Warum ich keine alten Menschen mag

Unfreiwillige Seniorenbetreuung. Freiwillig würde ich mir das nicht antun. Wirklich nicht. Ich kann nämlich nicht gut mit alten Menschen.

Nach einer Stunde unfreiwilliger Seniorenbetreuung möchte ich mich gerne einweisen. Aber erst, nachdem ich der Person, die das zu verantworten hatte, meine ganze Wut entgegengeschleudert habe.

Ich mag alte Menschen nicht. Aber sie mögen mich. So, wie mich alle Menschen mögen, die gehörig einen an der Waffel haben. Weil ich so nett und verständnisvoll bin. Dabei habe ich bloß keine Lust auf Diskussionen und sehne nur ein schnelles Ende des Gesprächs herbei, weshalb ich immer zustimmend nicke und nichts weiter ergänze. Alles Taktik, denn ich kann nicht weglaufen. Aber dummerweise sind es genau jene Menschen, die immun gegen peinliches Schweigen sind und gar nicht merken, dass ich versuche, sie zum Weggehen zu bewegen.

Versteht mich nicht falsch, ich wäre ja durchaus bereit und auch gewillt, mich mit ihnen zu unterhalten – wenn denn mal etwas brauchbares aus ihrem Mund käme. Stattdessen höre ich Dinge wie: „Hach nee. Hach nee. Schlimm. So schlimm. Alles wird schlimm, wenn man alt ist. Alles wird schlimm. Es wird immer alles schlimmer. Da will man gar nicht alt sein. Wenn man das vorher gewusst hätte, wie schlimm das wird.“

Ja, schlimm. Besser, man wäre schon tot. Dann wäre es nicht so schlimm. Vor allem für mich nicht.

Und am liebsten würde ich dir in dein ignorantes Gesicht schleudern, dass du mit deinen über 80 Jahren noch nicht mal Tabletten nimmst, während ich mit meinen noch nicht mal 30 Jahren bereits jeden Tag gegen Rheuma kämpfe. Schlimm, alles wird immer schlimmer.

„Man hat ja auch an nichts mehr Freude. Irgendwann ist die Freude weg. Für immer. Meine Freundinnen erzählen mir, dass sie auch nur noch Lebensmittel kaufen. Wozu soll man auch was anderes kaufen? Man hat ja an nichts mehr Freude.“

Ja. Da ist es gut, wenn man jung ist und sich wenigstens daran erfreuen kann, dass solche Gespräche irgendwann enden. Während du dich darüber freust, mal mit jemandem ein Gespräch zu führen und deine depressiven, lebensverneinenden Empfindungen als Dogma über die ganze Welt legst.

„Es hat ja auch nie einer Zeit zum Reden.“

Oh, soll ich dir sagen, woran das liegt? Daran, dass man mit Menschen wie dir nicht reden will! Du bist nämlich destruktiv und negativ, beklagst dich über alles, echauffierst dich über jeden und wartest däumchendrehend auf den Sensenmann, der noch immer kein Erbarmen mit dir hatte.

Gespräche mit Menschen zu führen, die weder Freude empfinden noch einen Sinn oder Inhalt in ihrem Leben haben, geschweige denn meinen, sie hätten irgendeine Veranwortung für die Gestaltung ihres Lebens, und letztlich nichts anderes tun, als auf den Tod zu warten, finde ich sehr, sehr anstrengend.

Meinetwegen sollen sie so leben. Freudlos, destruktiv, echauffierend und auf den Tod wartend. Aber bitte mit einem Sicherheitsabstand von mindestens 100 m zu mir. Denn ich mag diese alten Menschen nicht.

 

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24 Gedanken zu “Warum ich keine alten Menschen mag

  1. Die Situation kenne ich nur zu gut. Weniger auf alte Menschen bezogen, aber zumindest auf Menschen, die dir ihr gesamten, erbärmliches Leben erzählen müssen. Irgendwie haben die einen Blick für mich oder sie machen das einfach bei jedem und landen dann bei mir. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, da doch sehr direkt zu sein, was dann dummerweise dazu führt, dass ich dafür auch noch gelobt werde bzw. man mir Intelligenz unterstellt. Allerdings hat es wenig mit meiner Intelligenz zu tun, wenn ich direkt sage, warum es ihnen nicht gut geht, denn sie haben es ja zuvor bereits selbst gesagt, ich gebe es lediglich aus meiner Position wieder. Wie dem auch sei, ich verstehe zumindest ein Element der Resignation bei älteren Menschen: Die zunehmende Eingeschränktheit. Wir haben für viele Dinge Hilfsmittel und bedienen uns dieser täglich, so dass wir sehr oft gar nicht merken, wie wenig wir selbst tun müssen. Wenn aber diese Hilfsmittel wegfallen, weil ich sie nicht erkennen oder bedienen kann, dann wird das Leben schwerer. Sich selbst aus der eigenen Unmündigkeit zu befreien ist nicht ganz einfach, eine erste Hilfe ist ein anderer Mensch, der einem zuhört und Kritik äußert. Mache dir klar, dass dies in Ordnung ist. Du wurdest auch nicht um Erlaubnis gefragt, ob du dir das Leid anhören möchtest und damit deine eigene Stimmung verschlechterst und ebenso darfst du auch ganz ungefragt ehrlich sein. Es könnte der anderen Person sogar helfen. ;-)

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      1. Äh, das klang jetzt vielleicht ein wenig falsch. Ich mache aktuell eine Ausbildung, die in der Regel auch stark auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung einwirkt. Das wollte ich dann direkt aktiv zu meinem Vorteil nutzen und bei der Entwicklung kräftig mithelfen. ;-)

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  2. Ich gebe zu, am Anfang habe ich geschluckt. Aber nachdem ich deinen Beitrag komplett gelesen habe, kann ich dir beipflichten und dich verstehen. Mir begegnet ähnliches Verhalten auch hin und wieder. Gerade neulich hatte ich ein Gespräch mit zwei Ü70ern, die mich auf meinen Tablettenkonsum wegen der Depris & Co. ansprachen. Und den dann ein wenig herunterspielten, also so vergleichsweise. Und du hast natürlich eine Erkrankung, die dich zwangsläufig mit Älteren zusammenbringt.

    Schon mal über gute In-Ear-Kopfhörer nachgedacht?

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      1. Was sind denn normale Kopfhörer, die man nicht mehr bekommt? grübel

        Meine Lieblingskopfhörer gibt es auch nicht mehr, seufz. Das waren in gewisser Weise zwar auch In-Ears, aber mit Kopfbügel. Da gab es genau einen (!) Hersteller weltweit. Ist interessant, wenn man im Internet auf Postings in englisch, spanisch, französisch und was weiß ich trifft, die alle fragen, ob es so welche nicht vielleicht doch noch irgendwo gibt *g.

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      2. Ich meine die Kopfhörer, die nicht auch als Wattestäbchen benutzt werden können, also die, die nicht in den Gehörgang reingehen.
        Zu was für einem Problem Kopfhörer werden können. Unglaublich, oder? ;-)

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  3. Oh ja und die netten alten Leute mit den wirklich fiesen Krankheiten lehnen sich entspannt nach hinten, blicken voller Dankbarkeit auf ihr Leben zurück und sterben still und heimlich ohne viel Krawall. Gibt’s auch, aber selten! Die meisten scheinen ab einem gewissen Lebensalter den totalen Tunnelblick zu bekommen…ich, ich, ich…weil, MIR gehts ja sooo schlecht, ich muss jetzt Tabletten nehmen…
    Stimme dir zu. Nur meine Oma ist anders. Die redet immer nur über mein Leben und wie toll sie es findet meine Kinder noch aufwachsen zu sehen☺
    (Was sie alles hat und nimmt, weiß ich bis heute nicht im Detail, da sie das Thema nie zur Sprache bringt)

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  4. Das Jammern scheint den Deutschen in den Genen zu liegen, nicht nur den Alten. Meine Mutter ist über 70, hat zwei künstliche Hüften, Arthrose und ich weiß nicht, was noch. Jammert sie? Nein! Sie rennt zweimal die Woche ins Fitnessstudio, macht Flohmärkte und knutscht mit meinem Vater in der Öffentlichkeit. Wunderbar! Kommentar von der „deutschen“ Öffentlichkeit:“Wie peinlich!“ Pfui Teufel!

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    1. Ich finde es toll, wenn die Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug leben! Ich kenne ältere Menschen, die es genauso handhaben. Mein Vater hat ein deutlich wilderes Leben als ich, ein anderer Bekannter springt mit 77 Jahren in der Karibik rum, geht tauchen, Fische mit der Harpune jagen, Schiffe putzen.. Aber das sind auch die Menschen, die frisch in der Birne bleiben, offen und neugierig, die nicht nur ihre Meinung und die falsche kennen.

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  5. Oh je, du scheinst die falschen alten Leute zu kennen und dann zu pauschalisieren. Es gibt viele alte Menschen, die ihr ganzes Leben lang engagiert waren und sich auch im hohen Alter für mehr als Krankheiten interessieren. Schon mal mit einer Holocaust -Überlebenden gesprochen?
    Genauso, wie es die vielen jungen Menschen gibt, die dir ungefragt alles über Lactoseintoletanz und co erzählen. Zum Glück gibt es aber in allen Altersgruppen interessante, verständige und engagierte Menschen.

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  6. Ich kenne sie auch, diese alten Leute, denen es ja so schlecht geht.
    Bereits mit 17 hatte ich starke Kreislauf- / Stoffwechselprobleme. Da musste ich mir schon anhören das so was in meinem Alter ja gar nicht sein kann. Klar – ich bin auch nur aus Spaß bei der Arbeit umgefallen und habe mich angestellt …
    Eigentlich geht es gar nicht darum wer wie krank ist, sondern darum das man auch die Probleme seines Umfeldes anerkennt, egal wie alt man ist!

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    1. Diese Ignoranz ist in so ziemlich jeder Altersgruppe recht stark vertreten, ist meine Erfahrung. Gerade wenn es z. B. um Depressionen geht, haben nicht wenige die Meinung, man müsste nur mal positiv denken oder den Hintern hochkriegen.

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      1. Oder beim Thema Allergien:
        „Alles Einbildung“ erklärte mir mein Schwiegervater. Also bilde ich mir ein das ich im Sommer früh Morgens wach werde und die Nase läuft. Natürlich auch das ich nach der Einnahme meiner Tabletten problemlos weiter schlafen kann.

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  7. Die Worte sind ganz schön hart, aber ich verstehe dich gut. Mir wird sooo oft gesagt „in deinem Alter da war ich ja noch ganz anders, Blabla“
    Und immerzu rechtfertige ich mich dann, dass und warum ich anders bin. Schön, wenn ihr die Welt bereist habt, ich habe nicht so sehr das Bedürfnis danach. Ich lebe seit xx Jahren mit Depressionen und will trotzdem ein positiv-eingestellter Mensch sein. Das ist Aufregung genug 😀

    Es scheint wohl irgendetwas heilsames zu haben sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem man lamentiert. Allerdings kenne ich da auch wirklich in jeder Alterssparte solche Kandidaten

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