Mit Verlaub

Guten Tag Herr Trittin,

normalerweise beginne ich Briefe anders. Mit „Lieber“ oder „Sehr geehrter“. Aber von Sympathie und Ehre kann hier keine Rede sein. Das haben Sie gestern bei Anne Will nochmal eindrucksvoll bestätigt. Es tat schon fast körperlich weh, Ihre Ausführungen zu ertragen. Ich möchte Ihnen dazu gerne etwas sagen, so als normale Bürgerin aus der Mitte der Gesellschaft. Da Sie meinen Brief aber vermutlich nicht mal lesen würden, wenn ich ihn tatsächlich an Sie schicke, schreibe ich ihn für alle anderen. Eigentlich auch für Sie, aber was der Bürger denkt, das ist Ihnen ja ohenhin egal.

Sie und Ihre Grünen sind von den Bürgern in NRW abgewählt worden. Das war deutlich. Die Interpretationen der Grünen lauten so: Der Bürger ist von den Inhalten überfordert. Der Bürger versteht unsere Inhalte nicht. Der Bürger ist dumm. Gut, Letzteres hat niemand direkt gesagt, aber das schwang durchaus bei einigen Interviews mit. Die Option, dass Sie es nicht geschafft haben, Inhalte zu vermitteln, wurde kaum in Betracht gezogen. Die Option, dass Ihre Inhalte den Wähler überhaupt nicht ansprechen, wurde gar nicht in Betracht gezogen. Über die Option, dass man Sie abgewählt hat, weil die Bürger unzufrieden mit Ihrer Arbeit sind, haben Sie wahrscheinlich noch keine Sekunde nachgedacht.

Sie denken nämlich leider die ganze Zeit nur an Macht. Deshalb erklärten Sie Herrn Kubicki, der ja auch einer kleinen Partei angehört, Folgendes, das er gar nicht hören wollte: Sie als kleine Partei müssten ja dafür sorgen, dass die Macht der großen Parteien begrenzt werden würde. Also würden Sie es als kleine Partei so machen: Die Partei, die die meisten Prozente hat, ist uninteressant. Man stürzt sich auf die mit den zweitmeisten Prozenten und schaut, dass man da möglichst viel vom Kuchen abbekommt. So wäre Realpolitik.

Mit Verlaub, Herr Trittin, für solche Kommentare möchte ich Sie sofort aller politischen Ämter entheben. Denn mit solchen Kommentaren treten Sie die Demokratie mit Füßen. Sie akzeptieren nicht, dass die Partei, die die meisten Stimmen erhalten hat, die Partei ist, der die Bürger den Regierungsauftrag erteilt haben. Sie missachten den Willen der Wähler und schauen, wie Sie selbst möglicht viel vom Kuchen abbekommen. Dass der Wähler Sie mit Ihrer Politik abgewählt hat, ist Ihnen, erneut mit Verlaub, scheißegal.

Und genau das, Herr Trittin, ist einer der Gründe dafür, warum man Sie abgewählt hat. Weil Sie machtgeil sind, und Ihnen der Wille des Wählers so egal ist wie der umgefallene Sack Reis.

Die nächste Quittung dafür kommt dann im September.

Gruß, Jule

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11 Gedanken zu “Mit Verlaub

  1. Ich stimme dir vollauf zu, dass dieses „Statement“ von Herrn Trittin mehr als nur verstörend ist. In einem muss ich ihm jedoch leider Recht geben: Realpolitik sieht manchmal leider genau so aus und da ist dann auch der Wählerwille allen beteiligten Parteien egal. Wenn es die Linken doch in den Landtag geschafft hätten, dann wäre es in NRW zwangsläufig auf die Große Koalition hinausgelaufen, weil die FDP und die Grünen sich gegenseitig nicht einmal die Luft zum Atmen gönnen. Als Folge hätten dann die Nasen der gerade abgewählten SPD doch wieder mit in der Regierung gesessen, weil – behaupte ich einfach mal – weder Schwarz noch Rot den Mumm oder die Ehre gehabt hätten zu sagen: »Das wollte der Wähler nicht mehr haben.«

    Gut, das wäre dann zur Person weder eine Frau Kraft noch ein Herr Jäger gewesen (der die Wahl, nach meiner Überzeugung, im Alleingang verloren hat). Aber wie gut können schon die Gesichter dahinter sein, wenn trotz aller Böcke der letzten zwei Legislaturperioden nichts Nennenswertes von denen nachkam oder auch nur zu sehen war?

    Was mich bei den Damen und Herren in Berlin von allem am meisten irritiert ist, wie sie jetzt mit den Fingern auf die Kollegen in den Ländern zeigen und sagen: »Die haben die Fehler gemacht! Das war deren Politik!«

    Dieses in den Rücken fallen finde ich noch viel bedenklicher und beschämender als den Machtwillen von Politikern vom Schlage eines Jürgen Trittin. Denn, ganz ehrlich, in dieser Beziehung habe ich nichts anderes erwartet. Tue ich bei keinem Spitzenpolitiker. Die Form, die diese Äußerungen annimmt, ist allerdings, ich wiederhole mich, verstörend. So, als ob man den Bürger inzwischen für so doof halten würde, dass er überhaupt nicht mehr mitbekommt, wie er von allen Seiten gleichzeitig über alle zur Verfügung stehenden Tische gezogen werden soll.

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    1. Ich stimme DIR zu, Realpolitik sieht oft anders aus. Aber es liegt an den Politikern, die das politische Geschehen aktiv gestalten können, etwas anderes zu tun. Deshalb kann ich einem Politiker, der die Schultern zuckt und meint: „So läuft das Spiel nun mal!“, nicht annähernd zustimmen.

      Ich glaube auch nicht, dass es zwangsläufig auf eine GroKo hinausgelaufen wäre. Auch die Bildung einer Minderheitsregierung wäre möglich gewesen. Und die klare Linie der FDP gefällt mir gut, auch wenn sie die Regierungsbildung in mancher Hinsicht erschweren mag. Aber hier weiß der Wähler, was er „einkauft“.

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  2. Du hast Recht! Furchtbar. Die Grünen sind aber vor allem deshalb abgewatscht worden, weil Sylvia Löhrmann eine absolut verantwortungslose Schulpolitik betrieben hat. Inklusion schön und gut, aber die Abschaffung der Förderschulen war definitiv ein Schritt in die falsche Richtung. Und da Lehrer zu der bevorzugten Wähler-Klientel der Grünen gehören, haben die diese Schulpolitik abgewählt. Ich bin naturgemäß eine glühende Verfechterin der Inklusion – wenn man es denn richtig angeht. Und nein; Mimi wird nicht auf ein Gymnasium gehen, egal, ob G8 oder G9.

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  3. Ach die kommen sicher wieder, Frau Kraft, Frau Löhrmann und Herr Jäger, so als unverstandene Retter der Nation.

    Was die Grünen mit ihrer Bevormundungspolitik aber noch gar nicht bemerken (oder es wird halt verschwiegen), sie sind wahrscheinlich bald Geschichte! Sie haben nämlich in Ostdeutschland eine geringe Akzeptanz was im Bundesdurchschnitt unter Berücksichtigung des NRW Ergebnisses nicht mehr für den Bundestag reichen wird. Insofern wirst du Tritin bald nicht mehr begegnen.

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  4. Viele aus meiner alten NRW Clique waren früher für die GRÜNEN. Nicht immer aus Überzeugung, LGBT war der zentrale Punkt. Aber die immer wirrer werdenden Auftritte einer Frau Roth, Künast, Peter, Göring-Eckardt, haben sie fast alle in neue Arme getrieben.

    Die Generation um Trittin hat fertig, hängt aber noch eng in den Netzwerken der Macht. Siehe Joschka Fischer. Leider sind die Nachrücker bei den GRÜNEN schon jetzt so verwirrt, dass sie für mich unwählbar sind. Das kommt davon, wenn sich UmweltaktivistInnen mit MarxistInnen verbünden.

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    1. Wenn sie Robert Habeck als Spitzenmann aufgestellt hätten, wäre ich ziemlich offen für das gewesen, was die Grünen im Wahlkampf anbieten. Aber dieses Gegeiere nach der Macht finde ich absolut abstoßend.

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    2. Ja, ich denke auch, die machen einfach zu wenig Klientelpolitik inzwischen. Sie hätten schon Themen, aber die werfen sie halt bedingungslos hin und her, sodass sie nicht mehr erkennbar sind.

      Ich kenne auch einige deren Wähler, die heute sagen, Appelle an die Compliance ja, aber Bevormundungen nein, das wollen sie nicht. Und sich damit von den Grünen abgewandt haben. Es wäre nun eine spannende Frage, wo sie jetzt sind.

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      1. Ich denke, es war eine klassische Abwahl. Kraft und Konsorten waren einfach nicht mehr gewollt.

        Sprich es war keine Wahl zugunsten der CDU oder der FDP, sondern es war eine Wahlentscheidung zulasten der SPD. Aus den bekannten Gründen wollte man Kraft, ihre Bildungsministerin und ihren Justizminister nicht mehr haben.

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