Hauch einer Ahnung, wie begrenzt mein Einfluss ist. Sie wissen nur einfach alles besser – wie viele Menschen eben sind.

Aber diese Menschen sind es auch, die sagen, dass man an der Vergangenheit nicht drehen sollte, dass die Vergangenheit gut ist, denn sie hat einen ja zu dem Menschen gemacht, der man heute ist.

Aber will man unbedingt sein, wer man ist?

Ich wäre gerne ein gesunder Mensch. Deswegen würde ich mein Leben gerne nochmal leben. Wenn ich denn die Möglichkeit hätte… Die Option gibt es aber nicht, ich weiß. Deswegen arbeite ich daran, an diesen Punkt zu kommen, an dem ich wieder sage: „Mein Leben ist schön und gut.“ Ich muss nicht an den Punkt kommen, an dem ich allen Menschen voller Überzeugung erzähle, ich hätte rückblickend nichts anders gemacht. Denn das hätte ich sehr wohl, und zwar in vielen Bereichen. Aber nur weil ich rückblickend etwas anders machen würde, heißt das noch lange nicht, dass mein Leben deshalb schlecht ist oder ich nicht mit der Vergangenheit abschließen könnte.

Eigentlich ist das nur ein weiterer Beweis für eine meiner Top-Fähigkeiten. Falls ihr es nämlich noch nicht wusstet: Ich bin die Königin der Analyse – und ich kann dir ganz genau sagen, warum die Dinge sind wie sie sind und wo sich die Fehler, Knackpunkte und zukünftige Hürden befinden. Das ist manchmal gut, manchmal nicht. Aber es ist eben wie es ist. Genauso wie mein Leben. Das muss man auch einfach mal nüchtern betrachten (dürfen).

Die Gedanken kamen mir, als ich Avas Freitagsgedanken las.

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3 Gedanken zu “Königin der Analyse

  1. „Ich muss nicht mit dem zufrieden sein, was da ist, nur weil es die Option gibt, dass es schlechter sein könnte.“ mir gefällt der ganze beitrag, aber dieser eine satz ganz besonders! drum halte ich echt sehr schlecht leute aus, die mir immer erzählen, dass ALLES wunderbar ist, wenn man alt wird. das nehme ich niemanden ab und nur weil es noch schlimmer wird, wenn ich 80 bin, muss ich jetzt mit ü50 nicht glücklich über gewisse dinge sein, die das altern eben mit sich bringen. klar gibts einiges was gut ist, aber echt fett viel, was mir so absolut nicht taugt! lg rosa

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  2. Wer ist schon gern krank, vor allem: chronisch krank? Ich möchte manchmal Menschen, die sich über Kleinigkeiten stundenlang echauffieren können, rütteln und einen Tag in der Haut (oder den Gelenken, gell…) eines chronisch Kranken stecken und mal gucken, ob es dann noch so tragisch ist, was ihnen den Tag offenbar vermiest hat. Aber weißt Du was? Wir haben alle ein Päckchen zu tragen. Ich hab mir auch nie gewünscht, ein behindertes Kind zu bekommen. Nu hab ich eins -und stellte überrascht fest, dass das Leben nicht aufhörte, sondern immer noch sehr, sehr viel zu bieten hat. Ich darf sogar sagen, dass es reicher wurde, wirklich, und das sage ich nicht durch die rosarote Brille, die manche aufsetzen, bei deren „Mein-Kind-ist-mein-Lehrmeister“-Büchern ich mir schon auf der ersten Seite am liebsten auf die Schuhe otzen möchte. . Andere Menschen, andere Krankheiten, andere Schicksale. selbst die, bei denen zeitweise alles glatt läuft und die wir manchmal insgeheim beneiden, sind irgendwann „dran“…

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  3. Wie schön geschrieben. Wie unaufgeregt. Wo dann doch so viel zähneknirschendes durchscheint.

    Vor kurzem las ich einen Artikel, in dem es im Kern darum ging, dem aktuellen gesellschaftlichen Zwang zur Selbst-Optimierung und der daraus resultierenden Schuldzuweisung auch mal auszuweichen. Man ist nicht immer alles selber schuld, weil man zu wenig dies oder nicht genügend das…. Man darf auch mal den Kopf hängen lassen.

    Ich meine festgestellt zu haben, dass der Zustand „Zufrieden“ hilft.

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