Kein Mensch auf dieser Welt nennt mich Jule

Man könnte mich schon fast als kleine Datenhure bezeichnen. Das Netz weiß wahrscheinlich mehr über mich als meine Mutter. Und oft verstehe ich nicht, warum das so ein Drama sein soll. Ich finde es ziemlich komfortabel, auf Basis meiner Käufe Buchvorschläge von Amazon zu bekommen. Oder Empfehlungen von Netflix. Oder Informationen über Rabatt-Aktionen. Und ja, selbst die personalisierte Werbung freut mich oft.

Manipulation!, werden manche schreien. Gewiss, ja. Irgendwie schon. In etwa so, wie wenn man den Fernseher einschaltet und sich die Mistwerbung reinzieht. Die meiste Kohle dafür gibt übrigens die Süßigkeitenindustrie aus. Vitamine und naschen. Die zweitmeiste die Milchindustrie. Um uns davon zu überzeugen, Milch sei gesund, mache dich groß und stark. Und jeder weiß, zu einem gesunden Leben gehört Milch. Man muss es nur oft genug wiederholen, schon wird es normal. Und irgendwann verschwindet dann auch die Datenangst.

Durch Datenmanipulation in den Tod getrieben

Kürzlich las ich Zero von Marc Elsberg, einen Thriller über die Möglichkeiten der Manipulation durch Daten. Sie wissen, was du tust. Und wer du bist. Und wie du tickst. Und deswegen können sie dich mit dem Wissen um deine Daten und ihrer geschickten Kombination bis in den Tod treiben. „Wer nichts zu verbergen hat, hat jede Menge zu befürchten“, sagt der Autor in einem Interview.

Das Buch regt ohne Zweifel zum Nachdenken an. Elsberg beschreibt eine Situation, wie sie tatsächlich stattfinden könnte, ohne auch nur eine Sekunde den Zeigefinger zu heben. Er zeigt lediglich die Möglichkeiten auf. (Und verschenkt dann doch das dramatische Ende, das uns vielleicht zu mehr Achtsamkeit mit unseren Daten erzieht.)

Mediales Urvertrauen

Ich schätze die Möglichkeiten, die uns das Netz gibt sehr. Die Verbundenheit mit der Welt, die gefühlte Nähe mit dem Ende der Welt, das Interagieren mit Gleichgesinnten oder Debattieren mit Andersgesinnten, das Teilhaben am Leben anderer und das Teilen von Erlebnissen und Momenten, das Stöbern, Informieren und Durchkämmen von Themen und Anliegen. All das mag ich. So wie viele meiner Generation. Aber es gibt auch Grenzen.

Niemand weiß zum Beispiel, wie der Liebste aussieht. Die meisten Facebookkontakte wissen wahrscheinlich nicht mal, dass ich in einer Beziehung bin. Denn so sehr ich mich über die Verbindung mit der Welt freue, so sehr respektiere ich auch, dass es Menschen gibt, die einen anderen Umgang mit dem Netz pflegen.

Ich glaube nicht, dass es richtig oder falsch gibt. Kein „so sollte“ oder „so müsste“. Nur ein „so mache ich es“. Und „so fühle ich mich wohl“. Das ist mein Weg. Und nicht deiner. Und deiner ist nicht meiner. Und das ist okay. Die eigene Freiheit hört da auf, wo die eines anderen anfängt. Deswegen heißt der Liebste Liebste und ich Jule.

Aber kein Mensch auf dieser Welt nennt mich Jule. Nur das Netz.

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11 Gedanken zu “Kein Mensch auf dieser Welt nennt mich Jule

  1. Solange Daten nicht verfälscht oder falsche Schlüsse daraus gezogen werden könnte es wirklich egal sein was Facebook, Amazon und Co. so sammeln.
    Beim G8-Gipfel in Hamburg wurden ein paar Journalisten die Akkreditierung entzogen weil das BKA falsche Daten gespeichert hatte,
    1972, wären der RAF-Fahndung, wurde in Stuttgart (Asemwald) ein völlig unbeteiligter von der Polizei in seiner Wohnung erschossen – weil die Behörden von falschen Daten ausgingen.
    2005 hat die Londoner Polizei einen völlig unschuldigen nach dem U-Bahn-Attentat erschossen „weil der einen gehetzten Blick hatte“
    Es wurde bekannt, dass der NSA Daten von sozialen Netzwerken anzapft und schon einige Deutsche auf US-Flughäfen die Einreise verweigert wurde wegen FB-Einträgen.
    Eine amerkanische Saugroboter-Firma verkauft die Wohnungsdaten (die der Roboter ermittelt und an den Hersteller weitergeleitet hat ohne dass der Kunde das wusste) an Amazon.
    Durch die Sammelwut und der daraus resultierenden personalisierten Werbung etc. besteht die Gefahr, dass ich andere Dinge und Nachrichten überhaupt nicht mehr sehe.
    Zur Zeit gibt es Streit, wem die von Fahrzeugen gespeicherten Daten gehören: dem Eigentümer des Fahrzeuges oder dem Hersteller. BMW war Vorreiter, die bekommen ALLE Daten aus dem Fahrzeug übermittelt.
    Wichtig ist deshalb, dass die Verursacher von Daten auch wissen, was mit ihren Daten passiert. Und das Recht bekommen müssen, eine Übermittlung zu Verhindern (ich möchte kein Auto das meine Bewegungsdaten und meine Fahrweise and en Hersteller übermittelt).

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    1. Bei Daten, die man nicht bewusst freigibt, sondern die unwissend genutzt, weiterverarbeitet und weitergeleitet werden, ist die Angelegenheit deutlich delikater. Wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich auf irgendeine Art zu verwehren, ist das meiner Meinung nach ein Eingriff in die persönliche Freiheit.

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  2. Ich lasse jetzt mal das Thema der unbewusst und unwissend genutzten Daten beiseite und unterstreiche dick, was du gesagt hast: Es ist einfach unglaublich komfortabel, wenn ich in Google Maps eine Route suche und das Ding weiß, wo ich zuletzt hingefahren bin. Und ich habe auch ein ähnliches Verhältnis zu Werbung und Co. Ich habe eine Mailadresse, auf der ich all dieses Zeug bündle. Die hat in der Adresse die Zahl 24, weil ich so alt war, als ich sie anlegte. Heute bin ich 42. Und bis jetzt kommt da nicht so viel Spam an, dass ich sie hätte stilllegen müssen.

    Und ja, jeder muss da seinen Weg finden. Das muss nicht immer der direkte sein. Darum brauchte ich auch mehrere „Anläufe“, um irgendwann bei meinem jetzigen Namen zu landen. Und das ist okay so. Nicht wahr, liebe Schnipsel? :-)

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  3. Ich hatte neulich auch grade ein ähnliches Buch zu fassen: Netzkind von Jens Eckhardt. War echt interessant und auch etwas ängstigend.
    Ich bin vielleicht auch zu offen in manchen Dingen. Eben, es ist praktisch. Dennoch erstaunt mich einiges. So hatte ich im Urlaub mal einige Dinge ergoogelt, auf dem Rückweg jedoch mein Handy im Auto der Schwester vergessen (so dass es auch nicht mit meinem WLAN in Kontakt kam). Trotzdem erschlug mich mein PC sofort mit Werbung für eben dieses Ding, was ich eine Woche zuvor in einem anderen Land suchte. Das, gebe ich zu, hat mein Netzverhalten etwas geändert.
    Btw… Paula nennt mich auch niemand 😂

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  4. Das Internet ist Fluch und Segen zugleich!
    Ich sehne mich nicht nach der Zeit zurück, wo wir 3 x wöchentlich von Münster nach Düsseldorf gefahren sind, um eine günstige Lastminute Reise zu ergattern.
    Ich genieße es, einen Taschencomputer in Form meines Handys überall hin mit nehmen zu können und bei Bedarf zu nutzen, z.B. wann und wo fährt der nächste Bus, wo ist ein freies Parkhaus usw.
    Ich betrachte es allerdings mir Sorge, wenn ich plötzlich Anfragen erhalte, wie es in einem Lokal war, in dessen Nähe ich nur gewesen bin.

    Ihr habt es euch übrigens sicher schon von Anfang an gedacht: Ich heiße weder Wibstet noch Wibi Stet. Und wenn auch alles andere, was ich so blogge der Wahrheit entspricht, mein Mann heißt selbstverständlich auch nicht Er.

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