In den Fluten

Erst wenn du in den Fluten stehst und von einer Welle erfasst wirst, merkst du, wie viel Kraft sie hat. Manchmal schwimmst du weg. Oder tauchst unter ihr hindurch. Aber manchmal ringt sie dich auch brutal nieder. Zwingt dich mit aller Macht und Gewalt zu Boden, hält dich unter Wasser und lässt dich erst dann wieder atmen, wenn sie sich ausgetobt hat.

Dein Fehler.

Du warst nicht schnell genug, hast dich nicht in Sicherheit gebracht, vielleicht nicht mal aufgepasst.

Mein Fehler, dass ich wie angewurzelt stehen blieb, als die Welle auf mich zurollte und Meter um Meter größer wurde. Dass ich noch nicht mal den Versuch unternahm, ihr zu entkommen. Auch nicht, als sie immer größer und bedrohlicher wurde.

Irgendwann würde sie brechen, sich austoben und ins Meer übergehen. Und mit dieser einen Träne zu viel setzte sich die Katastrophe dann auch brachial in Gang.

Eine unfassbar große Welle brodelnder Emotionen drückte mich nieder, fesselte mich mit aller Gewalt am Boden. Verzweifelung, Resignation, Ratlosigkeit, Traurigkeit, Wut, Hass, Gewalt.

Sie war so übermächtig.

Und ich konnte einfach nicht mehr.

Nicht mehr schwimmen, nicht mehr strampeln, nicht mehr kämpfen. So viele Tränen, so viele Emotionen, so viele Wellen.

Ich will aufgeben.

So lange gekämpft und gewehrt. So lange stark und disziplniert gewesen. Aber ich kann nicht mehr.

Zweieinhalb Jahre nach dem letzten Mal halte ich wieder eine Zigarette in der Hand. Sie war so lange mein Anker, mein Halt, meine Insel. Keine Welle, die ich nicht irgendwie händeln konnte.

Noch bevor sie glühte, griff man meine Hand und zog. Ein Rettungsring in den Fluten.

Zwar noch kein Ende, aber ein Anfang.

Und nicht weniger als das.

Der Text entstand im Rahmen des .txt-Projektes zum Wort „Anfang„.

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2 Gedanken zu “In den Fluten

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