Babys halten ist das neue Bankdrücken

„Möchtest du ihn mal halten?“, fragt mich die Mama von M.E., der vor gerade mal 14 Tagen das Licht der Welt erblickte.

Mir klopft das Herz bis zum Hals. Ich hatte noch nie ein Baby auf dem Arm.

„Mhm, gern“, lächle ich und bin etwas nervös. Ich könnte schwören, mein Puls rast – im Hochbelastungsbereich.

„Welcher ist denn dein starker Arm?“

Wie, mein starker Arm? Was soll das heißen?

„Links“, sage ich so selbstsicher wie möglich.

„Okay“, sagt sie, legt mir den kleinen M.E. in die Arme und fragt, ob ich noch ein Kissen als Stütze bräuchte.

Ich winke ab. Wofür denn?

Oh.. DAFÜR!

Was wiegt der? 100 Kilo? Oder doch schon 150? Ja, ich verstehe die Frage nach meinem starken Arm…

Der erste Schreck darüber, wie unfassbar schwer ein Baby ist, hat sich schnell gelegt, denn ich werde augenblicklich von unglaublicher Ehrfucht übermannt.

In meinen Armen liegt ein winzig kleines Lebewesen. Ein Wunder des Lebens. Ich halte gerade so unfassbar viel Verantwortung und fühle mich unheimlich privilegiert, das tun zu dürfen.

Was ich allerdings nicht mache: ihn betatschen. Ich bewege meine Hand zwar ein wenig am Äußeren der Decke, aber ich berühre ihn nicht. Streichel nicht sein Köpfchen, nicht seine Wange. Niemand hat das Recht, einen anderen Menschen einfach anzufassen. Auch nicht ein Baby. (Und auch nicht den Bauch von Schwangeren.. das muss man wohl vielen sagen. ;-))

Durch M.E. klinke ich mich weitgehend aus dem Gespräch über Jugendfußballvereine und Unternehmensberatungen aus. Ich möchte nicht so viel sprechen, möchte M.E. nicht erschrecken oder aus seinem Schlaf reißen.

Irgendwann öffnet er die Augen. Ich lächle ihn an. Er verzieht das Gesicht. Ich versuche, das nicht allzu persönlich zu nehmen.

„Oh, nein, gleich weint er bestimmt“, dachte ich. „Er öffnet die Augen, erwartet seine Mama und sieht… mich.“

„Keine Sorge, der sieht noch nichts“, versichert mir seine Mama. „Außerdem hast du auch dunkle Haare.“ Das beruhigt mich.

Anderthalb Stunden wiege ich ihn auf meinem Arm hin und her (körperliche Schwestarbeit!). Anderthalb Stunden, in denen mich der Liebste immer wieder anschaut. Panisch? Glücklich? Ich weiß es nicht.

„Möchtest du ihn auch mal halten?“, frage ich ihn.

„Nein, nein. Du bist so in deinem Element, halt du ihn weiter.“

Kurz darauf drängt die Zeit, der Liebste und ich müssen gehen. Ich glaube, M.E. gefällt das nicht. Er macht sich jedenfalls genau in dem Moment in die Hose. Und dann nochmal. Und nochmal. M.E.s Mama verabschiedet sich schonmal zum Windelwechseln. M.E.s Papa bringt uns zur Tür.

„Keine Sorge“, sage ich lächelnd zum Liebsten, als wir wieder im Auto sitzen. „Das war schön, eine tolle Erfahrung, aber keine Glücksgefühlexplosion oder ein will-ich-auch-Moment.“

„Ich mache mir keine Sorgen“, sagte er.

„Du hast mich aber ständig angeschaut und beobachtet, als ich ihn auf dem Arm hatte.“

„Ja. Weil ich immer wieder feststelle, was ich für eine hübsche Freundin habe.“

Und da waren wir auch schon wieder angekommen. In unserem eigenen, kinderfreien Leben.

Die Zeit drängte übrigens, weil der Liebste eine Verabredung zum Golf hatte. Und es ist ja hinlänglich bekannt, was man über Menschen sagt, die Golf spielen….

(Was ich in der Zeit gemacht habe? Richtigen Sport.. ;-))

 

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5 Gedanken zu “Babys halten ist das neue Bankdrücken

  1. An einem Tag, vor vielen, vielen Jahren, besuchte ich eine frisch gebackene Mutter zu Hause. Sie hatte Freundinnen zum Abendessen geladen. Ich war ein wenig früh. Der junge Vater aber freute sich sehr mich zu sehen, drückte mir das kleine Bündel in die Hand und entschwand mit den Worten: „Gut das du da bist, ich muss weg“!
    Da stand ich mitten im Flur und traute mich nicht zu bewegen. Hatte Panik den Wurm fallen zu lassen und wurde auch noch vom Familienhund neugierig umrundet.
    Irgendwie schaffte ich es dann doch auf die Couch, und der Hund auf meinen Schoß. Gefühlte Stunden später befreite mich die junge Mutter. Für den Kleinen war es Zeit für Brust und Bett. Und so übernahm ich es freudig die anderen rein zu lassen und mit Getränken zu versorgen bis das Baby versorgt war.
    Ich weiß wie du dich gefühlt hast ….
    LG
    Wibi

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