Zerstückelt im Industriegebiet

Es ist kurz vor halb sechs, als ich an der Immobilie ankomme. Die Firma unter uns hat bereits Feierabend, die anderen Mietparteien fangen gerade erst an. Sie machen Musik. Oder hacken. Oder schrauben. Oder beten. Manche wohnen hier auch. Multikulti im Industriegebiet.

Mit dem Liebsten und einem zukünftigen Mitarbeiter im Schlepptau marschiere ich durchs spartanische Treppenhaus bis zur schweren Tür mit dem Rote-Kreuz-Aufkleber – nur einer von zwei Eingängen. Der eine ist repräsentativ, der andere ehrlich. Wir bevorzugen den ehrlichen.

Als ich die Büroräumlichkeiten betrete, bin ich fasziniert. Das erste Mal stand ich vor genau einer Woche hier. Und das erste Mal sah alles anders aus. Es gab noch Wände. Und einen Fußboden. Jetzt gibt es nur noch einen großen Raum, quasi auf Werkseinstellungen zurückgesetzt. Es soll schön werden. Modern, aber bodenständig.

Unser Vermieter meinte vor einer Woche, sobald wir ihm sagen, dass wir die Immobilie nehmen, würde er anfangen alles rauszureißen. Wir entschieden uns noch am selben Abend dafür. Er hielt sein Wort. Und wir werden unseres halten. Ehrliche Kaufleute können auch Handschlaggeschäfte machen. Wir sind wirklich beeindruckt und fühlen uns pudelwohl.

Hinter der Immobilie fließt der städische Fluss – noch etwas wild, aber in naher Zukunft mit Fußweg und Brücke. Die Stadt hat einiges vor. Das Viertel hier macht sich, es hat definitiv das Zeug zum Szeneviertel. Aber das war nicht der Grund, warum wir diese Immobilie wollten. Es ist die Ehrlichkeit, die Wellenlänge, der Kontrast. Das rockt einfach. In so vielen Ecken krankt es an Gemeinschaft, und hier kommt alles friedlich und wertschätzend zusammen.

„Siehst du die Schienen dort?“, frage ich unseren zukünftigen Mitarbeiter. Er nickt. „Da fährt nicht die normale Bahn, sondern der Arbeitswagen der Bahn.“ In dem Moment fällt ein großer Ast auf die Gleisen. „Oha, das kann ja gleich spannend werden“, sage ich. Irgendwann kommt er dann auch, der Arbeitswagen. Und fährt über den großen Ast, als ob er ein Stück Pappe wäre.

Wenige Minuten später trifft ein Polizeiwagen ein. Ups, doch ein Brennpunkt? Zwei Anwohner zeigen auf die Schienen, die ungefähr in 4 m Höhe liegen. Es geht wohl um den Ast. Gleich drei Polizisten, nämlich alle, zeigen engagiert, dass sich die Mühe für das Sportabzeichen gelohnt hat und klettern die Mauer zu den Schienen hoch. Respekt, denke ich. Sie gucken, sehen den Ast und klettern dann wieder runter. Er wird wohl sich selbst überlassen. Zerstückelt im Industriegebiet, nahe eines Schlachthofes. Wenn das mal keine Story für einen Krimi ist.

Die Polizei fährt wieder. Dafür kommt nun eine Gruppe cooler Jungs. Mit einer Kamera bewaffnet, klettern sie die Mauer zu den Schienen hoch. Wenig später dröhnt Hip Hop aus den Boxen. Einer der Typen filmt. Ein anderer tanzt und rappt. Die übrigen drei sind gelangweilt. Ich grinse und muss kurz an Grup Tekkan denken. Vielleicht wird’s ja was. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Sie ist wichtig. Und einer der Gründe, warum wir unseren zukünftigen Mitarbeiter im Schlepptau haben.

„Gefällt’s dir?“ Er nickt. Hinten in der Ecke, da wird sein Büro sein, beschließen wir. Mit ausreichend Platz für eine Hilfskraft. Er sieht zufrieden aus. Wir auch. Denn das, was hier Formen annimmt, ist die Zukunft.

 

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3 Gedanken zu “Zerstückelt im Industriegebiet

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