Dein Leben hätte ich gern

„Na, alles gut?“, fragt mich der Trainer, als ich gerade auf dem Laufband walke.

Ich lächle und nicke. Ich habe schon vor einiger Zeit beschlossen, nur noch positiv auf diese Frage zu antworten.

Als ich ihn fragte, ob bei ihm alles gut sei, nickt er ebenfalls. Und fängt dann an zu jammern.

„Ich bin so unmotiviert heute! Kennst du das?“

Ich lächle und nicke. Wer kennt das nicht?

„Dein Leben hätte ich gern.“

Ich lache.

„Ehrlich, ich würde so gerne mit dir tauschen.“

„Nein, glaub mir, das willst du nicht“, sagte ich und zählte in meinem Kopf auf, warum er das nicht wollen würde. Aktuell will wahrscheinlich eher niemand mit mir tauschen:

  • Ich habe einen Job, in dem ich aktuell Überstunden noch und nöcher schiebe.
  • Ich muss gedanklich ständig switchen, von einem Spezialgebiet ins nächste springen und bei allem einen Plan und ein Ziel vor Augen haben, um andere anleiten zu können – doof nur, dass man selbst nicht sicher weiß, wo der Weg hinführt, denn dafür müsste man ihn selbst gehen
  • Ich mache eine berufsbegleitende Ausbildung, die meine Feierabendzeit frisst und mich einmal im Monat ein gesamtes Wochenende in Beschlag nimmt
  • Ich habe seit etlichen Wochen dauerhaft anspruchsvolle Abschlussarbeiten zur Korrektur in der Pipeline – und es ist kein Ende in Sicht
  • Ich habe ein fettes Projekt vor der Brust, in dem ich hart gegen Deadlines arbeite
  • Ich habe eine Beziehung, die alles erstaunlich gut wuppt – aber das tut sie auch nicht von alleine
  • Ich muss verschiedene zwischenmenschliche Befindlichkeiten klären, damit die o. g. Dinge wenigstens halbwegs reibungslos laufen
  • Außerdem kommt mein Auto nur durch den TÜV, wenn ich eine Investition in Höhe meines Brutto-Monatslohn tätige – halleluja, da kommt Freude auf

„Doch, ich will wirklich mit dir tauschen“, bestätigt er. „Du bist immer die Ruhe selbst, du hast immer gute Laune, bist immer für einen Plausch da, immer ein Lachen auf den Lippen…“

„Vielleicht ja nur hier“, sage ich und lächle.

„Ach, das glaube ich nicht“, sagt er und geht.

Ich dachte noch länger über seine Worte nach. Und als ich zu Hause war, fiel mir auf, dass mir alles mögliche durch den Kopf ging, warum er wohl eher nicht mit mir tauschen will. Aber ans Rheuma habe ich dabei nicht eine Sekunde gedacht.

Wow, ich mache Fortschritte. Zwar kleine, aber immerhin.

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15 Gedanken zu “Dein Leben hätte ich gern

  1. Wirklich wow! Und ich dachte immer, mir geht es dreckig.

    Aber mir geht es in einer Angelegenheit definitiv besser als dir: ich habe kein Auto! :)

    (Und, zum Glück, auch kein Rheuma, aber ich glaube trotzdem nicht, dass du deswegen mit mir tauschen wollen würdest ;) )

    Ich bewundere, wie du das alles wuppst! Ich würde durchdrehen. Tu ich schon so :)

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    1. Ich glaube, alle Menschen haben ihre Päckchen zu tragen und ihre Kämpfe auszufechten. Nur nicht in der gleichen Intensität.

      Ich war mir bisher nie so sicher, ob deine Texte literarischer oder biografischer Natur sind. Das ist teilweise sehr heftig. Deswegen wusste ich dazu auch nie was zu kommentieren und liken fand ich unangebracht. Mir fehlen die Worte.

      Gefällt 3 Personen

      1. Nun, ich möchte es so formulieren: ich schreibe unter anderem aus therapeutischen Gründen :)

        Ohne die Schreiberei würde ich vermutlich ex- oder implodieren. Und ich bemühe mich, jeder Episode meines Lebens etwas Positives abzugewinnen, auch wenn es anderen Menschen absurd vorkommt, dass man nach einem psychischen Totalabsturz darüber Witzchen reißt oder einen flapsigen Spruch macht.

        Ich finde mein Leben selbst gar nicht so schlimm. Ja, doch, isoliert betrachtet schon, aber wenn ich mir so manche andere Schicksale in einigen Blogs angucke, muss ich sagen, „läuft bei mir doch ziemlich gut“. Ich habe mein Gewicht wieder halbwegs im Griff, denke nicht mehr jeden Tag über das Ende meines Lebens nach, Studium und Beruf laufen auch prima (wirklich!), meine Eltern und meine Freundinnen sind sensationell für meine psychische Stabilität und mein Wohlbefinden (denen kann ich nie im Leben genug danken, auch wenn ich 100 Jahre alt werden sollte!). Insofern: eigentlich alles schick :) Ich darf halt nur nicht auf meinen Balkon gehen, wenn ich schlecht drauf bin. Oder über eine Brücke.

        Liken finde ich trotzdem okay, denn ich sehe „liken“ nicht als „hey, das ist aber eine lustige Geschichte!“, sondern eher als „hey, das hat mich berührt“. Deswegen like ich auch Beiträge bei anderen, die inhaltlich eher erschütternd oder negativ sind.

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  2. Das, was die anderen in einem sehen, muss man ja nicht 100prozentig glauben. Aber wenn man den Eindruck hat, dass der / die andere nicht lügt, muss was dran sein.
    Wenn ich Deine Liste lese … alle Achtung! Woher die Energie?

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    1. Das, was man in sich selber sieht, stimmt definitiv auch nicht zu 100 %, wahrscheinlich nicht mal annähernd. Aber ich habe mich durchaus darüber gefreut, wie er mich wahrnimmt. :-) Und irgendwo ist vermutlich jede Wahrheit richtig, nur eben aus der jeweiligen Perspektive.

      Keine Ahnung, woher die Energie kommt. Ich schätze aus den Zielen, die ich vor Augen habe. Durch täglichen Sport habe ich einen guten Ausgleich (allerdings auf der anderen Seite viel zu wenig Sozialleben – irgendwas leidet einfach immer).

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  3. Ich differenziere mal die Aussage deines Fitnesstrainers ein wenig. Ich weiß zwar nicht, ob er es so gemeint hat, aber so würde die Formulierung von meiner Seite aus lauten:

    Ich will nicht dein Leben haben, aber deine Art, mit seinen Widrigkeiten umzugehen.

    Ich glaube, das passt auch zu seiner Aufzählung.

    Aber dass du jetzt erst merkst, Fortschritte zu machen… Und dann nur „kleine“…

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      1. Das ist mir schon bewusst, auch wenn ich den Hinweis auf den letzten Satz nicht verstehe. Denn wenn ich davon ausgehe, dass du uns hier keine Unwahrheiten erzählst (was ich nicht glaube), dann erkenne ich durchaus größere Fortschritte als „kleine“.

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      2. Und die Wahrheit ist, die Akzeptanz ist noch nicht weit. ;-) Deswegen war mir wichtig, den Fortschritt zu würdigen, auch wenn er klein ist. Aber es geht voran, das ist das wichtigste. Dennoch: Lieben Dank! Mir ist es ganz recht, dass es auf Außenstehende so wirkt… ;-)

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  4. Hm, also ich sehe das als Kompliment. Du wirkst souverän und es gibt Leute, die deine Art toll finden. Also schon mal als Erfolg verbuchen.

    Was in dir drin abgeht… da zitiere ich dich selbst:

    Ich glaube, alle Menschen haben ihre Päckchen zu tragen und ihre Kämpfe auszufechten.

    So ist es. Jeder hat Probleme, manche akut und finanziell (Auto), andere zeitlich (Überstunden, Ausbildung, …), oder eben geistig (Taskswitching, Beziehung, …).

    Ich habe keine Lösung dafür. Die hat niemand außer du selbst. Aber um nicht nur neunmalkluge Sprüche zu klopfen, kann ich dir ja sagen, wie ich das mache, um nicht mehr den Kopf voll zu haben. Ich habe mir das von „einfachen“ Menschen abgeschaut, die scheinbar viel glücklicher durchs Leben gehen als ich: Ich lebe einfach in den Tag hinein und kümmere mich erst um die Probleme Herausforderungen, wenn sie tatsächlich anfallen.
    Nein, nicht ganz so kurzsichtig natürlich: Ich habe alle Dinge einzeln auf einen Viertel Notizzettel aufgeschrieben und an einer Pinnwand mit Eisenhower-Matrix hängen. Alleine schon das Aufschreiben und Hinhängen führt bei mir dazu, dass ein großer Ballast abfällt, da ich nun nicht mehr ständig daran denken muss und es „auf keinen Fall vergessen darf“.
    Dann füge ich mir auch Einträge in den Kalender ein, in denen ich mich ganz klar um solche Dinge kümmere. Mittwoch Abend ist nun mal immer eine halbe Stunde für Aktivität X eingeplant, daher juckt mich das auch nicht mehr wirklich.

    Das hilft mir natürlich nur bei den zeitlichen Herausforderungen. Aber da bleibt mir trotzdem gefühlt mehr Zeit übrig für Zwischenmenschliches oder geistig fordernde Tätigkeiten (die ich übrigens tatsächlich als Herausforderung und Kompliment an meine Fähigkeiten sehe – sonst hätte ich den Job ja nicht).

    Und zu deinen Bedenken: Irgendeiner muss ja vorangehen mit einem Plan. Und wenn du doch eine schlechte Entscheidung triffst, musst du sie eben gut korrigieren. Es zeigt dir keiner sicheres Fahrwasser in unbekannten Gewässern. Ich finde dazu das Zitat von Jeff Bezos (Chief Justice von Amazon) ziemlich inspirierend:

    „Most decisions should probably be made with somewhere around 70% of the information you wish you had. If you wait for 90%, in most cases, you’re probably being slow. Plus, either way, you need to be good at quickly recognizing and correcting bad decisions. If you’re good at course correcting, being wrong may be less costly than you think, whereas being slow is going to be expensive for sure.“

    Das lässt sich auch gut auf andere Bereiche anwenden.

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    1. Da musste ich doch gerade erstmal die Eisenhower-Matrix googlen… Ein wenig nach dem Prinzip: „Das Wichtige zuerst, das weniger Wichtige gar nicht.“ :-) Ich glaube, das Eisenhower-Prinzip male ich mir auf der Arbeit mal an mein Whiteboard und teste es. :-) Könnte mich eventuell von den etlichen To-do-Zetteln befreien.

      Aktuell ballt sich bei mir so viel, weil ich Dinge so strukturiere, dass sie mir in Zukunft keine Zeit mehr wegfressen. Aber das ist Arbeit, die eben einmal erledigt werden muss. Theoretisch könnte ich die Arbeit auch nach hinten verschieben, aber jetzt profitiere ich noch an einer anderen Stelle davon. Zum anderen Zeitpunkt nicht mehr. Auch wenn es nicht so wirkt, aber was ich tue, ist inhaltlich ziemlich effizient. Nur eben auch sehr viel.

      Grundsätzlich bin ich aber auch ein Fan von Struktur. Zu dem Zeitpunkt dies, zum anderen Zeitpunkt das. So mache ich das vereinzelt. Aber man könnte es durchaus konsequenter betreiben (auch bezogen auf die Freizeit – man neigt ja nun mal leider dazu, bei den ausbalancierenden Faktoren Zeit wegzustreichen, wenn sich an anderer Stelle die Arbeit türmt).

      Danke für deinen Kommentar, ich konnte da durchaus ein paar Impulse und Anregungen entdecken, die ich mal ausprobiere.

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  5. Ich hatte einen Job, in dem ich Überstunden noch und nöcher schob.
    Ich musste gedanklich ständig switchen, von einem Spezialgebiet ins nächste springen …

    Nach drei Jahren habe ich mich selbstständig gemacht. Fragen? :-)

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